Maren Ottlinger für #kkl60 „In den Rückspiegel“
Vor ihrer Tür
Das Wasser im Topf fängt an zu dampfen. Räume ein paar Bierflaschen zur Seite. Morgen mach’ ich die Küche. Ganz bestimmt. Schütte das Gewürztütchen in das verdünnte Tomatenmark und rühre um. Ein süßlicher Geruch steigt auf. Da vibriert das Handy. Meine kleine Schwester. Ich schließe kurz die Augen.
„Hallo! Störe ich dich gerade bei etwas?“
„Hey Laura! Nein, passt schon. Ich koche italienisch.“
„Marc! Du hast mir immer noch nicht geantwortet, ob du Samstag kommst! Gib dir einen Ruck! Das ist deine letzte Chance, unser Elternhaus zu sehen!“
Ich gebe die Spaghetti ins Wasser und rühre mit der Gabel. Ihre Stimme klingt ruhig, aber eindringlich. „Wie lange warst du denn nicht dort? Zwanzig Jahre bestimmt, oder?“
„Laura! An meiner Stelle wärst du auch nicht dahin zurückgekehrt.“
„Ich werde Sonntag die Schlüssel übergeben. Und dann kannst du nie wieder in dein Elternhaus, verstehst du das? Marc, stell dir vor, noch einmal in den Garten gehen…“
Klar. Sie ist wieder im Modus ‚es wird dir guttun‘. „Okay“, höre ich mich sagen. „Ich komm’ um fünf. Wenn kein Stau ist.“
Laura atmet hörbar aus. „Ich freue mich.“
„Danke fürs Kümmern!“, sage ich und will das Gespräch beenden.
„Irgendjemand musste es ja tun.“
Ich schlucke. „Laura, du weißt doch …“
„Alles gut.“
Die Spaghetti kochen über. Ich reiße den Topf vom Herd. Dieser Zweiplattenherd macht mich wahnsinnig! Tomatensauce drüber. Ich setz’ mich an den Küchentisch und esse direkt aus dem Topf. Anschließend latsche ich mit ‘ner Pulle Bier ins Wohnzimmer. Falle auf die Couch und drehe mir ‘n Joint.
Samstagmittag und die A5 ist fast leer. Ich drehe die Musik lauter. Suedehead von Morrissey. Ich singe laut mit.
„You had to sneak into my room, just to read my diary…“
Für einen Moment fühle ich mich frei. Rechts taucht ein Neubaugebiet auf. Riesige Werbeplakate: Ein lächelndes Paar mit Kind auf dem Arm. Seltsam, dass nun eine andere Familie in unser Haus ziehen wird. Sie werden es kernsanieren. Und auf ihre eigene Art unglücklich werden.
Je näher ich dem Teletubbieland komme, in dem ich aufgewachsen bin, desto langsamer fahre ich. Ich nehm’ die Autobahnausfahrt und folge der Landstraße. Atme tief durch. Hab mich extra rasiert. Ein frisches Hemd. Wie bei einem Vorstellungsgespräch. Gestern kaum getrunken, nichts genommen. Wenn Laura fragt, erzähle ich vom Leben. Nicht von meinem. Mein Leben erzähle ich niemandem. Könnte ihr zur Abwechslung ja mal die Wahrheit sagen. ‚Hey, der Job in der Tinten-Tanke ist voll cool! Direkt am Frankfurter Hauptbahnhof! Ich kann Comics lesen, wenn kein Kunde da ist. Nach Feierabend geh ich kurz runter zum U-Bahnhof. Mein Dealer ist echt fair von den Preisen her.‘
Der alte Edeka in der Weidenstraße steht leer. Der Bäcker von früher ist noch da, jetzt mit greller LED-Leuchtreklame.
Laura öffnet die Tür. Leinenhose, blaue Strickjacke, das glatte Haar offen. Mit einer Kopfbewegung wirft sie es zurück – wie früher. „Marc! Schön, dich zu sehen. Ich habe eher mit dir gerechnet! Wie war die Fahrt?“ Wir umarmen uns vorsichtig. Ihr Haar riecht gut, nach Vanille oder so was.
„Okay, eigentlich. Kein größerer Stau!“, antworte ich.
Wir gehen durch den Flur ins leere Wohnzimmer. Die Tapeten sind gelb-braun verfärbt. Nur dort, wo früher Möbel standen, leuchten sie noch in ihrem Blumenmuster. Es riecht schwach nach Urin.
„Ohne den ganzen Kram wirkt es riesig!“, sage ich. „Und ziemlich runtergekommen!“
„Ja, die Entrümpler hatten gut zu tun. Mir hat das Ganze aber auch einiges abverlangt.“ Ihre Stimme zittert; sie massiert sich mit einer Hand die Stirn. „Sollen wir?“
Ich folge Laura die knarrende Holztreppe hinauf. Mein Kinderzimmer. Ich lehne mich an die Wand. Schaue in die Ecke, wo ich früher auf dem Teppich gehockt und Lego zusammengebaut habe. Irgendwas steckt in der Fußleiste. Ich gehe hin, bücke mich. Ein Pfennig! Ich drehe ihn um. 1950. Ich schließe die Hand darum, als wäre er ein Talisman. Wir gehen die Treppe runter und können es nicht erwarten, nach draußen auf die Terrasse zu gehen. Frische Luft! Setzen uns auf die Teakholzbank vor dem Rhododendron. Laura kramt in ihrer Jutetasche und reicht mir ein Stück Kuchen auf einer Serviette.
„Veganer Zitronenkuchen. Vom Bio-Bäcker.“
Er schmeckt fade. Laura redet: vom Ehrenamt, von ihrer Therapiepraxis. „Wie geht’s denn Janine?“ Sie wirft unsere Servietten in die Kuchentüte, knüllt sie zusammen und steckt sie zurück in die Tasche.
Janine? Ich zucke innerlich zusammen. Ich sollte wirklich Buch führen über meine Lügen. Wahrscheinlich meine Fernbeziehung. Hatte ich ihr einen Namen gegeben? Janine? Was ist das denn für ‘n Scheißname? Egal, einfach antworten. „Gut!“, sage ich und wische eifrig Kuchenkrümel von meiner Jeans. „Sie macht ‘n Sabbatical in Asien.“
Laura scheint gar nicht zuzuhören. Ihr Blick wirkt ernst. Plötzlich lehnt sie sich zu mir herüber und nimmt meine Hand. „Weißt du Marc, du warst immer neidisch. Aber die Liebe von Mama und Papa war an gewisse Bedingungen geknüpft. Ich weiß nicht, ob du mit mir hättest tauschen wollen. Ich wollte Hip Hop lernen, kein Ballett. Ich hatte gar keine Lust, Klavierunterricht zu nehmen. Ich durfte nicht ich selbst sein! Du konntest einfach machen, was du wolltest. Sie waren dir gegenüber gleichgültig? Sei froh!“ Sie lässt meine Hand los und steht abrupt auf. „Gehen wir noch ein wenig in den Garten?“
„Ja klar!“ Ich bin wie vor den Kopf geschlagen. Was war das denn gerade? Aber anscheinend erwartet sie nicht, dass ich etwas dazu sage.
Nach ein paar Metern, die wir schweigend nebeneinander herlaufen, bleibt sie am Seerosenteich stehen, den sie schon als Kind so liebte. „Lässt du mich mal ein paar Minuten allein?“ Sie zieht die Strickjacke enger um sich und blickt mich an. In diesem Moment wirkt sie zerbrechlich.
„Okay, ich geh so lange nach hinten. Eine rauchen.“, antworte ich erleichtert. Ich gehe am Teich entlang bis zur alten Eiche. Die Schaukel ist weg; nur ein Stück fadenscheiniges Seil hängt noch vom Ast. Ein Brombeerstrauch hat den hinteren Teil des Gartens erobert. Zwischen dem Gestrüpp blitzt etwas hellblaues auf: das Spielhaus. Mir stockt der Atem. Vater hatte es für uns gebaut. Ein kleines, massives Holzhaus. Als ich hindurch will, hakt sich eine Ranke in meinem Hemdsärmel fest. Ich mache sie los. Dann drücke ich mich zwischen den Zweigen hindurch zum Spielhaus. Die blaue Farbe blättert, das Holz ist morsch. Ich öffne die quietschende Tür, ducke mich. Es riecht nach Sand. Nach Holz. Nach Kindheit. Ich zwänge mich in die Bank, klemme meine Knie unter die Tischplatte. Schiebe den trockenen Sand auf dem Tisch zu einem Häufchen zusammen. Dieses lang vergessene, raue Gefühl an den Handkanten. Eine Welle trifft mich. Erinnerungen: Tanja, die mich hier auf die Wange küsste. Kakao aus Trinkpäckchen. Ihr Hund, der starb. Tanja weinte an meiner Schulter. Ich erzählte ihr, dass ich Vater hatte sagen hören, das erste Kind sei „häufig misslungen“, man müsse sich Mühe geben, es zu lieben. Da nahm sie mein Gesicht in ihre klebrigen Kinderhände und sagte: „Aber ich hab keinen so lieb wie dich…“
Ich spüre Tränen in den Augen. Mit dem Zeigefinger zeichne ich Muster in den Sand. Plötzlich erinnere ich mich an Vaters Stimme: „Sieht ganz normal aus, die Bank, oder? Aber ich habe dir ein Geheimfach eingebaut. Nur für dich.“ Es war mein erstes Geheimnis. Und Vater hatte das Fach für mich gebaut – nicht für Laura.
Damals erzählte ich niemandem etwas davon, wusste jedoch lange nicht, was ich darin verstauen sollte. Bis zu dieser Projektwoche in der Grundschule. Alle Kinder sollten ein Bild malen, das ihre Zukunft darstellt. Wir schickten es per Post an uns selbst. Als es endlich ankam, verstaute ich es in einer von Opas Zigarrenkisten und legte es in mein Versteck.
Ich rutsche auf der Bank ganz nach links. Rechts sehe ich Tanjas rundes Kindergesicht mit den roten Pausbacken vor mir. Als könnte ich es greifen. Jahre später, als Teenager trafen wir uns meistens mit der Clique an der steinernen Tischtennisplatte. Irgendwann probierte ich meine erste Zigarette und mein erstes Bier. Eine Flasche Bier und weg war das Gefühl, nicht zu genügen.
Ich ertaste den kleinen Mechanismus unter der Bank. Die Sitzfläche hebt sich mit einem vertrauten Quietschen. Und tatsächlich! In der Aussparung unter der Sitzbank liegt das hölzerne Zigarrenkästchen! Mir wird ganz heiß. Ich öffne den kleinen Verschluss, falte das Blatt mit der verblassten Filzstiftzeichnung auseinander und lege es auf den Holztisch. Eine grinsende Sonne inmitten des Bildes, darunter ein Palmenstrand. Zwei Strichmännchen. Ein gelber Hund mit großen Schlappohren. Ich streiche mit der Hand über das Bild. Ich atme ein paar Mal ganz langsam aus, um ruhiger zu werden.
Ich sehe Sven vor mir, der eines Tages zur Tischtennisplatte kam. Er hatte Pillen dabei. Er lud die Clique für den kommenden Samstag zu sich ein, da er sturmfrei haben würde. Auf dem Nachhauseweg stritt ich mich heftig mit Tanja. Ich wollte nur noch zu Sven. Und das Zeug nehmen. Tanja war entsetzt über mein Vorhaben. „Marc! Du machst alles kaputt! Entweder die Pillen oder ich!“, schrie sie. Sie sah mich an, als hätte ich sie geschlagen. Mit einem Ruck drehte sie sich um und lief los. Weg war sie.
Ich halte das Bild in der Hand. Tanja und ich. Ein Strand. Ein Golden Retriever. Vorsichtig lege ich es zurück in die Kiste. Würde ich in meiner Bruchbude tot zusammenbrechen, wie lange dauerte es, bis mich jemand findet?
Ich befreie meine Beine, klettere aus dem Häuschen und gehe in Richtung Teich. Es dämmert. Laura lehnt an der Birke. Ich laufe auf sie zu. „Erinnerst du dich an Tanja?“, rufe ich schon von Weitem.
Sie legt die Stirn in Falten. „Welche Tanja? … Du meinst Tanja Schlebusch, deine erste Freundin?“ Sie wirft ihr Haar zurück und sieht mir fragend in die Augen. Ich trete näher an sie heran und umfasse ihre Arme. „Weißt du, was aus ihr geworden ist?“
„Nach der Scheidung ihrer Eltern hat sie ihr Elternhaus übernommen. Aber Marc – was ist denn los? Du wirkst völlig aufgelöst.“
Ich küsse ihre Stirn. Dann gehe ich. Nach wenigen Schritten beginne ich zu laufen, über unsere Terrasse, durch das Wohnzimmer, in den Flur. Tür auf. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich renne die Straße entlang, bis zu ihrem Ende in der Sackgasse.
In Tanjas Haus brennt Licht. Ich bleibe stehen, verschnaufe. Bin total außer Atem – nicht nur vom Laufen. Durch das gekippte Fenster dringt Musik nach draußen.
Why do you come here
When you know it makes things hard for me?
When you know, oh, why do you come?
Pfff! Sie hört immer noch Morrissey! Ich nehme den Pfennig aus der Hosentasche. Umschließe ihn fest. Meine Hand zittert leicht, als ich den Klingelknopf drücke. Hundegebell. Eine gefühlte Ewigkeit vergeht. Ich könnte noch umdrehen.
Da öffnet sich die Tür.
Sie steht da. Tanjas Gesicht. Früher steckten Möglichkeiten darin. Nun ist es gereift – das Gesicht einer erwachsenen Frau. Einer interessanten Frau. Ein leichtes Stirnrunzeln. Sie schaut mir direkt in die Augen, sekundenlang. Dann weiten sich ihre Augen. Ihre Gesichtszüge entspannen sich.
Etwas wird still in mir. Meine Schultern sinken. Die Hand, die den Pfennig umklammert, wird lockerer. Ich hole tief Luft.
Maren Ottlinger, geboren 1976, lebt in Mülheim an der Ruhr und schreibt seit früher Jugend Reflexionen über den Alltag, Kurzgeschichten und Gedichte.
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