In den Rückspiegel

Dilara Altun für #kkl60 „In den Rückspiegel“




In den Rückspiegel

Es wurde mir auferlegt, in den Rückspiegel zu schauen.
Nicht in dem Sinne, wie es die Verkehrsordnung vorsieht,
sondern in einem anderen, dessen Definition mir nicht mitgeteilt wurde.
Man hatte mir gesagt: „Sie müssen es tun.“
Von wem? Das Protokoll schwieg.
Die Anordnung lag eines Morgens auf meinem Tisch,
eingelegt in die gläserne Fläche des Spiegels selbst,
als eingewachsene Schrift, die sich nur entziffern ließ,
wenn man den Kopf ganz schief hielt und das Atmen einstellte.
Die Pflicht war klar, ihr Grund ein undurchdringliches Grau.

Zuerst befolgte ich die Vorschrift mechanisch.
Ein kurzer, flacher Blick. Die Straße hinter mir.
Sie war leer. Immer. Eine merkwürdige Leere,
die nicht tröstete, sondern bedrückte.
Es war, als würde die Welt hinter meinem Rücken
Sofort aufhören zu existieren, aufgehoben durch den Akt
Des Vorwärtsfahrens. Eine amtliche Löschung.
Ich meldete dies mittels des vorgeschriebenen Formulars B/7
„Beobachtung der Leere“.
Es kam keine Antwort. Die Pflicht blieb.

Dann begann die Veränderung. Nicht im Spiegel.In mir.
Eine Art von Unbehagen, das wuchs,
ein Parasit des Gewissens, für den es in den medizinischen Tabellen
keine Nummer gibt. Der Spiegel zeigte weiterhin die leere Straße.
Aber ich begann zu wissen– nicht zu sehen, zu wissen –,
dass auf dieser leeren Straße Dinge lagen.
Unsichtbare, zurückgelassene Dinge.

Ein Wort, das ich gesprochen hatte, scharf und endgültig.
Es lag dort wie ein schwarzer, unförmiger Klecks Asphalt.
Eine unterlassene Handlung. Sie lag da wie eine Sperre,
winzig, doch unüberwindlich für jedes kommende Fahrzeug.
Die Schuld war nicht im Spiegel. Sie war im Raum
Zwischen meinen Augen und der Glasfläche.
Ein festinstalliertes, unsichtbares Mobiliar.

Ich suchte eine Instanz. Ein Amt für Rückspiegel-Angelegenheiten.
Das Telefonbuch wies unter „R“ nichts dergleichen auf.
Ich schrieb einen Brief an die Abteilung für Innere Spiegelung.
Der Postbeamte nahm ihn entgegen, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Das geht in die Nachgebühr“, sagte er nur.
Ich wartete. Während ich wartete, schaute ich weiter.
Die Straße füllte sich nun mit den Gespenstern der Möglichkeiten.
Nicht mit dem, was geschehen war, sondern mit dem,
was hätte geschehen können, wenn ich abgebogen wäre.
Ein Gesicht, das ich hätte sehen können.
Eine Hilfe, die ich hätte leisten können.
Sie standen am Straßenrand, diese Gespenster,
und winkten nicht. Sie starrten nur.
Ihr Blick war kein Vorwurf. Er war schlimmer.
Er war die reine, amtliche Feststellung einer Unterlassung.

Die ethische Komponente, so schien es mir nun,
war kein erhabener Grundsatz. Sie war ein bürokratischer Akt.
Ein unendliches Formular, das ich von hinten nach vorne ausfüllte,
in einer Sprache, die ich nur halb verstand.
Jede Handlung, jedes unterdrückte Wort
War ein Eintrag in diesem Formular.
Und der Rückspiegel war das Lesegerät,
das diese Einträge sichtbar machte, aber nur mir allein.
Es gab keine vorgesetzte Stelle, der ich es vorlegen konnte.
Nur die Pflicht, es zu führen. Und die Qual der Deutung.

Ich befragte den Spiegel direkt. Ich sagte: „Was willst du?“
Er schwieg, wie es sich für ein Amtsschild gehört.
Ich sagte: „Zeig mir die Regel, nach der ich beurteilt werde!“
Er zeigte nur die sich verjüngende Straße, jetzt
Bevölkert von den schemenhaften Akten meines Lebens.
Sie stapelten sich zu Türmen, sie wackelten bedrohlich,
aber sie fielen nie um. Sie blockierten nur die Sicht.
Die Vorschrift des Spiegels war es, zu zeigen.
Die Vorschrift für mich war es, hinzusehen.
Die Strafe war das Wissen um die Sinnlosigkeit dieses Vorgangs.
Und doch seine Unabdingbarkeit.

Manchmal, in der Dämmerung, glaubte ich zu verstehen.
Die Moral war nicht in der Handlung oder Unterlassung.
Sie war in der unausweichlichen Spiegelung selbst.
In der Tatsache, dass ich ein Wesen war,
das mit diesem Apparat ausgestattet worden war,
diesem fensterlosen, nach rückwärts gewandten Auge.
Ein Tier hätte keine Pflicht, in den Rückspiegel zu schauen.
Ich aber, ich musste. Es war mein Amt.
Das Amt, mein eigener unbestechlicher, stummer
Und völlig interpretationsbedürftiger Protokollführer zu sein.
Die Qual bestand nicht in der Schuld, sondern in der
unentrinnbaren Position des Schuld-Verwalters.

Ich fahre weiter. Die Anordnung ist in Kraft.
Der Spiegel hängt da, ein gläserner Vorgesetzter.
Ich erfülle meine Pflicht. Ich schaue hinein.
Ich sehe die leere, belebte Straße.
Ich sehe die Aktenberge der Möglichkeiten.
Ich sehe den kleinen, schwarzen Fleck des gesprochenen Wortes.
Ich protokolliere es alles im Stillen.
Es wird kein Urteil gefällt. Es wird nur gesammelt.
Und diese Sammlung, dieses stumme, wachsende Archiv
Hinter meiner Stirn, ist die einzige,
die mir auferlegte, wahrhaft moralische Tatsache.
Ich bin nicht der Richter. Ich bin der Aktenschrank.
Ich bin nicht der Fahrer. Ich bin die Fahrt,
die ihr eigenes Protokoll erzeugt, unleserlich,
unabschließbar, und gegen die niemand Berufung einlegen kann.




Dilara Altun, geboren 2006 in Mannheim, studiert Chemische Technik (B.Sc.) an der
Technischen Hochschule Mannheim. Schon während ihrer Schulzeit am Karl-Friedrich-
Gymnasium sammelte sie erste publizistische Erfahrungen als Schulreporterin und
veröffentlichte persönliche Eindrücke und Texte auf der Schulhomepage.Ihre literarischen
Interessen gelten der Poesie und dem Sprachenlernen







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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