Florian Steiner für #kkl60 „In den Rückspiegel“
In den Rückspiegel
Als Herr Sauerbruch eines Nachts nach Hause fuhr, erkannte er im Rückspiegel nichts. Natürlich sah er einen alten, zerkratzten Ledersitz des Cadillacs, auf dem seit Jahren keine Menschenseele Platz genommen hatte. Natürlich sah er eine finstere Landschaft im Heckfenster, die immer kleiner zu werden schien. Aber darüber hinaus erkannte er einfach nichts. Vor ihm erstreckte sich die Straße – hell ausgeleuchtet durch zwei Scheinwerfer, vertraut und leer. Er wusste über vorne genauso viel wie über das, was hinter ihm lag, doch vorne fehlte es ihm an nichts.
Mit einer zitternden Hand stellte er das Radio ab, kniff seine Augenbrauen zusammen und versuchte, die Geräusche in seinem Kopf zu unterdrücken. In seinen Händen fühlte er das kühle, hölzerne Lenkrad, in seinen Ohren ertönte das Brummen des Motors. Herr Sauerbruch fuhr diese Strecke jeden Tag zur selben Zeit, doch er hatte noch nie bemerkt, dass hinten nichts war.
Der Mann richtete seinen Blick nach vorne. Er sah nach vorne, weil er es musste. Er sah nach vorne, weil hinten nichts war. Herr Sauerbruch drückte seine Fingerspitzen in das Lenkrad, sodass seine Knöchel weiß wurden. Dabei hatte er noch gar nicht zur Seite geschaut. Gerade als er seinen Kopf drehen wollte, wurde der Cadillac ruckartig erschüttert. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Sollte er zur Seite blicken? Was, wenn neben ihm auch nichts war? Er lenkte seinen Blick ganz sachte, aber schnell genug nach rechts. Ehe seine Augen den Beifahrersitz erhaschten, wandte er den Blick wieder ab. Der Beifahrersitz – alt, ledern und menschenleer. Die Lehne – anders. Sie war schon immer da gewesen, doch heute war sie fremd. Er richtete seinen Blick wieder nach vorne. Kurz. Denn er musste nach links schauen. Er fuhr die Kurve entlang und sammelte all seinen Mut, um eine Drehung nach links zu wagen. Und plötzlich war es wieder da: Nichts. Herrn Sauerbruch wurde es kalt, doch seine Stirn tropfte von Schweiß. Er blickte erneut nach links, um ganz sicher zu gehen. Dieses Mal sah er dunkle Schatten – verschwommen, schnell. Außerdem die Spiegelung des Innenraumes samt Beifahrersitz. Das war alles. Alles war nichts.
Herr Sauerbruch hatte alles gesehen, was er sehen konnte. Er hat zu viel gesehen. Und trotzdem wusste er nicht, was er gesehen hatte. Je genauer er hinsah, desto weniger konnte er erkennen. Es war, als würde sein Blick dieses Etwas verschlingen. Sein Herz pochte, seine Kehle schnürte. Er drückte mit voller Kraft auf die Bremse und kam auf der Straßenseite zu stehen. Er stieg aus, knallte die Tür zu und sah, wie im Innenraum der Rückspiegel von der Decke schoss. Es schepperte. Sein Atem stockte.
Ganz behutsam öffnete er wieder die Tür. Viele winzige Spiegelteile lagen quer durch den Innenraum verstreut. Herr Sauerbruch schnaubte, zog seine letzte Zigarette aus der Jackentasche und zündete sie an. Der Rauch brannte in seinen Lungen, seine knöchernen Finger wurden warm, während er sich am Dach des Cadillacs abstützte. Ein leises Zirpen von Grillen drang aus dem Feld neben ihm, doch darüber hinaus war alles still, dunkel und leer. Er beschloss, ein paar Schritte um das Auto zu gehen und erkannte, dass alles, was ihn zuvor irritiert hatte, nun vor ihm lag – verborgen in Stille, Dunkelheit und Leere.
Flo studiert und lebt in Graz und macht sich oft zu viele Gedanken über Dinge, die man einfach niederschreiben muss.
Über #kkl HIER
