Otto Hans Ressler für #kkl60 „In den Rückspiegel“
Schöne Kunst
Der Besucher stand ganz allein in der großen Halle im 21er Haus des Belvedere in Wien. Er wirkte verwirrt. Er schien nicht bereit zu sein, auch nur einen Schritt weiter in den Ausstellungsraum hineinzugehen. Er drehte ruckartig den Kopf, als suche er, wie ein ins Scheinwerferlicht geratenes Reh, nach einem Fluchtweg. Aber er sah nichts als Wände, auf denen großformatige, schwarze Bilder hingen, und unregelmäßig im Raum verteilte Bronzeplastiken, die Projektile oder Phalli oder was auch immer darstellen sollten.
Theodor W. Adorno, als Aufseher verkleidet, näherte sich behutsam.
„Suchen Sie etwas?“, fragte er. „Kann ich Ihnen helfen?“
Der Besucher schüttelte den Kopf. Seine Augen gingen noch immer ratlos hin und her.
„Sie können mir vertrauen“, versuchte es Adorno erneut. „Ich gelte als ganz ausgezeichneter Kunstkenner.“
„Ich wollte ins Belvedere“, äußerte sich, nach einer längeren Pause, der Besucher. „Ich glaube, man hat mich versehentlich hierhergeschickt. Ich wollte mir Bilder von Waldmüller ansehen. Den Fronleichnamsmorgen.“
„Aha. Warum gerade dieses Bild?“, fragte Adorno.
„Ich bin fremd hier. Eigentlich nur auf der Durchreise. Ich war deprimiert. Der Fronleichnamsmorgen sollte mich aufheitern.“
„Die Kunst ist doch nicht zu Ihrer Erheiterung da!“ erregte sich Adorno.
„Wozu sonst?“ wagte der Besucher zaghaft zu erwidern.
„Kommen Sie!“ schlug Adorno vor, nahm den Besucher am Arm und führte ihn zu einer Bank, die sich in der Mitte des Ausstellungssaales befand. Von hier aus hatte man einen guten Blick auf den Schweizer Garten, was den Besucher zu beruhigen schien, weil er nicht mehr ständig die schwarzen Bilder und erigierten Penisse vor Augen hatte.
Nachdem sie Platz genommen hatten, suchte der Philosoph Blickkontakt mit dem Besucher: „Kunst“, erklärte er, „Kunst ist die gesellschaftliche Antithesis zur Gesellschaft, nicht unmittelbar aus dieser zu deduzieren.“ Er konnte sich gerade noch beherrschen, seinen Finger mahnend zu heben. „Kunst ist unendlich diffizil auch darin, dass sie zwar ihren Begriff transzendieren muss, um ihn zu erfüllen, dass sie jedoch dort, wo sie dabei Realien ähnlich wird, sich der Verdinglichung anpasst, gegen die sie protestiert.“
„Leider habe ich kein Wort verstanden“, gestand der Besucher kleinlaut ein. „Ich wollte doch nur etwas Schönes sehen, um wieder etwas Hoffnung zu schöpfen. Etwas Trost zu finden.“
„Es tut mir leid, dass ich Ihnen das sagen muss“, erklärt Adorno, von der Bank aufstehend. „Aber die Schönheit ist tot!“
Er wischte sich mit der Hand über die kahle Stirn, nahm seine Brille ab, etwas, das er oft machte, wenn er intensiv über ein Problem nachdachte, und begann sie mit seiner Krawatte zu putzen.
„Tot?“, flüsterte der Besucher. Sein Blick wanderte über die schwarzen Bilder. Man spürte, dass er aufstehen und gehen wollte, es aber nicht wagte, weil er fürchtete, Adorno damit zu brüskieren.
„Tot!“, bestätigte dieser mit einem strengen Blick. Dann schien er sich zu besinnen und wandte sich mit einem aufgesetzt wirkenden Lächeln an den Besucher.
„Sagen Sie mir“, erkundigte er sich in verbindlichem Ton, „was Sie sehen, wenn Sie einen Waldmüller anschauen.“
Der Besucher wirkte noch immer irritiert. Man merkte, dass er dieses Gespräch eigentlich nicht führen wollte. Aber er sah keinen Ausweg, ohne unhöflich zu erscheinen.
„Ich weiß es nicht genau“, antwortete er leise, nachdem er lange nach den richtigen Worten gesucht hatte. „Ich glaube, ich suche angesichts einer Welt, die im Elend versinkt, angesichts von Kriegen, Umweltzerstörung, Klimawandel, Hunger und der himmelschreienden Ungerechtigkeit einfach: Schönheit!“
Der Philosoph sah ihn streng an.
„Schönheit“, wiederholte er das letzte Wort seines Gesprächspartners; er sprach es gedehnt aus, als handle es sich um etwas Obszönes. Doch dann beherrschte er sich, schüttelte bloß den Kopf und wischte sich erneut über den Kopf. Plötzlich war ihm sehr heiß.
„Aber geht es bei der Kunst nicht um Schönheit?“, wagte sich der Besucher endlich zu fragen. „Ist es nicht so, dass die Aufgabe der Kunst darin besteht, die Gefühle zu veredeln und im Gewand des Schönen den Geist des Guten zu fördern?“
Adorno schüttelte angesichts solcher Unvernunft resignierend den Kopf.
„Es wäre barbarisch“, hub er schließlich an, „Bilder zu malen, die schön sind. In einer pervertierten Welt kann sich die Kunst mit dem Wahren, Schönen und Guten nur noch besudeln. Sie muss hässlich sein, verstehen Sie, mein Herr? Sie muss hässlich sein, um eine hässliche Welt zu denunzieren! Sie muss hässlich sein zu Ehren der vergewaltigten Schönheit!“
Er hatte sich in Rage geredet und steigerte sich noch weiter hinein: „Kunst muss wehtun!“ rief er. „Sie muss die Lüge der gesellschaftlichen Zustände ans Licht zerren! Die Wut, die einem Kunstwerk entgegenschlägt, ist geradezu ein Gradmesser für seine Bedeutung. Die Sinnlosigkeit muss zum Formprinzip werden! Nur so kann die Kunst der authentische Spiegel einer sinnentleerten Welt sein!“
„Ja“, gab der Besucher flüsternd zurück, „ich verstehe. Deshalb also sind hier alle Bilder schwarz.“ Er schüttelte traurig den Kopf.
Aber Adorno hatte ihn längst vergessen. Er hatte sich hoch aufgerichtet. Seine Augen leuchteten.
„Ja!“, rief er aus. „In einer pervertierten Welt kann die Kunst nur finster und schwarz sein! Sie muss auf ihrer Differenz bestehen! Sie muss sich rigoros jeder Kommunikation verweigern, sie muss die Zumutung des Verstandenwerdens zurückweisen. Die Kunst muss sich jeglicher Forderung nach Sinn verschließen! Sie muss auf ihr Anderssein pochen und sich im Widerspruch bewahren, in der Dissonanz, im Nichtidentischen, im Fragmenthaften!“
Der Besucher gab sich endlich einen Ruck. Er stand auf und reichte Adorno die Hand. „Ich bedanke mich. Ich habe nun endlich verstanden, was zeitgenössische Kunst will.“
„Das ist gut“, freute sich Adorno. „Das ist sogar sehr gut.“ Dann, nach einer Weile, als ihm klar wurde, dass es nichts mehr hinzuzufügen gab, fragte er:
„Und was werden Sie jetzt tun?“
„Jetzt“, sagte der Besucher, „jetzt werde ich das richtige Belvedere suchen und mich dort nach dem Fronleichnamsmorgen erkundigen.“
Adorno sah ihm kopfschüttelnd nach: „Es ist immer dasselbe“, murmelte er vor sich hin. „Die Kunst will den Leuten die Wahrheit nahebringen. Aber die Leute wollen nichts, als der Wahrheit zu entfliehen.“
Er zog den Mantel aus, der ihn als Aufseher identifizierte, und warf ihn im Weggehen achtlos auf den Boden.
Otto Hans Ressler
Ich wurde in Knittelfeld, Steiermark, also in Österreich geboten. Ab 1978 war ich
Direktor des Grazer Dorotheums, ab 1986 Direktor der Kunstabteilung des Wiener
Dorotheums, ab 1993 geschäftsführender Gesellschafter des Auktionshauses im
Kinsky, ab 2014 geschäftsführender Gesellschafter der Ressler Kunst Auktionen.
2015 wurde ich als Kunstmediator des Jahres ausgezeichnet.
Neben Beiträgen in Anthologien, in Literatur- und Kunstzeitschriften sind von mir 19
Romane, Novellen und Sachbücher erschienen, zuletzt bei Böhlau, Va Bene und Edition
Splitter. Meine letzten Veröffentlichungen: 2019 Die Verleumdung, 2021 Dort endet
unsere Kunst, 2022 Kardinal und Hure sowie Heiße Tage auf Teneriffa, 2023 Und endlich
wird es still, 2025 Der Puck.
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