Halbwegs

Gertrud Mayr für #kkl60 „In den Rückspiegel“




„Halbwegs“ – Fetzen der Erinnerung

Wenn Du noch am Leben wärst, hätten wir uns bei der Beerdigung wohl vielsagende Blicke mit leichtem, unterdrückten Grinsen, wenn nicht sogar verhaltenem lachenden Glucksen zugeworfen, als die ehrenwerte Dame sich am Rand hingesetzt hatte, um auch Abschied zu nehmen von einem ehemaligen Arbeitskollegen, und ausschließlich damit beschäftigt war, ihren Teppichumhang à la ‚Mon Oncle‘ von Jaque Tati zurecht zu zupfen, anstatt die Urne samt Aufbewahrungsutensilien mit Kränzen und Kerzen zu würdigen.

Es sei ein Test gewesen, dieser Jaques Tati Film, hatte er später dann einmal zu ihr gesagt, er hätte diesen Film schon mit mehreren in Frage kommenden Vertreterinnen des anderen Geschlechts angesehen, keine habe den Test bestanden, denn die eine begann schon bald auffällig zu gähnen und eine andere verlangte nach Chips, eine weitere fragte nur, ob er keinen gescheiten Film zum Anschauen hätte. Zita aber lag fasziniert und gefesselt in seinen Armen und lachte wohl an den gleichen Stellen wie er es getan hat. Auf seinem Sofa unterm sich mit Weihnachtskugeln und komischen Figuren und Tannenzweigen geschmückten sich drehenden Ventilator über ihnen, ihre Augen auf den alten Röhrenbildschirm geheftet.

„Sie müssen in den Rückspiegel schauen, Fräulein Zatta“ hatte der Fahrlehrer Herr Schmitz, bei den Fahrstunden zu ihr gesagt, als sie rückwärts einparken übte. Es war vor vierzig Jahren, als man noch ‚Fräulein’ zu einem jungen Mädchen sagte. Sie war bei der Fahrprüfung. Bergauf, Handbremse anziehen, rechts rückwärts einparken, sie sah in den Rückspiegel, den sie beim Einsteigen für sich optimal eingestellt hatte, der Prüfer saß rechts neben ihr. Sie war nervös. Ja. „Du bist ein Nerverl“ hatte der Freund zu ihr gesagt und „technisch weißt Du fast mehr als wir“ und sein Bruder und er nickten sich nur zu. „Aber Du bist ein Nerverl, wenn, dann fliegst Du beim Fahren durch“. All das schoss ihr gleichzeitig blitzschnell durch den Kopf und doch fuhr sie ganz ruhig und bedacht rückwärts in die Parklücke hinein. „Wechsel“ sagte der Prüfer zum Mädchen, das hinten saß und nach ihr die Fahrprüfung absolvierte. Kein „Bestanden“ oder „Gut gemacht“, nur „Wechsel“. Kurz und trocken. Sie musste bibbern, bis die Kollegin ihren Prüfteil bestanden hatte und erst zurück am Fahrschulparkplatz überreichte der Prüfer den beiden still aufgeregten Mädchen mit einem „Gut gemacht! Gratuliere“ ihre niegelnagelneuen Führerscheine. Rosarote dreifaltige heilige Papiere, die sie zum Lenken eines Personenkraftwagens befugten.

Im Rückspiegel gesehen, vierzig Jahre danach, war auch eben dieser Freund wohl der einzige Mann gewesen, der nach der Arbeit oder nach den Musikproben, nach einem Umtrunk mit Arbeitskollegen oder Freunden stets zu ihr und in ihre Arme nach Hause gekommen war.

Wenngleich sie auch andere liebte. Sie. Die anderen, na ja. „Halbwegs“. Würde ihr Vater gesagt haben. Aber halbwegs ist eben nicht ganz und nicht ganz befriedigend. So träumt sie noch immer von einem, der sie meint und nicht seinerseits von einer Ex noch innerlich schwärmt.

Ja, damit meinte ich dich! Selbst wenn auch du an mir verzweifelt bist, weil ich die erste Liebe nicht und nicht ad acta legen wollte „Jetzt bin aber ich da“ half leider nichts.

„Ein Löffel für den Papa, ein Löffel für die Mama“. Zita hält den Löffel in der linken Hand. Die rechte liegt in Gips. Zita löffelt nicht. Die Suppe mag sie nicht. Fettaugen schwimmen schon drauf, weil sie fast kalt ist. Speckknödelsuppe mag sie nicht. Sie übergibt sich jedes Mal danach. Die Mutter weiß das genau. „Extrawurst gibt es nicht!“ Sagt die Mutterstimme scharf. Zita schielt zum Vater links neben sich. Er löffelt seinen Grießbrei genüsslich still in sich hinein.

Es ist nebelig draußen. Dichter tief gesunkener Winternebel. Wie damals in jener Januarnacht, als Zita mit ihrer jüngeren Schwester quer übers Feld ins Nachbardorf ging, den Schlitten abwechselnd ziehend. Eine saß immer drauf, die Milchkanne fest in den Fäustlings-Handschuhhänden haltend. Sie stapften den Hügel hinauf. Ein sonderbar ekliger Geruch grub sich in ihre kalten Nasenflügel, ein Quietschen, das elendiglich erbärmlich klang. Eisbein im Schweinetrog. „Klick“ hatte es gemacht, als die Schwiegermutter die Speisekarte strahlend dem Kellner zurückgab. Ein einziger kurzer Speisekarten-Text und alle Bilder purzelten zu Zita zurück. Das Schwein, das im Schweinetrog lag, Blut rann aus seinem Hals, Blut, das in der Januarkälte zu stocken begann. Deshalb mag ich kein „Wiener“ vom Schwein.

Man könne nicht mit achtundfünfzig Jahren vierzig ungelebte Jahre nachholen. Sagte Kaspar zu ihr. Grinste verschmitzt und montierte ihre Küchenplatte. Küsste sie auf die Stirn, auf die Nase und auf den Mund und musste dann wieder mal sofort gehen. Ohne ihr.

Seine Fäustlings Handschuhe streckten sich von unten, von den Fluss Auen zu ihr, die auf der Promenade ging, flehentlich hinauf. Doch Zita war schon distanziert. Die Ex in ihm war ihr zu laut.

„Schalt den Fernseher ein, wenn Du einsam bist“ sagte er zu ihr, als er seine neue Liebe gefunden hatte und sie ihm nach heulte. Jetzt schaut sie Netflix, abends, wenn sie einsam und alleine ist. Und tröstet sich so hinweg über die nicht mehr vorhandenen Beziehungen.

„Geht es Dir gut? Geht es Dir halbwegs gut?“ fragte der Vater die alte Zita am Telefon. Sie stand am offenen Küchenfenster in ihrer frisch bezogenen Altbau-Parterre-Wohnung. Vor ihr ein Meter grüne Grasfläche, in der die Katzen ihr Katzengras-Paradies hatten und sie in einem Liegestuhl hinter den Parkplatzautos ihre Fertig-Pizza essen konnte. „Ja“ sagte Zita gedehnt. Langsam. „Ja, es geht mir gut“. „Halbwegs“ fügte sie still für sich hinzu und kletterte beim Küchenfenster hinaus, um den NachbarInnen im Stiegenhaus nicht begegnen zu müssen. Legte sich im Schlafsack im Dunkel der Autos versteckt ins Gras, ihr Kater kuschelte sich neben sie und im Morgengrauen, ehe das geschäftige Tagwerk der Nachbarn begann, kroch sie aus ihrem Schlafsack heraus, verabschiedete sich vom Sternenhimmel und schlief im Bett noch ein Weilchen.

Das Vogelgezwitscher, munter und fröhlich in der nebelverhangenen Dezemberdämmerung lässt sie an ihren Vater denken, an einen ihrer letzten gemeinsamen Stunden, eher vielleicht langer Minuten, als er noch unter ihnen weilte, müde und schwerfällig geworden schon, aber noch klar im Geiste und die Stille, die sie gemeinsam teilten, das, was eben grad war, die wenigen gewechselten Worte, die dennoch nur gegenseitiges Verstehen und Verstanden werden offenbarten.

Das war, nachdem Zita ihn abends, als er wie üblich in der halboffenen Küchentür stand, um allen eine gute Nacht zu wünschen, sie aufgestanden ist und ihn, wohl das erste Mal seit ihren frühen Kindheitstagen, auf ihn zugegangen ist und ihn einfach umarmt hat, was sie sonst eben niemals tat. Und als ihre Mutter im Badezimmer sich fürs Bett fertig machte, Zita war schon am Weg ins Gästezimmer, fragte die Mutter ihn, warum er seine Schlafzimmertüre noch offen habe und er meinte nur, er wolle Zita noch einmal sehen. So ging diese zum Bett ihres Vaters, wo er seitlich unter der Decke versteckt, drinnen lag wie ein kleines Kind und fragte „Was ist?“ Und er sah ihr bloß in die Augen und alles wurde stockdunkel schwarz um sie und wie lange das war dieses Nichts, weder sie noch er noch irgendeine Umgebung, einfach nur Schwarz, kein Ton, kein Klang, nur Nichts, aber nichts zum Sich Fürchten dabei, sondern schön. Bis sie dann, wie lange sie so dagestanden ist, keine Ahnung, seine Stimme hörte „Jetzt ist es gut!“ Und ihr war, als habe er ihr all sein Wissen übergeben. Sie nur fragte, ob sie das Licht abdrehen solle und die Türe zu machen, was er bejahte.

Seither war Stille, jedes Mal, wenn sie einander begegnet sind.

Eine Stille, die seltenst mit einem Menschen zu finden ist.




Gertrud Mayr, Jahrgang 1963, lebt seit 2003 in Kufstein / Tirol.

Malt und zeichnet Menschen und Landschaften.
Seit 2000 schreibt sie Gedichte und Kurzprosa.
Gedichte 2007 in „Lyrik & Prosa unserer Zeit“ Bd. 6 Karin Fischer Verlag veröffentlicht. Kurzgeschichten bisher alle unveröffentlicht.








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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