Cleo A. Wiertz für #kkl60 „In den Rückspiegel“
Lange Fahrt
Sie nahmen zunächst die Landstrasse. Ein Schild wies zu einem Dolmen. Es gab viele in der Gegend, bei einer Wanderung hatten sie kürzlich mehrere entdeckt. Martina entsann sich Nicolaes Gesichts, als sie auf der Hochebene standen und in die Runde blickten. Serge war zum Fotografieren von einem Dolmen zum nächsten gegangen, aber Nicolae war einfach stehen geblieben. Sein Gesicht war hell geworden, wie Martina es noch nie gesehen hatte in den zwei Wochen, die sie miteinander verbracht hatten. Sie hätte ihn gerne so fotografiert, aber plötzlich hatte sie eine unklare Scheu verspürt und es sein lassen.
Als sie auf die A 9 einscherten, musste Serge eine Vollbremsung machen, weil ihm jemand vorfuhr. Martina, auf dem Rücksitz, stiess sich den Arm an und tat einen kleinen Schrei. Nicolae fragte : Hast Du dir weh getan? – Geht schon, sagte sie. Nicolae machte auf Rumänisch eine schroffe Bemerkung zu seinem Bruder, der ebenso knapp antwortete. Martinas Sprachkenntnisse waren zu dürftig, um alles zu verstehen, aber sie nahm an, dass Nicolae ihn zur Vorsicht ermahnt hatte.
Serge hatte ihr erzählt, sie hätten das Los geworfen, wer in Bukarest bleiben und wer ins Ausland gehen würde, sie konnten nicht beide gehen. Meine Mutter hätte es nicht überlebt, hatte Serge gesagt. Martina hatte das melodramatisch gefunden. Gab es das wirklich, dass jemand vor Kummer starb?
Serge war nach Frankreich gegangen, hatte studiert und war Anwalt geworden; Martina hatte ihn bei einer Ausstellung kennengelernt. Seitdem war er nur zweimal in Rumänien gewesen, einmal mit Martina, ein anderes Mal beruflich. Zur Beerdigung der Schwägerin, waren sie nicht gefahren, Nicolae hatte es nicht gewollt. Martina entsann sich noch des Telefongesprächs: Lidia ist tot, und das ist gut so – das Ende eines langen unnützen Leidens. Ich komme zu Euch, sobald ich kann. Martina hatte ihn verstanden oder es wenigstens geglaubt.
Jetzt, da Nicolae in Frankreich war, bestand wenig Aussicht, dass sie noch einmal nach Rumänien fahren würden. Keiner aus der Familie war mehr am Leben, und mit den Freunden hatte Serge gebrochen, als er das Land verlassen hatte. Der Gedanke machte Martina plötzlich traurig, sie wusste selbst nicht wieso. Mit Bukarest hatte sie, wie mit allen grossen Städten, nichts anfangen können, und Nicolae und seine Frau hatten sie damals nur kurz gesehen, Lidia war vom Krebs gezeichnet gewesen.
Will jemand ein Eis ? fragte Serge. Nö, sagte Martina. Auch Nicolae winkte ab. Soll ich fahren ? fragte er. Noch nicht, sagte Serge. Nicolae machte eine halblaute Bemerkung, die Martina wieder nicht verstand, aber sie hörte Serge leise lachen und war zufrieden ; die kleine Reiberei von vorhin war offenbar vergessen. Sie fühlte sich nicht ausgeschlossen, wenn die beiden sich auf Rumänisch unterhielten; sie war froh, für einen Moment so etwas wie Kameraderie zwischen ihnen zu spüren.
Martina hatte es seltsam gefunden, dass die beiden kaum miteinander sprachen. Am ersten Tag war es ihr noch verständlich erschienen, Nicolae hatte einen langen Flug hinter sich, und die letzten Wochen waren anstrengend für ihn gewesen; er hatte seine Wohnung gekündigt und alle Möbel verkauft, um zu ihnen zu kommen.
Die beiden Brüder waren so lange voneinander getrennt gewesen – Martina hatte erwartet, dass sie Erinnerungen austauschen oder über Nicolaes Pläne sprechen würden, aber von Anfang an hatte sich ein unklares Schweigen breit gemacht. Serge war normalerweise recht gesprächig, und Nicolae war, als sie ihn bei ihrer Hochzeitsfeier kennengelernt hatte, lebhaft und guter Dinge gewesen. Er sprach ein exzellentes, wenn auch langsames Französisch, sie hatten viel gelacht an jenem Abend. Martina hatte ihn auf Anhieb gemocht, und sie war sofort einverstanden, als Serge vorgeschlagen hatte, ihn aufzunehmen, bis er etwas Eigenes fände. Vielleicht hatte er gefürchtet, dass sie Bedenken anmelden würde – als sie gesagt hatte, na klar, wir werden es ihm schön machen, schien er erleichtert.
Und so war Nicolae gekommen. Als Nicolae am Flughafen durch die Sperre kam, war Martina betroffen, wie sehr er sich verändert hatte ; sein Haar war eisengrau geworden, das Gesicht von tiefen Falten gefurcht. Serge war ihm entgegengegangen, und dann war Nicolae auf Martina zugekommen, und sie hatte ihn umarmt und nach französischer Sitte auf beide Wangen geküsst.
Vom Flughafen aus hatten sie einen Umweg gemacht, damit Nicolae das Meer sehen konnte, dann waren sie zu ihrem Ferienhaus gefahren. Nicolae hatte nur zwei Koffer dabei, die seine gesamten verbliebenen Besitztümer enthielten : Kleidung, Dokumente, ein paar Bücher. Am ersten Abend war er mit einem Paket zu Martina gekommen, die gerade den Aperitif zusammenstellte: Für Dich ! Sie hatte sich die Hände abgewischt, an denen der Saft von Tomaten klebte, und das Paket aufgemacht. Es war eine Decke darin gewesen, ein Patchwork aus Hunderten von gehäkelten Baumwoll-Vierecken in verschiedenen Mustern. Martina hatte ehrfürchtig darüber gestrichen. Sie ist wunderschön, vielen Dank. Meine Mutter hat sie gemacht, hatte er gesagt und war leise hinausgegangen. Martina hatte die Decke erst als Bettüberwurf verwenden wollen, sich dann aber anders besonnen und sie auf die Couch in ihrer Arbeitsecke gelegt, wo sie manchmal sass, wenn sie nachts nicht schlafen konnte.
Auf der Höhe von Nîmes hatte sich der Himmel bedeckt. Jetzt hielten sie doch an, Martina musste auf die Toilette, und alle wollten sich ein bisschen die Beine vertreten. Als sie von der Toilette zurück kam, kaute Serge lustlos auf seiner Pfeife herum, und Nicolae starrte in die Ferne. Sie stiegen wieder ein, diesmal setzte sich Nicolae ans Steuer. Martina beobachtete ihn von ihrer Rückbank aus. Er fuhr ganz anders als Serge, der immer irgendwie herumrutschte oder seine Brille zurechtrückte. Nicolae pflanzte beide Hände aufs Lenkrad und sass still wie ein Klotz, den Blick geradeaus gewandt. Serge, neben ihm, schlief ein.
Martina konnte nie im Auto schlafen. Meist schaute sie aus dem Fenster, oder sie machte sich Notizen für eine neue Arbeit. Dieses Mal fand sie einen neuen Zeitvertreib : Von ihrem Sitz aus konnte sie im Rückspiegel Nicolaes Gesicht sehen, wenigstens die obere Hälfte. Es wirkte verschlossen, dennoch lag eine Wärme darin, die sie anziehend fand. Sie versuchte zu ahnen, was sich hinter seiner Stirn abspielte. Dann verlor sie sich in Gedanken.
Als sie erneut aufschaute, begegneten ihre Augen im Spiegel denen Nicolaes. Sein Blick traf sie wie ein Schlag, obwohl er sanft war, die Augen wolkenfernes Grau. Verwirrt sah sie zur Seite. Neben der Autobahn schimmerte silbrig ein Lavendelfeld.
Martina freute sich, als sie bei Romans auf der linken Seite die Zackenkante des Gebirges auftauchen sah, sie mochte die schroffen Felsen. Heute türmten sich Wolken darüber, ein Gemenge verschiedener Grautöne. Serge wurde wach, räkelte sich und machte eine Bemerkung über das Wetter, aber wie im Selbstgespräch. Vielleicht wurde ihm Martinas anhaltendes Schweigen bewusst, denn er fragte plötzlich : Ist was ?
Die Wolken, sagt Martina, sieh doch, das ist die Farbe, die ich gesucht habe für die Bodenvase. Sie hatte lange daran gearbeitet, ihr eine baumähnliche, asymmetrische Struktur gegeben, es war eines der grössten Objekte, die sie je hergestellt hatte, entgegen ihren Befürchtungen war es mit dem Brennen gut gegangen, einige kleine Risse hatten sich genau an den richtigen Stellen gebildet.
Kurz vor zwei erreichten sie die Umgehung von Lyon. Der Verkehr wurde zähflüssig. Bei Montluel machten sie Halt, und Serge setzte sich wieder ans Steuer. Zu ihrer eigenen Überraschung betrachtete Martina jetzt das Gesicht ihres Mannes mit demselben Interesse wie vorhin das Nicolaes. Plötzlich hatte sie das Gefühl, ihn gar nicht wirklich zu kennen, obwohl sie doch schon über zehn Jahre zusammen lebten. Sein Gesicht sah lebendig aus und erstaunlich jung.
Auf der Höhe von Besançon fing es an zu regnen. Die grüne hügelige Landschaft verschwand hinter einem grauen Vorhang. Nach kurzer Zeit hörte es wieder auf, aber der Himmel blieb wolkenschwer, mit einem kleinen Goldrand da und dort. Vielleicht würde sie sogar diesen Goldrand in die Glasur mit aufnehmen, dachte Martina., obwohl es schwierig sein würde, sie wollte keinen Metallton, es müsste reines Licht sein…
Ein paar Minuten später fing der Regen wieder, ein urweltlicher Sturzbach diesmal. Martina fröstelte, sie hatte nur Leggins und ein T-Shirt an, ihre Jacke hing hinten am Beifahrersitz, ein Ärmel hatte sich unter Nicolaes Rücken verfangen. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, rück ein Stück, sei so gut, und zog am Ärmel. Er zuckte zusammen. Entschuldige, sagte er mit belegter Stimme, und sie hörte ihn scharf ausatmen. Serge hatte nichts gemerkt, er war voll auf die Strasse konzentriert.
Etwas später machten die Männer erneut Fahrerwechsel. Martina nahm sich ihre Notizen vor, konnte sich aber nicht konzentrieren. Wieder traf ihr Blick im Spiegel den Nicolaes. Der seine enthielt keine Frage, keine Forderung, aber er hielt sie fest.
Bei Montbeliard klarte es auf, aber es blieb kühl. Sie zog die Jacke enger um sich und fischte mit der gesunden Hand nach einer Decke. Weil draussen doch nichts zu sehen war als graue Nässe, schloss sie eine Weile die Augen.
Plötzlich fiel ihr wieder ein, was vor einigen Tagen geschehen war. Sie hatten auf der Terrasse gegessen. In unerwarteter Gesprächigkeit hatte Nicolae seinen Bruder in eine Diskussion verwickelt, die Martina nicht interessierte. Sie war aufgestanden und hatte sich auf die Bank unter der Zeder gesetzt, sich hatte sich zurückgelehnt und die Wärme des Stamms in ihrem Rücken gespürt wie eine lebendige Gegenwart. Das Harz hatte einen intensiven erregenden Duft ausgeströmt. Sie hatte selbst über die Intensiät ihres Empfindens gestaunt.
Als sie zum Tisch zurückgekommen war, hatte sie ihr Weinglas, das sie halbvoll hatte stehen lassen, leer gefunden. He, du hast mir meinen Wein geklaut, hatte sie zu ihrem Mann gesagt und ihm das Haar gezaust. Im gleichen Moment hatte sie Nicolae rot werden sehen. Das war ich, sagte er, verzeih. Martina hatte sich gewundert über seinen Ernst. Sie hatte ihm auf die Schulter geklopft und sich selbst und den beiden Männern nachgeschenkt. Das Gespräch war langsam wieder in Gang gekommen, sie sprachen über die Landschaft rundum, über das Meer…
Am Tag darauf war Martina auf der Terrasse gestürzt und hatte sich den Arm gebrochen. Der Schreck und der plötzliche Schmerz hatten sie einen Moment lang benebelt. In dem Moment waren Serge und Nicolae vom Einkaufen zurück gekommen. Und es war Nicolae gewesen, der ihren Namen geschrien hatte, der die Tüte fallen gelassen hatte und gerannt war, um sie aufzuheben. Dann war auch Serge an ihrer Seite gewesen. Gemeinsam hatten sie sie zum Auto geführt. Serge hatte sie ins Krankenhaus gefahren, er war fürsorglich und liebevoll gewesen wie immer, aber im Abfahren hatte sie Nicolaes Blick aufgefangen, eine einzige Angst…
Als Martina die Augen wieder öffnete, bogen sie gerade auf die A 35 ein. Der Himmel war wieder heller geworden. Auf der anderen Rheinseite lagen kleine weisse Haufenwolken in der Abendsonne.
Bald sind wir zuhause, sagte Martina und lehnte sich nach vorne, zu Nicolae gewandt. Zuhause, wiederholte Nicolae, und für einen Augenblick huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Es erreichte seine Augen nicht und verschwand so schnell, wie es aufgetaucht war. Nach einem Augenblick des Schweigens sagte er förmlich : Ich freue mich darauf, Euer Heim zu sehen. Oh, es wird dir gefallen, fiel Serge ein. Es ist genügend Platz, du kannst bleiben, solange du willst.
Nicolae sagte nichts, aber seine Augen suchten im Spiegel die Augen Martinas. Ja, sagte sie, bleib, und im selben Moment wusste sie, dass sie sich nun nicht wieder würde herauswinden können.
Cleo A. Wiertz
Jhg.1954. Diplom-Psychologin. Als Schriftstellerin und Bildende Künstlerin aktiv seit 1970. Diverse Ausstellungen von Bildern, Werkstücken und Fotografien. Publikation von Fachtexten, populärwissenschaftlichen Darstellungen, Essays, Kurzgeschichten, Gedichten. Lebt mit ihrem Mann im Elsass und im Hérault.
Über #kkl HIER
