Regine Hilt für #kkl60 „In den Rückspiegel“
Die Schule der Katzen

Seit langer Zeit lest ihr mich und tastet ihr nach mir: Wesen, Verhalten, Regung und Mine sind taxiert und ausgepreist. Ich bin Objekt in eurem Denken.
Bin ich still, lest ihr Gelassenheit.
Zuckt der Schweif, dann lest ihr Unrast.
Bleib ich, bin ich treu.
Geh ich, bin ich scheu.
Nichts davon gilt mir.
Es gilt euch.
Später, im Traum, liest niemand mehr.
Dort gehe ich voraus in den geheimen Garten meiner Sprache. Und du? Was genau liest du im Gewese einer Katz?
Jetzt sehe ich dich innehalten. Da stockt etwas in deinem Blick. Denkt eine Katze hier?
Ich denke mich in der Gestalt Frau Katz und mache mir das Wort in Form von Schrift zu eigen. Denkschreibe mich herbei.
Wer benennt, erschafft Figur und schreibt ihr eine Stimme ein – da, eben jetzt, wo du es liest:
ein Subjekt, das wirkt, als sei es immer schon gewesen.
Aus Denken, sprachlicher Bewegung, wird ein Ding – ein Wesen, sagt ihr.
Ich werde nicht. Ich bin.
Ich nahm es in die Pfote. Mein Werden als Gestalt steht jetzt im Text als Gegenstand.
Schreibend habe ich mich übersetzt in menschliches Gekratz. Ich hinterlasse eine Spur in euren menschlichen Enklaven.
Meine Art, mich mit dem Anderen zu überlagern.
Du begegnest uns in Blicken,
wortloses Durchdringen. Dabei verwischt die klare Linie: ihr – wir, Mensch – Tier.
Mitwesen heißt es, wenn wir euch gefallen.
Unwesen, wenn wir widerständig sind.
Fleisch, wenn ihr uns einverleibt.
Träumt ihr uns? Wir träumen euch und uns. Leichtpfotig schreiten wir auf der gedachten Linie – die ihr zwischen Tier und Mensch geschnitten habt. Die Linie ist Gemarkung: hier entlang, nicht dort.
Wir spielen: überschreiten, kreuzen und verschieben.

Das Traumgebiet der Katzen hat mit dem der Menschen eine Schnittmenge.
Ein kleines gemeinsames Berührungsfeld, in dem wir uns verbinden.
Ein Beispiel.
Es träumen ein Mensch und eine Katz: Selim mit seiner Katze Kalima, was Wort bedeutet. Sie ist die Katze, die euch durch die Schnittmenge führt. Der Menschentraum zuerst.
Der junge Selim sieht sich im Traum als Kind, in einer großen Stadt. Er reist mit seiner Katze Kalima zur Schule der Katzen. Hochschwänzig läuft sie voraus und führt ihn. Manchmal bleibt sie stehen, maunzt und wirft ihm einen Blick zu. Selim versteht.
Sie steigen in die Untergrundbahn Nummer 8. „Ob wir durch die Tunnel durch die Erde nach Marokko fahren?“ fragt der Junge Kalima.
Antwortet die Katz: „Da kommt doch gleich der Alexanderplatz und die Hermannstraße.
Das ist schon richtig.“
„Liegt Marokko in Neukölln?“, will der Junge wissen.
„Jetzt sind wir in der Sonnenallee“, antwortet Kalima, „eine filmhistorische Stelle.“
Dann rauscht es stark. Selim sieht ein Wasser an den Scheiben fließen.
Sind sie unter Wasser? Er kann die Katze kaum verstehen.
Vielleicht das Mittelmeer, mutmaßt er.
Jäh sind sie in Gropiusstadt. Eine Stadt, eine Wüste aus Beton. Mitten im Beton sitzt eine schwarze Katze. Hoch hält sie ein Schild. Die Katze trägt das Schild, das Schild trägt Bedeutung.
Selim versteht nicht, was darauf verzeichnet ist. Etwas Wichtiges. Etwas Schreckliches?
Er strengt sich an, das Schild zu entschlüsseln. Es gelingt nicht.
Seine Anstrengung staut sich, spannt sich. Etwas geschieht.
Er wird sich selbst fremd: Der Junge, der im echten Leben ein erwachsner Selim ist,
verwandelt sich in die Gestalt einer Frau, im Alter seiner Mutter. Still steht die Frau steht am Fenster.
Dringende Aufforderung! Selim erwacht im Traum.
Da sind Katzen, die rufen. Die Stimmen dringen tief in seinen oder ihren Körper. Sie haben Gewicht.
Sie rufen die, die Selim ist. Der verliert sich in der Frau und findet sich nicht wieder.
Die Katzenstimmen. Sie nisten in ihr, wohnen und bohren in ihrem Kopf. Sie hören nicht auf.
Wollt ihr nicht aufhören?
Selbst, wenn die Frau verreist – was selten geschieht – zieht es sie zurück zum Hinterhof der Katzen.
„Sie werden sterben ohne mich,“ rechtfertigt sie sich gegenüber hochgezognen Brauen.
„Allein entkommen sie nicht aus dem Hof“, sorgt sie sich.
Kopfschütteln der Menschenfamilie.
Ist ein Frauenleben rastlos, ungebremste Fürsorge? Jeden Tag frischen Fisch vom Markt, entgräten, ausnehmen und dünsten. Ohne sie: kein Wohl, kein Weh, kein Weiter.
Fünf sitzen jammernd auf dem Schuppendach: die rote, die graue, die zwei gescheckten, eine fast weiß wie ihre Mutter. Die Mutter selbst – ein mickriges Ding, einzige Überlebende aus dem Vorjahrswurf.
Rückwärts erzählt, der Traum der Katze. Hier schneidet sich Zeit.
Fünf Katzen sitzen aufgereiht auf einer Schräge und schauen in die Höh.
Das ist die Schule der Katzen; fünf Stimmen, ausgerichtet und im Gesang gebunden.
Jede tönt auf eigne Weise. Töne, die zusammenfließen, auseinanderdriften, sich zu vollem Klang verdichten.
Verlasse nie die Heimat, wo deine Wiege stand. Du findest in der Ferne nur eine Wand.
Das löscht die Harmonie und alle finden sich im Monotonen.
„Mi-Au, Mi-Au, Mi-Au“. Klagender Appell und grimmiges Gebet.
Da starren sie hinauf zu einer schwarzen Form mit rechten Winkeln.
Eine Allmacht soll erscheinen.
Der Gesang schwillt an und stoppt abrupt, weil es aus dem dunklen Rechteck knackt.
Das Rechteck öffnet sich: schattiger Kubus einer Wohnhöhle.
Aufrecht erscheint die Wohltäterin.
Strahlend steht sie und speist die Gläubigen mit duftendem Fisch ab.
Der Fisch kommt geflogen, es regnet kleine Sardinen, ausgenommen, entgrätet und gegart.
Da fliegen die Getreuen dem Fisch hinterher, werfen sich in die Lüfte, drehen, hechten.
Sie huldigen der Spenderin in wilder Verzückung. Urbaner Tanzstil.
Umsichtig lässt die Betanzte zum Nachtisch einen flachen Korb hinab mit köstlich klarem Nass.
Die Schule der Katzen ist ein Land, eine Wüste. Wir haben eine weite Reise angetreten.
Ein Mensch, Selim, mit seiner Kindheit im Gepäck und die Katze Kalima.
Katzen treten stets im aktuellen Zustand in ihre Träume ein. Manchmal übernehmen sie Traumführungen, so wie in der weiten Reise.

Kalima führte nach Marokko. Sie kamen an das Dorf aus Selims Kindheit.
Marokko war überschaubar geworden. Man konnte von Berlin dorthin spazieren oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Alle Orte lagen nah beieinander, nur durch Halden von Tonscherben getrennt.
Im Dorf von Selims Kindheit, im Dorf der Dagebliebenen, wacht Kalimas Schwester.
Ein wildes Tier ist sie, die keine Worte hat.
Zornig ist sie ob der Reise, es käme dem Eindringen ins eigene Gebiet gleich.
Die Reisegruppe unternahm einige Anstrengungen, das wilde Tier ruhig zu stellen.
Kalima, Selim und dessen Kindheit bändigten die Wut des wilden Tiers mit Blatt und Stift.
Da herrschte Ruhe.
Kalima behält ein Auge auf das wilde Tier. Dann und wann zuckt es auf dem Blatt.
Der Traum findet auf Papier statt – die Worte drohen sich zu lösen.
Selim und seine Kindheit wandern unbeschwert und ohne Gedanken.
Immer wieder erreicht die Reisegruppe die Schule der Katzen, vor und zurück.
Manchmal steht die Katzenschwester dort mit großer Freude auf dem Pult im ewigen Sand.
Sie unterrichtet, versammelt Katzen in wortlosem Gesang.
Unausgesprochen bleibt, dass nur der Bus mit der gekippten Nummer 8 in diesem Landesteil verkehrt.
Wir stecken fest. Wir sollten jetzt aussteigen.
Das wilde Tier sagt ohne Worte: „Du fährst eine Weile und denkst, es geht in die falsche Richtung.“
„Sie lenkt nur ab“ unterbricht Kalima und fährt fort: „Da kommt doch gleich Marrakesch und Ouarzazate, bis Zagora. Das ist schon richtig.“
Im Rückspiegel sagt das wilde Tier: „Dazu muss man den gesamten Atlas durchqueren –wozu, wenn ich doch hier auf dem Pult stehe?“
Der Bus steht an einer medienhistorischen Stelle, mit Panorama auf die Film- und Wüstenstadt Ouarzazate. Jemand sagt: „Einsteigen, Weiterreise.“
Einsteigen. Wer weiß, wohin es sonst weiterschreibt.
Die Busfahrerin nimmt die Gestalt einer Katze an. Sie stellt den Rückspiegel ein und bewegt den Bus weiter.
Sie dreht einige Loopings,
rast stille Berge hinauf
und dunkle Schluchten hinab.
Bis vor das Pult der Katzenschwester. Davor, auf einer Schräge, warten fünf Katzen: die rote, die graue, die zwei gescheckten, eine fast weiß wie ihre Mutter.
An dieser Stelle ist Endstation: Aussteigen, bitte.
Alles ist geschrieben. Später, wach oder schreibend, erinnert sich Frau Katz.
Regine Hilt (*1965) lebt zwischen Berlin und Rabat. Zwischen Zeichnen und Schreiben entwickelt sie literarische und visuelle Arbeiten. Veröffentlichungen in Anthologien.
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