Rik Benteler für #kkl60 „In den Rückspiegel“
Gestern
Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll, was du nicht sowieso schon weißt. Du hast es doch selbst alles mitgekriegt, den Unfall, die ganzen Streitereien danach und wie sie sich verändert hat, als wäre das der Startschuss gewesen, mit dem sie es als ihre Aufgabe ansah, überhaupt nicht mehr der zu ähneln, die wir damals kannten. Eine ganze Zeit lang war sie komisch, und ich fand das komisch und kam damit nicht klar.
Ich glaube, in Wahrheit wollte ich, dass alles so blieb wie vorher, vor dem Unfall, auch sie. Aber das war nicht möglich. Im Nachhinein wirkt es selbstverständlich, wie unsinnig das war. Trotzdem: Damals lief es dann auf noch mehr Streiterei hinaus.
Lange redeten wir gar nicht mehr. Sie war dann eine Zeitlang irgendwo an der entgegengesetzten Grenze des Landes und studierte dort Germanistik und noch irgendetwas. Sicher nicht, weil es sie interessierte – vielleicht nur, um mir eins auszuwischen, indem sie jenes Studium beendete, das ich vor Jahren abbrach.
Einige Jahre sah ich sie gar nicht. Seltsam, wie selten ich damals an sie dachte. Es kam mir fast so vor, als wäre sie doch auf der Rückbank gestorben – so wie ich es zuerst für einen Moment befürchtet hatte, das Lenkrad noch in der Hand und das Blut auf meiner Stirn noch nicht bemerkend. Sie war weg, aufgestiegen zu einer anderen Ebene der Existenz, ich aber, für mich ging es weiter wie vorher, nur ohne sie. Das war für ein paar Wochen seltsam, später hatte ich mich daran gewöhnt. Was man nicht mehr sieht, erscheint oft so, als hätte es nie existiert. Als wäre jedes Gespräch von vornherein ein Traum oder ein Hirngespinst gewesen.
Doch ich träumte. Und dieses Hirngespinst träumte ich besonders oft: Eine Szene viele Jahre vorher, ausgerechnet im Auto saßen wir, es war Nacht – doch keine dunkle Nacht. Kaltes Licht durchschien die Rückbank. Sie lag da, genau wie später, aber ohne die Verletzungen. Sie lächelte und ich fragte sie etwas. Was, daran erinnere ich mich nicht mehr. Es ist auch ganz egal. Es war nur dieser Anblick, der mich manche Nacht verfolgte, vor allem wenn ich aufwachte und die Fenstervorhänge in der kühlen Luft wie Geister flattern sah. Das blasse Licht erinnerte mich dann an diese Nacht, und dann lag ich lange wach im Bett und tat überhaupt nichts mehr.
Eine Zeitlang waren das die einzigen Momente, die ich überhaupt einen Gedanken an ihr verlor. Zumindest dachte ich das, aber wahrscheinlich kochten zahllose Bilder von ihr in meinem Unterbewusstsein vor sich hin wie eine Suppe aus Erinnerung und Reue, zu giftig, um sie auch nur mit dem Löffel anzurühren, und dennoch immer da.
Das merkte ich dann, als ich sie nach Jahren endlich wiedersah. Irgendwie war es ganz natürlich, als hätte sich überhaupt nichts verändert. Und doch war alles anders.
Sie war fertig mit dem Studium, sie promovierte derzeit, was sie Jahre später aufgab. Ich hingegen hing noch immer im Master fest, als hätte ich mir das Bein in einer Felsspalte eingeklemmt und versuchte nun seit vier Jahren, es endlich rauszureißen oder es mir mühsam abzutrennen, wozu ich ebenfalls keinen Mut aufbringen konnte.
Wir redeten eine Weile über das, was in den letzten Jahren vorgefallen war. Sie erzählte mir tausend Sachen, wen sie alles getroffen, gesehen, was sie alles veranstaltet hatte. Ich glaubte ihr kein Wort, aber wer weiß, vielleicht war alles wahr. Ich weiß nur, dass das, was ich ihr sagte, überhaupt nicht wahr war. Es war ausgeschmückt und verbessert, zu groß war die Scham darüber, wie wenig sich verändert hatte. Sie hingegen, sie hat scheinbar drei Leben in der Zeit durchlebt, die ich nur dasaß.
Seit diesem Gespräch ist vieles anders. Wir reden wieder öfter, vielleicht sind wir sogar wieder befreundet, sie würde das aber sicher nicht so formulieren. Ich denke wieder öfter an sie, nicht nur in schlaflosen Nächten, und gleichzeitig fühle ich mich von ihr nicht mehr so angegriffen wie damals. Vielleicht ist es mittlerweile auch zu schwer, sie noch als die zu sehen, die ich damals kannte. Sie ist wie ein Geist, der mich an manchen Tagen heimsucht, mich daran erinnert, was alles geschehen ist, und dann, dann ist sie wieder weg und übrig ist die, die es wirklich gibt, die, die sie heute ist.
Die Zeit ist für sie deutlich schneller vergangen als bei mir. Ihr geht es wieder gut, sie lebt mit ihrem Hund wieder in der Nähe ihrer Eltern, plant die Zukunft ihres Jobs und der Familie, ein Haus mit tausend Sachen, an die ich gar nicht denken kann.
Seltsam, denke ich, sie war es doch, die so schwer getroffen war, deren Kopf fast an jenen Geschehnissen zerbrochen war, nicht ich, ich hatte doch den kühlen Kopf bewahrt, war ruhig geblieben, hatte es geschafft, mit allen fortzufahren wie zuvor, selbst das Autofahren trainierte ich mir innerhalb weniger Wochen wieder an – worauf ich damals reichlich stolz war. Und doch ist in ihr überhaupt nichts mehr davon zu sehen, sie ist fortgeflogen, während ich geblieben bin.
Manchmal wache ich noch nachts auf, die Fenstervorhänge flattern in der kühlen Luft. Wenn das geschieht, erinnert mich das blasse Licht an diese Nacht. Wahrscheinlich denkt sie gar nicht mehr daran. Ich tu es noch häufig.
Ich weiß nicht, was ich dir noch sagen soll, was du nicht schon weißt, was du nicht schon erahnen kannst. Aber sie ist weiter, fortgereist, und ich bin immer noch im Gestern, wartend auf den nächsten Tag.
Rik Benteler, geboren 1993 in Darmstadt, studierte Germanistik, Philosophie und Literaturwissenschaft an der Universität Paderborn. Mit dem Schreiben eigener Geschichten begann er im Alter von neun Jahren. Die Leidenschaft dafür ist in der Zwischenzeit nur gewachsen. Neben literarischer Inspirationen begeistern ihn auch Musik, Film und Malerei, was sich vielfältig auf seine Texte auswirkt.
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