Barbara Dvoran für #kkl60 „In den RTückspiegel“
Familienfahrt
Die Kinder winken lächelnd den Menschen in den anderen Autos zu. Wir sind keine der Eltern, die das kommentieren. Wir sind keine der Eltern, die das fördern oder verhindern wollen. Wie sich die Kinder während der langen Autofahrt unterhalten, sollen sie selbst entscheiden. Wir sind nicht wie unsere Eltern, bei denen es unzählige Regeln zu befolgen gab und sogar, wenn man sie befolgte, man ab und zu eine Ohrfeige bekam oder sich für etwas entschuldigen musste, was man nicht verstanden hatte. Mein Onkel Tschockerl hatte schon mit dreißig eine Glatze – und im Gegensatz zu meinen Eltern war er nie beleidigt, sondern zwinkerte mir und meinem Bruder zu, steckte uns heimlich gefaltete Geldscheine in die Jackentasche und bot uns Zigaretten und Schnaps an, sobald wir vierzehn waren. Heutzutage grüßen unsere Kinder Großonkel Tschockerl nicht einmal von sich aus. Eine ihrer Entscheidungen.
Unsere Fahrt letztes Jahr war anders. Wir mussten besonders lange an der Grenze warten, und das mit quengelnden Kindern. Aus dem Audi vor uns stieg plötzlich ein junger Mann, lächelte und schenkte mir und meinem Mann je einen Energy Drink. Schon lange bevor wir die Kinder bekommen haben, hatten wir keinen Energy Drink mehr getrunken. Früher tranken wir zumindest jedes Wochenende zwei oder drei, mit Wodka versteht sich – die wahrscheinlich ungesündeste Mischung. Heute kann ich nicht mehr schlafen, wenn ich nach 15 Uhr Kaffee trinke.
An diesem Tag im Auto haben wir ihn beide getrunken, den Energy Drink. Wir schalteten die Musik von früher ein. Die Proteste der Kinder ließen nach dem zweiten Lied bereits nach und auch sie versuchten, mitzusingen. Because we are your friends[1]…. An diesem Tag dachten wir an die Sommer in Griechenland. An unsere Insel und all die durchtanzten Nächte und heißen Strandtage mit unseren Freunden. Mr. Brightside war unser Lieblingslied gewesen und sogar ich, die sonst nicht freizügig war, zog damals im Club ihr Shirt aus und wirbelte es, wie mein Mann seines – in diesen Jahren stolz auf seinen Oberkörper – in der Luft. Wir kreischten beide zu:
Jealousy
Turning saints into the sea
Swimming through sick lullabies
Choking on your alibis
But it’s just the price I pay
Destiny is calling me
Open up my eager eyes
‚Cause I’m Mr. Brightside[2]
An diesem Tag im Auto schauten uns die Kinder mit großen Augen an. Ihr Blick kreiste zwischen Bewunderung und Peinlichkeit. Wir öffneten die Fenster auf beiden Seiten, was wir sonst nie taten. Den Kindern könnte die Zugluft schaden. An diesem Tag öffneten wir sie, tranken aus umweltfeindlichen Dosen, stellten uns den Wodka dazu vor und sangen – wie damals – laut und falsch zu Mr. Brightside.
An diesem Tag sahen wir beide mit unseren roten Sonnenbrillen in den Rückspiegel und spürten das Verliebtsein wieder. Den Rausch, die Leichtigkeit, die Freude am Streit, den vielen Sex, die Eifersucht, die banalen philosophischen Erkenntnisse, die uns nächtelang betrunken vor der kleinen, weiß bemalten Steinmauer auf unserer Insel, beschäftigten. All die Gründe, warum wir zu einem Wir geworden waren. All die Gründe, warum wir plötzlich, nach Jahren der eigenartigen Jugend, Verwirrtheit und Launenhaftigkeit glücklich gewesen waren. An diesem Tag im Auto waren sie plötzlich alle wieder da.
Dieses Jahr ist es wie immer. Die Kinder winken Fremden und mein Mann lächelt seinen weiß leuchtenden Bildschirm an. Mir ist heiß und ich möchte nicht dieses Auto fahren.
Es wird unsere letzte gemeinsame Fahrt sein. Unsere letzte gemeinsame Familienfahrt. Wenn ich mutig genug bin, was ich nicht weiß. Mein Mann ahnt es vielleicht. Auch wenn er seit Jahren nicht mehr nachfragt, hat er doch diese feine Empfindung für meine Gefühle immer schon gehabt und kennt mich manches Mal besser als ich mich selbst.
Unsere Kinder ahnen nichts. Sie kennen uns nicht anders. Sie sind gewohnt, dass wir die Liebe, die uns an einem kräftezehrenden Tag übrigbleibt, ihnen schenken. Dass wir Freitagabend streiten und am Sonntag versuchen, Idylle aufzubauen, wie eine klumpige, feuchte Sandburg. Nur letztes Jahr, an diesem Tag im Auto, da sahen sie uns, wie wir, wir als WIR, wirklich waren.
Seit diesem Tag im Auto möchte ich mein kleines winziges Puzzleteil, eines der bunten Kinderpuzzles mit zu vielen Teilen, mein Teilchen dieser Freiheit und dieses riesig starken Lebensgefühls zurück. Ich habe ein Jahr lang an nichts anderes denken können. Doch mein Mann hat den Tag wieder ausradiert. Mit der Rückseite des Bleistifts meiner kleinen Tochter. „Mach dich nicht lächerlich,“ sagte er noch in denselben Ferien.
Ich hätte nicht in den Rückspiegel sehen dürfen.
Barbara Dvoran wurde in Wien geboren und spricht fließend Portugiesisch und Italienisch. Sie studierte Deutsche Philologie mit Schwerpunkt Sprachwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als Autorin und Universitäts-Lektorin für Deutsch. Seit 2021 erscheint ihr linguistischer humorvoller Blog „Sprachgemisch“ in der Zeitung der Standard.
[1] Justice: We Are Your Friends
[2] The Killers: Mr. Brightside
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