Objects in mirror are closer than they appear

Christian Knieps für #kkl60 „In den Rückspiegel“




Objects in mirror are closer than they appear

Manchmal, wenn die Sonne so tief steht, dass sie nicht nur die Straße, sondern auch die eigenen Erinnerungen vergoldet, dann scheint es, als würde alles, was hinter einem liegt, plötzlich näher kommen, als hätte es sich entschlossen, den Abstand, den man sich mühsam erarbeitet hat, einfach zu ignorieren, und in solchen Momenten denke ich an diesen Satz, den ich irgendwann auf einem Rückspiegel gelesen habe – Objects in mirror are closer than they appear –, und ich frage mich, ob er nicht weniger eine Warnung als eine Wahrheit ist, nicht für Autofahrer, sondern für alle, die versucht haben, von etwas davonzueilen.

Denn die Straße vor mir ist gerade und leer, sie zieht sich wie ein aufgeschlitzter Gedanke durch die Landschaft, irgendwo zwischen den vergessenen Dörfern, die nur aus einer Tankstelle und einem verwitterten Zebrastreifen zu bestehen scheinen, und dem Meer, das ich noch nicht sehen kann, aber das in meinem Kopf schon rauscht, und während der Motor summt, ein gleichmäßiges, beruhigendes Geräusch, das fast schon wie Atmen klingt, tauchen im Rückspiegel Gesichter auf, die ich längst hätte vergessen sollen, aber da sind sie, klarer als der Asphalt, der unter den Reifen verschwindet, und ich begreife, dass Erinnerung kein Ort ist, sondern ein Drängeln, ein Aufblitzen – wie ein hartnäckiges Klopfen an die Tür des Bewusstseins, das man nie ganz abschließen kann.

Ich erinnere mich an sie, wie sie auf dem Beifahrersitz saß, die Füße auf dem Armaturenbrett, obwohl ich jedes Mal sagte, sie solle das lassen, und sie grinste nur, dieses grinserische Grinsen, das sagte: Ich weiß, du meinst es ernst, aber ich nehme dich nicht ganz ernst, weil du zu sehr versuchst, kontrolliert zu wirken, und Kontrolle ist doch das Gegenteil von Leben, und während ich damals tat, als würde mich das ärgern, war ich heimlich dankbar, dass sie genau das war – unberechenbar, gegenläufig, frei, wie ein Windstoß, der den Rauch einer Zigarette in die falsche Richtung bläst.

Jetzt, Jahre später, höre ich im Radio irgendein Lied, das sie gemocht hätte, eines von diesen endlosen Achtziger-Dingern mit überzogener Dramatik und zu viel Hall auf der Stimme, und ich ertappe mich dabei, wie ich mitsumme, obwohl ich damals behauptet habe, das sei Kitsch, und vielleicht war es das auch, aber wer will schon leben ohne eine Spur von Kitsch, wenn der Himmel plötzlich violett wird und das Licht die Dinge weichzeichnet, so dass man fast glauben könnte, die Welt sei ein Ort, an dem sich alles irgendwann erklärt.

Aber das tut es nicht, das weiß ich, weil jede Meile, die ich fahre, nur die Entfernung zwischen damals und jetzt verlängert, und gleichzeitig verkürzt, paradoxerweise, denn je weiter ich fahre, desto schärfer werden die Konturen dessen, was ich zurückgelassen habe, als hätte der Rückspiegel eine eigene Art von Zeit, eine, in der nichts wirklich vergeht, sondern nur weiter existiert, ein wenig blasser, aber immer noch greifbar genug, um mich ab und zu zu streifen, wie ein Schatten auf der Fahrbahn, dem man nicht ausweichen kann, ohne ins Schleudern zu geraten.

Wahrscheinlich ist das der eigentliche Grund, warum Menschen fahren, dachte ich, nicht um irgendwo anzukommen, sondern um das, was hinter ihnen liegt, in Bewegung zu halten, um es nicht ganz zu verlieren, weil Stillstand das wahre Vergessen ist, und so halte ich den Wagen in der Spur, sehe, wie die Kilometeranzeige sich beharrlich weiterdreht, als würde sie heimlich die Zeit zählen, nicht die Strecke, und irgendwo hinter mir, in diesem kleinen rechteckigen Spiegel, glitzern Momente auf, die ich nicht festhalten kann, aber auch nicht loswerde.

Ich erinnere mich an den letzten Streit, an diesen absurden Moment, als sie ausstieg, mitten auf der Landstraße, die Hände in die Hüften stemmte und sagte, sie gehe jetzt zu Fuß weiter, und ich lachte zuerst, weil ich dachte, sie macht Witze, aber sie ging wirklich, einfach so, ohne sich umzudrehen, und ich saß da, im Auto, und wartete eine Minute, zwei, vielleicht zehn, und irgendwann fuhr ich weiter, weil irgendwas in mir sagte, dass sie genau das wollte – dass ich fahre, dass ich Abstand gewinne, dass ich verstehe, dass Nähe manchmal nur bedeutet, den anderen ziehen zu lassen, weil man sonst beide stehenbleibt.

Jetzt, Jahre später, sehe ich sie immer noch da, kleiner werdend im Rückspiegel, ein Punkt zwischen Himmel und Asphalt, und manchmal frage ich mich, ob sie sich jemals umgedreht hat, ob sie gesehen hat, wie ich davongefahren bin, oder ob sie einfach weiterging, in irgendeine Richtung, die nicht mehr meine war, und ob sie heute, irgendwo, vielleicht auch in einen Spiegel blickt und denkt, dass die Dinge, die man zurücklässt, nie ganz verschwinden, sondern sich nur in einen anderen Winkel der Erinnerung verschieben.

Die Dämmerung kommt, wie sie das immer macht, leise und unaufhaltsam, und ich schalte die Scheinwerfer ein, sehe die Reflexion der Lichter im Glas, sehe mich selbst darin, älter, müder auf jeden Fall, aber auch ruhiger und reifer, und plötzlich begreife ich, dass der Rückspiegel nicht nur zeigt, was hinter mir liegt, sondern auch, wer ich damals war, und dass dieses Bild, verzerrt, flüchtig, von der Vibration der Straße durchzogen, womöglich ehrlicher ist als jedes Foto, das ich je gemacht habe.

Während ich fahre, denke ich, dass es mitunter gar nicht schlimm ist, wenn die Objekte im Rückspiegel näher erscheinen, als sie wirklich sind, weil Nähe eine Illusion ist, die wir brauchen, um nicht ganz zu zerfallen, eine Art Selbstbetrug, der das Weiterfahren ermöglicht, und dass das Leben, wenn man ehrlich ist, nichts anderes ist als eine Abfolge solcher Spiegelungen – manche klar, manche verstaubt, andere gar beschlagen vom eigenen Atem –, und dass die Straße, die vor einem liegt, nur dann Sinn ergibt, wenn man ab und zu hineinschaut in das, was man hinter sich glaubt.

Ich beschleunige, nicht aus Eile, sondern aus Trotz, als wollte ich der Physik selbst beweisen, dass Bewegung kein Entkommen ist, sondern ein Kreisen, und dass irgendwo hinter der nächsten Kurve die Vergangenheit auf mich wartet, nicht als Gespenst, sondern als Mitfahrerin, die lächelt und sagt: Na, endlich wieder unterwegs?, und ich würde lachen und sagen: Ja, aber diesmal fahre ich nicht davon, sondern dorthin, wo die Spiegel anfangen, ehrlich zu werden.

Daher fahre ich weiter, die Straße wird schmaler, der Himmel dunkler, das Radio rauscht, und ich denke, dass es vielleicht gar nicht so wichtig ist, wohin man fährt, solange man den Blick nicht ganz verliert – nicht nach hinten, nicht nach vorn, sondern dorthin, wo beides sich für einen Moment berührt, in diesem schmalen, vibrierenden Rechteck zwischen Erinnerung und Richtung, zwischen dem, was war, und dem, was noch werden könnte.




Christian Knieps, geb. 1980, lebt und arbeitet als Abteilungsleiter bei DHL Express in Bonn und schreibt Theaterstücke (veröffentlicht im adspecta Theaterverlag, Plausus Theaterverlag, meintheaterverlag und Ostfriesischer Theaterverlag), Kurzgeschichten (in einigen Zeitschriften wie Dreischneuß, experimenta, Litges… veröffentlicht) und Romane.

http://christianknieps.net/

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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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