Amina Riegler- Picker für #kkl60 „In den Rückspiegel“
Nur ein kleiner Hinweis
Das mit Stickern beklebte Auto, dessen beste Zeit sicherlich schon mehrere Jahrzehnte zurückliegt, bewegt sich vorwärts die endlosen Straßen entlang und ich mich mit ihm. Landschaften, die ich schon längst nicht mehr beachte, rauschen an mir vorbei. Ein dünner Baum erscheint in meinem Blickfeld. Das Auto hinter mir hupt und ärgerlich drücke ich aufs Gaspedal. (Sie wissen gar nicht, wie anstrengend es ist, mit lauter Kreaturen, so ungeduldig wie Sie es sind, zusammenzuleben.) Im nächsten Moment ist der Baum aus meinem Sichtfeld verschwunden und mit ihm der Gedanke an seine kläglichen, mit Schnee beladenen Äste. Ich sehe die Welt vor mir, observiere sie, solange sie sich in meinem Blickfeld- in Reichweite befindet, doch sobald sie hinter der langen Schlange aus Autos hinter mir verschwindet, oder der große Lastwagen mit der Aufschrift: „ XXXLutz- was der alles hat!“ das Gesehene verdeckt, verschwinden meine Gedanken daran. Ich stolpere durch das Leben, das mir einfach so, binnen weniger Sekunden, zugeteilt wurde. Auswahlverfahren nannten sie es. Für mich wirkte es eher willkürlich, mehr aus Zufall als aus ernsthaften Intentionen, den richtigen Körper zu finden. Auf den ersten Blick schaue ich vermeintlich schlau aus, vermeintlich perfektionistisch, vermeintlich genau, als hätte ich immer alles im Blick, doch das ist nur ein Trugbild. Lediglich die erschaffene Illusion etwas, das niemals war.
Wenn ich in den verbogenen Rückspiegel meines Autos schau, erinnere ich mich an mein wirkliches Sein. Der Spiegel schaut zurück, wenn ich es schon nicht mehr kann, weil ich mich auf Vorne konzentrieren muss. Er erinnert mich an die Vergangenheit, das, was einmal gewesen ist. Ich schaue weg, schaue hin zu dem, was kommt.
Ich bin zu schnell in meiner Wahrnehmung, um schlau zu wirken und zu langsam, um hochbegabt zu sein. Ich bin zu oberflächlich, um tiefgründige Gespräche führen zu können, aber zu tiefgründig, um oberflächlich zu sein. Mein Leben ergibt keinen Sinn, hat keinen eindeutigen Zweck. Um diesen wissen zu dürfen, hätte ich mich damals anders entscheiden müssen. Ich existiere einfach, ohne jemandes große Liebe oder beste Freundin zu sein. Aber das war ja von Anfang an offensichtlich. Das ist eine Sache, auf die ich mich ebenfalls eingestellt habe, als ich mich damals, vor so langer Zeit, zu Dingen entschieden habe, die ich jetzt manchmal bereue. Ich fahre von Ort zu Ort, Land zu Land und Kontinent zu Kontinent. Jedes Mal ein Neuanfang. Kein Stück Beziehung zu irgendwas. Und obwohl ich mich so oft einsam fühle, fahre ich immer weiter und weiter. Ich denke nicht zurück an die Zeit, die einst war. Ich bereue nicht, denn ich denke nicht. Ich fühle, aber nur im Jetzt. Das Jetzt zu definieren, ist schwer. Wahrscheinlich definiere ich es in Minuten; Sekunden; Augenblicken; Eindrücken.
Deswegen verdecke ich die vielen Spiegel auch; verdecke ihre Sicht auf die Dinge, die ich nicht mehr wissen will.
Außenstehende würden behaupten, ich habe Angst vor der Vergangenheit. Dem ist allerdings nicht so. Jedenfalls kann ich nicht behaupten, es so primitiv ausdrücken zu können. Denn es ist komplizierter als lediglich die Angst vor der Vergangenheit. Verstehen Sie mich nicht falsch; Vergangenheit kann etwas sehr Schönes sein. Die Erinnerung an ein liebliches Weihnachtsessen oder die abgeschlossene Prüfung, vor der man sich schon monatelang gefürchtet hat. Allerdings besteht meine Vergangenheit weniger aus den schönen Momenten, sondern aus den unangenehmen. Auch das dürfen Sie nicht falsch verstehen, Sie, diejenigen die diese meine letzten Worte lesen werden: Meine Vergangenheit war keineswegs schlecht oder grausam- im Gegenteil. Ich habe eine sehr liebe Familie und eine schöne Heimat. Nur gerät das leicht in Vergessenheit, wenn man an einem Ort ist, bei dem niemand so ist wie man selbst.
Worauf ich jedenfalls hinauswill, ist, dass ich sehr wohl eine schöne Vergangenheit besitze- sie sucht mich jedoch nicht in so starken Eindrücken heim, wie die, die ich gerne vergessen möchte.
Vergessen ist auch so eine Sache. Ich vergesse viel in letzter Zeit; die Sachen, die mir unwichtig erscheinen und verdränge die, die ich nicht vergessen kann. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal probiert haben, etwas zu vergessen, aber das Vergessen ist eine üble Sache. Ich stelle mir eine alte Person vor. Von außen gesehen ist sie zart und entblößt ihre Schwächen, wirkt fast fragil. Doch innen lauert der Teufel. Von außen möge sie an Demenz leiden, doch in ihrem Innern weiß sie alles- und spuckt all die über Jahre verschluckten Wörter aus. In einem einzigen Schwall- und die Erinnerung ist wieder da.
Erinnerungen sind gefährlicher als alles andere, das mir in meinem langen Leben begegnet ist. Ich würde mich sogar so weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, Erinnerungen seien gefährlicher als der Tod. Denn überlegen Sie es sich doch einmal: Dem Tod kann man nicht entkommen; Sie versuchen es, denn nichts ist Ihnen unheimlicher als Dinge, die Sie nicht begreifen können. Doch letztendlich stirbt jeder und jede einzelne von Ihnen. Ich entschuldige mich, falls diese Gedanken unangebracht von mir sind, doch manchmal denke ich daran, was für ein primitives Volk Sie doch sind. Der Tod ist immer präsent; lauert um die Ecke auf sein nächstes Opfer, das können Sie mir glauben. Denn ich habe mit dem Tod Kuchen gegessen. Und das war alles andere als eine schöne Erfahrung. Ein bisschen erinnerte er mich an das Vergessen. Die gleiche Hülle, die an manchen Tagen so fragil wirkt, dass man doch glatt Mitleid mit ihm haben könnte und die an manchen Tagen so bedrohlich und beengend wirkt, dass du nur noch rennen kannst. Rennen vor dem, dem du nicht entkommen kannst. Denn sobald du einmal begonnen hast zu rennen, hast du verloren.
Wie dem auch sei, mir scheint, ich komme vom Thema ab. Der Tod jedenfalls ist zwar immer präsent, doch auch endgültig. Hat er dich einmal heimgesucht, ist es vorbei und du bist für immer weg. Bleibt nur die Erinnerung an dich. Die, die mehr schmerzt als der Tod. Glauben Sie mir, denn ich habe schon vieles erlebt.
Ich fahre also die lange Straße entlang, sehe Autos und immer mehr Autos an meinem kleinen roten vorbeifahren. Zur Unterhaltung beginne ich, mir die Kennzeichen der Autos zu merken. BL3046G ist ein Kleinbus, so einer, indem Fahrservices für behinderte Menschen angeboten werden. Wenn Sie das lesen werden, in mehreren Jahren, vielleicht zehn, vielleicht hundert, vielleicht auch nie, werden Sie den Kopf schütteln, weil ich behinderte geschrieben habe, anstatt der vielen umständlichen Umschreibungen, die Sie stattdessen verwenden. Ich sehe Sie bereits in meinem Kopf vor mir. Wie Sie sich mir überlegen fühlen werden, auch wenn Sie das nie zugeben würden. Wenn Sie meine Zeilen jedenfalls lesen, verstehen Sie bitte, dass Worte und Ausdrücke in meiner Heimat nicht wichtig sind. Ich kenne viele Völker und Kulturen und doch sind Sie die einzigen, die so einen Aufruhr wegen Formulierungen machen. A5569ZE ist ein Familienauto mittlerer Größe mit verschmutztem weißem Lack. Aus dem Fenster lächelt mich ein kleines Kind an; ich lächle nicht zurück, sondern wende mich ab. Aus Gewohnheit werfe ich einen prüfenden Blick in den Rückspiegel, um zu schauen, wohin das Auto weiterfährt, bevor mir einfällt, dass er nicht mehr existiert. Ich habe die Spiegel, die verlockenden Boten der lauernden Vergangenheit, in meinem Auto abgeklebt, denn sie lenken mich nur von dem ab, was wirklich zählt. Spontan entscheide ich mich, bei der nächsten Abfahrt abzufahren und folge eine Zeitlang den Schildern, auf denen groß in weißer Schrift geschrieben steht: Tschechien- noch 200km.
Wissen Sie, manchmal gibt es einfach diese impulsiven Entscheidungen, die die ganze Existenz des Lebens der menschlichen Hülle, in der ich seit Jahren stecke, verändern können und irgendwie vermutete ich, dass diese eine von jenen werden könnte. Wissen Sie, ich mag das Leben der Menschen. Es ist einfach. Unfortgeschritten. Während alle anderen im Universum sich weiterentwickeln; längst ausgestorben und wieder neu entstanden, klammern Sie, Sie Ausführer der primitiven Lebensform, sich an die Vorstellung, alles retten zu können. Alles regeln zu können, denn Sie sind ja so weit gekommen, haben so viel erschaffen. Wie könnten Sie, die Auserwählten des Universums, die einzige Lebensform mit einem vollständig entwickelten Gehirn, die es bislang gab, einfach so aussterben, und das wegen eines einfachen Naturphänomens? Ich möchte Ihnen nur Ratschläge, kleine Hinweise geben, dass Sie lange nicht die einzigen Lebewesen sind. Mögen Sie sich schlau fühlen und fortgeschritten. Mögen Sie Leben auf Planeten entdecken und es wie den endgültigen Sieg feiern. Mögen Sie etwas bekämpfen, für das zu kämpfen sich schon lange nicht mehr lohnt, da es Ihr Schicksal ist. Klimawandel nennen Sie es. Leben nennen wir es. Ich möchte Ihnen keine Angst bereiten. Klammern Sie sich ruhig an Szenarien, die nie passieren werden, an Lösungen, die keine Chancen haben. Schauen Sie ruhig in ihre lächerlichen Rückspiegel der grauen Autos und fühlen Sie sich wie die Herrscher der Welt. Erinnern Sie sich und sterben Sie an der Erinnerung. Ich jedenfalls habe es satt, bei Ihnen zu verweilen, auch wenn ich zugeben muss, dass die letzten Jahre durchaus unterhaltsam waren. Fragen Sie sich nicht, wieso mein Auto von der Straße abkam und in den Graben stürzte und wer daran schuld war, denn das ist eine Frage, die Sie nicht beantworten können. Dazu müssten Sie Ihre vorgegebenen Klischees, Abläufe und Traditionen abwerfen und sich der Wahrheit stellen. Doch das wollen Sie nicht. Darum fahren Sie immer weiter, die grauen Straßen entlang, die kein Ende zu nehmen scheinen und blicken durch die Rückspiegel auf die langen Reihen grotesk protziger Autos hinter Ihnen, ohne zu begreifen, welche vergessenen Erinnerungen dahinter lauern und nur darauf warten, ausgespuckt zu werden.
Amina Riegler- Picker ist 15 Jahre alt und wohnt in Wien. Ihre Liebe zum Schreiben hat sie in der Volkschule entdeckt und schreibt seitdem in ihrer Freizeit. Sie ist sonst auch kreativ und musiziert und schauspielt unter anderem gern
Über #kkl HIER

ein bemerkenswerter text einer so jungen autorin! gefällt mir sehr, chapeau.
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