Domi Caella für #kkl60 „In den Rückspiegel“
Weichenstellung: Entscheidung am Bahngleis
Tamara starrt auf das Messer in ihrer Hand. Blut glänzt auf der Klinge. Ihre Finger krallen sich so fest um den Griff, dass die Haut über den Knöcheln bleich hervorsticht. Die Hand zittert. Ihre Schultern beben. Tränen rinnen ihre Wangen hinab.
Wie konnte das passieren? Wie hat alles in diese Spirale geführt, in der nur noch eine Richtung offen steht?
Schnellen Schrittes hetzt sie auf und ab, vor sich das Bahngleis, ein stählerner Pfad ins Nichts. Sie kaut an ihrem Daumennagel. Ihre Gedanken kreisen, kreuzen sich, reißen einander mit. In der Ferne ertönt das Rattern eines Zuges. Dumpf. Gleichmäßig. Unerbittlich.
Ein Schritt. Nur ein einziger Schritt nach vorn. Kein Gefängnis. Keine Schulden. Keine Gesichter mehr, die sie verachten.
Ein Schritt, und alles ist vorbei.
*
Drei Stunden zuvor.
Zahlen flackerten, Wettquoten liefen durch. Tamara saß regungslos da, die Augen starr auf den Bildschirm gerichtet, die Hände zu Fäusten geballt. Ein Lächeln, das mehr Hoffnung als Gewissheit trug, eingefroren in ihrem Gesicht. In ihren Schläfen hämmerte das Blut.
Die letzte Wette. Ihre letzte Chance.
Die Anzeige aktualisierte sich. Eine Zahl leuchtete auf, dann eine zweite. Die Spannung riss, Tamaras Lächeln zerfiel.
Alles verloren.
*
Fluchend rannte sie durch die Wohnung, raufte sich die Haare, knabberte an den Nägeln, schlug mit der Faust gegen die Küchentür. Sie musste an Geld kommen. Jetzt. Sofort. Ein Kredit? Keine Chance. Freunde? Abgewendet. Familie? Schon lange verschlossen. Die Optionen schrumpften wie ein sich zuschnürender Hals.
Banküberfall? Der Gedanke schoss durch ihren Kopf und blieb dort einen Moment hängen, ehe sie ihn mit einem kurzen Lachen abschüttelte. Absurd. Sie, die Verliererin, sollte eine Bank überfallen?
Dann hielt sie inne. Ihr Blick verlor sich im Raum.
Keine Bank. Etwas Kleineres. Weniger Risiko. Die Trafik von letzter Woche vielleicht? Abgelegen, überschaubar, Abends kaum was los. Vielleicht lag dort genug in der Kasse, um sich Luft zu verschaffen, zumindest für ein paar Wochen.
Sie griff nach der Winterjacke und durchwühlte die Taschen. Eine schwarze Sturmhaube. Perfekt. Dazu ein Messer aus der Küche. Sie steckte beides ein, zog die Jacke an und trat vor den Spiegel.
Das Gesicht, das ihr entgegenblickte, war bleich, fremd. »Du schaffst das«, flüsterte sie. Ihre Stimme klang dünn, wie durch Watte gedrückt.
*
Die Straße war wie ausgestorben. Kein Mensch, kein Auto weit und breit. Dämmerlicht legte sich über die Häuserfronten. Eine kühle Brise wehte Laubblätter über die Straße. Tamara stand an der Ecke, das Handy in der Hand. Mit ihrem Daumen tippte sie auf dem Display herum, willkürliche Bewegung ohne Sinn oder Ziel. Ihr Blick klebte an der Trafik. Zwei Kunden noch, dann war es so weit.
Eine Frau trat aus dem Geschäft hinaus, warf einen kurzen Blick zurück und verschwand in einer Seitenstraße. Ein Mann folgte kurz darauf, verzog das Gesicht über die Kälte, schlug den Mantelkragen hoch und ging die Straße entlang.
Jetzt.
Tamara atmete tief durch und überquerte die Straße. Durch das Fenster sah sie den Inhaber, der mit dem Rücken zur Tür stand, damit beschäftigt, Zigaretten nachzufüllen. Die Gelegenheit war da.
Noch ein kurzer Blick über die Schulter. Niemand zu sehen. Sie zog die Haube über den Kopf und holte das Messer aus der Tasche. Ihre Finger zitterten, als sie mit der freien Hand den Türgriff fasste.
Sie biss die Zähne zusammen und trat ein.
*
Ihr Herz pochte bis in den Hals, als sie die Tür hinter sich schloss und das Geschlossen-Schild nach außen drehte. Ein tiefer Atemzug, der mehr ein Stoßgebet war, dann rannte sie los, direkt auf den Tresen zu.
»Kasse! Jetzt!«, stieß sie hervor. Die Worte klangen fremd in ihren Ohren, zu hoch, zu brüchig.
Der Trafikant zuckte zusammen und drehte sich langsam um. »Mädl … hier gibt’s nichts zu hol’n. Geh, und wir vergess’n das hier.« Seine Stimme war ruhig, fast mitleidig.
Tamara hob das Messer. »Ich meine es ernst. Geld her! Sofort!«
Die Hände des Mannes glitten in die Höhe. »Überleg, was du da tust, Mädl. Dafür gibt’s kein Zurück.«
Tamaras Puls raste. Die Luft schien dicker zu werden. Nahm der Typ sie nicht ernst? Was bildete der sich ein?
Sie stürmte um den Tresen herum, das Messer vorgestreckt. Ihre Hand zitterte. »Letzte Warnung! Kasse auf!«
Der Trafikant wich zurück, die Augen fest auf die Klinge gerichtet.
Eiskalter Schweiß rann Tamaras Schläfen hinab. Ihr ganzer Körper bebte, als sie einen weiteren Schritt auf den Mann zuging.
Einen Schritt zu weit.
Der Mann packte eine Kiste. Blitzschnell und mit voller Wucht schleuderte er sie gegen ihren Kopf.
Schmerz durchzuckte ihren Körper. Kurz war alles schwarz. Sie schrie auf, taumelte rückwärts.
Der Trafikant fasste ihren bewaffneten Arm, presste ihr Handgelenk auf den Tresen und riss ihr die Haube vom Kopf.
Tamara erstarrte. Panik schoss durch sie. Ihr Herz raste. Sie wollte sich losreißen, doch der Griff war fest wie ein Schraubstock.
Mit ihrer freien Hand stieß sie zu. Ihre Finger bohrten sich in die Kehle des Mannes. Er keuchte, reckte sich, wankte zurück. Aber er ließ nicht los. Noch einmal. Der Trafikant blockte den Schlag. Sie trat ihm zwischen die Beine. Sein Griff lockerte sich. Tamara riss sich los und warf sich gegen ihn.
Blind, rasend, in einem Schwall aus Angst, Wut und Überforderung stach sie zu.
Stille.
Kein Schrei. Kein Fluch. Nur das Rauschen in den Ohren und das Keuchen ihres eigenen Atems.
Der Griff ragte aus dem Leib des Trafikanten. Die Augen des Mannes weiteten sich, sein Mund formte ein Wort, das nie kam.
Sie taumelte zurück. Zog das Messer heraus, stolperte. Blut ergoss sich auf die Fliesen. Der Körper sackte in sich zusammen.
Was hatte sie getan?
*
Tamara rannte. Ihre Beine bewegten sich, ohne Ziel, ohne Richtung. Menschen wichen vor ihr zurück. Sie stürmte weiter. Die Stadt verschwamm. Zeit verlor jede Bedeutung.
Irgendwann konnte sie nicht mehr.
Sie blieb stehen. Vor sich das Gleisbett.
*
Das Rattern ist schon ganz nah. Tamara steht reglos da, das Messer noch immer in der Hand. Blut an der Klinge. Blut an ihr. In ihrem Kopf kreisen keine Gedanken mehr, es herrscht nur noch Leere.
Ein Piepen.
Das Handy. Reflexartig zieht sie es aus der Tasche. Eine Videonachricht.
Ihre Tochter. Ihre ersten Schritte. Unbeholfen, tapsend. Die kleinen Hände umklammern die des Großvaters, ihr Gesicht strahlt. Kurz stolpert sie über ihre eigenen Beine und quiekt auf. Ihre Finger krallen sich fester um die Hände des Großvaters. Sie erlangt ihr Gleichgewicht wieder und lacht stolz in die Kamera. Ein Moment puren Lebens.
Tamara schließt die Augen und presst das Handy an ihre Brust.
Der Zug ist fast da. Das Rattern dröhnt in ihren Ohren. Das Gleis bebt.
Tamara holt tief Luft.
Dann dreht sie sich um und geht, um sich ihrer Verantwortung zu stellen.
Der Zug rast hinter ihr vorbei.
Schon als Kind liebte Domi Caella das Schreiben. Doch das Erwachsenwerden brachte andere Prioritäten mit sich. Erst viele Jahre später, als die Erkrankung ME/CFS sie aus dem Berufsleben riss und in ein stilles, dunkles Zimmer zwang, kehrte das Erzählen zurück. Aus der Not wurde Zuflucht, aus Fantasie ein Raum zum Atmen. Heute, da sich ihr Zustand gebessert hat, schreibt sie wieder.
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