Das Land der Stille

Jelena Kasirska für #kkl60 „In den Rückspiegel“




Das Land der Stille

Ich reibe mir die müden Augen, meine steifen Schultern tun weh, und so schlage ich entschlossen die Lehrbücher zu. Mein Kopf brummt wie Drähte unter Hochspannung.

„Alles. Basta. Schluss mit der Arbeit! Feierabend!“, sage ich mir, schmeiße meine Notizen in die Mappe und gehe zur Bibliothekarin, die, in einen Wollschal eingewickelt, gebeugt über einer Zeitschrift sitzt. Ich gebe ihr einen großen Stapel Bücher ab – Quellen der Weisheit, Springbrunnen der Wissenschaft und Silos der Wahrheit – und stapfte müde zum Ausgang.

Leise, schön fällt der Schnee, und es ist Freitag: Zwei Tage Ruhe liegen vor mir. Ich lehne den Kopf in den Nacken, lasse die Flocken auf mich niederfallen, und nach einigen tiefen Seufzern entscheide ich, zu Fuß zum Studentenheim zu gehen. Keine Lust auf die überfüllte Straßenbahn – und mein Kopf pocht ohnehin schon von all dem neuen Wissen wie ein Bienenstock im Hochsommer.

Ich gehe zügig, die vertraute Route entlang. Morgen lädt mich mein Freund ins Theater ein: Operette! „Mariza“! Meine Lieblingsoperette! Sofort steigt meine Stimmung, und im Kopf erklingt die fröhliche Arie:

„Komm mit nach Warasdin!

Wo ich aller Schweine der Herr bin.

Oh, um willen Ihrer Augen,

lassen wir uns gleich los!“

„Madame Mariza! Nun heirate mich!“, schreie ich laut und voller Stimme, ganz in die Rolle des Zigeunerbarons von Emmerich Kálmán geschlüpft. Die Mappe in die Höhe geworfen, springe ich auf einem Bein eine wirbelnde Pirouette mitten auf der Straße.

Aus Angst, jemand könnte mich gesehen oder gehört haben, stoppe ich meinen Tanz, bedecke den Mund mit dem Handschuh und schaue mich um. Nichts ist zu sehen außer Häusern. Aber in der Ferne bemerke ich plötzlich Menschen, die mit den Armen auf eine seltsam aggressive Art winken– das ist alarmierend.

Irgendwann finden sie sich im hellen Lichtkreis einer Straßenlampe, und ich sehe mit großen Augen, dass sie heftig mit den Händen gestikulieren, ohne die geringste Aufmerksamkeit auf mich zu richten. Sie lachen, winken einander zu und schlagen fröhlich auf die Schultern – aber lachen tonlos. So jung wie ich … Taubstumme!

Ein leichtes Grauen überläuft mich. Ich beschleunige meinen Schritt und denke dabei, was für ein wahnsinniges Glück ich habe, gesund geboren zu sein, sehen und hören zu können.

„Viele Grüße zum Silvester, Sonja!“, schreie ich voller Freude ins Telefon.

„Meine Grüße auch an dich, meine Liebe!“, grüßt mich meine alte Studentenfreundin, tausende Kilometer entfernt. „Ich konnte erst gegen Morgen einschlafen, und jetzt pocht mein Kopf vor teuflischen Schmerzen. Sobald die Uhr auf dem Turm zum zwölften Mal geschlagen hatte, ging es hier so dermaßen durcheinander los! Es fing an mit Schießerei und Donnern wie bei einem Kanonenangriff. Es blieb nichts anderes übrig, als in den Bunker, wie im Krieg, zu laufen. Und du?“

„Super!“, antworte ich glücklich. „Wenigstens hier habe ich einen Vorteil wegen meiner Taubheit: Wenn meine Hörgeräte aus den Ohren sind, höre ich einfach nichts! Als unser Bremer Himmel glühte, und donnerte von den Silvesterfeuerwerken, schlief ich wie ein Engel – tief und friedlich.“ Ich lache ins Telefon.

Nicht einmal ein Jahrzehnt trennt diese beiden Bilder – zwei Pole meines Unheils.

Doch der graue Schleier meines Unglücks umhüllte mich allmählich und unmerklich. Er stahl mir zuerst das leise Murmeln eines Sommerregens, das sanfte Glockenklingen der Kirche, dann die gedämpften Stimmen von Freunden. Wie ein böser, durch die erblichen Gene programmierter Geist kannte er keine Ruhe. Aus dem dünnen, feinstofflichen Schleier, der nur die Töne der Wirklichkeit ein wenig dämpfte, wurde ein dicker Überwurf. Er drohte, sich in eine schalldichte Decke zu verwandeln, die konsequent mein Leben durch weitere Klangverluste überschattete. Ab einem gewissen Punkt schüttelte die Decke aus ihren Falten Müll in meine tägliche Sprache:

„Wie bitte?“

„Was haben Sie gesagt?“

„Ah?“

Der graue Schleier verwandelte sich plötzlich in eine tondämpfende Decke und dicke Stücke daraus sich lösten. Meine Ohren verstopften, um mich von der Welt zu isolieren, vor allem von meinem Beruf. Ich bin eine taube Dolmetscherin! Das ist doch Unsinn! Absurd!

Ich fühlte mich in die Enge getrieben. Alles! Ende! Finita la Comédie!

„Warum ausgerechnet ich!?“, schrie mein Bewusstsein frustriert eine sinnlose Frage.

Es gibt jedoch ein gutes Sprichwort dafür: „Warum ist die Banane krumm?“ Eine abstrakte, aber treffende Antwort auf sinnlose Fragen.

Menschen, die von Geburt an taub sind, und Menschen, die ihr Gehör später verlieren, unterscheiden sich stark. Ich erinnere mich gut an die Hörbehinderten meiner Jugendzeit. Sie machten auf mich keinen depressiven Eindruck. Sie sahen normal und fröhlich aus. Aber sie kannten keine Töne und konnten daher den wahren Preis ihres Verlustes gar nicht ermessen. Sie wussten nicht, was ein Walzer von Strauß ist, oder das Lied einer Nachtigall, oder das Liebesgeflüster eines Menschen im intimen Moment. Der Mensch jedoch, der das Hören verloren hat, leidet gerade deshalb: weil er nie wieder hören wird, was er früher kannte.

Graue Decke – Taubheit. Schon das Wort auszusprechen, tat weh. Und warum? Es war mir selbst nicht klar, aber es war beschämend. Meine Zunge wollte und konnte lange nicht die einfachen Worte sagen: „Ich höre schlecht. Bitte noch einmal wiederholen!“ So einfache Worte, doch brauchte es viel Überwindung, sie endlich auszusprechen.

Ah! Ich bin doch noch nicht alt!

Es hätte mir klar werden müssen, dass mein Verhalten, wie das eines Straußes, der den Kopf in den Sand steckt, mich geradewegs in die Enge einer ewigen Depression führte. Ich würde mich in diesen dichten, alles überdeckenden Schleier der Tonlosigkeit wie in einen Kokon einwickeln und unendlich leiden, bedauern und bereuen.

Schon an der Schwelle zu grenzenlosem Selbstmitleid meldete sich zum Glück plötzlich mein inneres Stehaufmännchen. Mit kräftigem Schwung schob es mich zurück in die Realität.

„Was ist los mit dir!?“, schrie es.

„Bist du bescheuert? Das Leben ist eine wunderbare Sache. Und du, du Blöde, willst es vergeigen!? Du hast nicht alle Tassen im Schrank! Wie viele Menschen auf dieser Welt tragen Brillen? Wie viele gehen mit Prothesen? Erinnerst du dich an die Geschichte der Frau, die ohne Hände mit den Füßen Frikadellen für die Familie kochte, und sich sogar die Wimpern schminkte? Sie war übrigens verheiratet!“ Donnerte es auf mich ein.

Meine werdende „Larve“ des hörlosen Unglücks, schrumpfte frustriert zusammen, machte ein leidendes Gesicht, die Augen füllten sich mit Tränen, die bereit waren, sich in einen bitteren Wasserfall zu ergießen, und sie begann zu jammern:

„Oh, ich habe es schwer, oh weh …“

Doch das Stehaufmännchen ließ sich nicht erweichen.

„Was jetzt? Willst du weiterhin am Rand des Lebens herumkriechen und im Graben des Selbstmitleids verrotten?“

„Aber ich kann doch nicht hören!“, versuchte sie zaghaft weiter zu leiden.

„Ja, du kannst nicht gut hören. Na und? Es ist nur eine deiner Verluste! Du hast in deinem Leben schon genug verloren. Und? Du hast überlebt, oder? Also wird es auch mit den Ohren so sein! Das schaffen wir! Und es gibt sehr viel Positives beim Nichthören! Du wirst den Lärm und Krach der Stadt nicht hören. Du hörst weder Nachbarschaftsskandale noch die bösen Sachen deiner Feinde, die hinter deinem Rücken über dich reden – und zwar so laut, dass du es normalerweise mithören würdest und dich aufregst. Aber jetzt hörst du es nicht! Du musst nicht unbedingt zu einem trendigen Rockkonzert. Du hast diese Krachmusik mit den schrillen Eisenhämmern sowieso nie gemocht. Und noch vieles mehr.“

„Wie bitte???“, rief sie empört. Meine innere „Larve“ bebte noch vom bitteren Selbstmitleid, und der Wasserfall der Tränen stand kurz davor zu fließen, als sie sagte: „Ich denke manchmal, dass einige Menschen absichtlich zur Seite sprechen, damit ich meine Taubheit richtig wahrnehme …“

„Ach du lieber Gott … Du bist schon erwachsen und reagierst immer noch wie ein Kind auf solche Tricks!

Du hast doch viel erreicht im Leben, oder? Viele jüngere Menschen – gesünder, mit ausgezeichnetem Gehör – haben nicht einmal einen kleinen Teil deines Erfolgs.

Denk immer daran: Die schlimmste Taubheit ist die der Seele. Also los, geh zum Akustiker und lass ihn dir ‚Hörhilfen‘ für deine schwachen Ohren anpassen.“

„Und wenn ich völlig taub werde!? Total!?“

„Oh, du gehst mir wirklich auf den Geist! Du kannst immer noch schreiben, oder? Mit dem Computer kennst du dich auch gut aus! Und das Wertvollste: Du kannst dich an alle Geräusche und die Musik deines Lebens erinnern! Sie leben weiter in deinem Kopf und bleiben dort für immer. Also reicht’s jetzt mit dem Leiden!“

Die „Larve“ in mir dachte nach, überlegte … und verwandelte sich schließlich in einen wunderschönen, fröhlichen Schmetterling mit künstlichen Ohren.

„Das Land der Stille“ – ein Land, in dem die Stille nicht quält, sondern schützt.




Jelena Kasirska
Die Autorin Jelena Kasirska wurde 1950 in Georgien der UdSSR geboren. Sie absolvierte ihr Studium an der Hochschule für Fremdsprachen im Kaukasus und ließ sich zur Englisch- und Deutschlehrerin ausbilden. Seit 25 Jahren lebt sie in Deutschland in Bremen.

Ihr ganzes Leben lang schrieb sie Romane und Kurzgeschichten, traute aber nie, diese zu veröffentlichen. Übrigens sind alle ihre Manuskripte sowohl auf Deutsch verfasst als auch auf Russisch vervielfältigt, damit alle Freunde und Bekannten, nicht nur Deutsche, sondern auch russischsprachliche von ihrer Geschichte genießen könnten, weil die Autorin diese dafür geschrieben hat.








Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar