Florian Stöckle für #kkl 60 „In den Rückspiegel“
Anastacia
Attila saß auf dem Fahrersitz eines gestohlenen schwarzen BMW X5 und wünschte sich, nicht hier zu sein. Er parkte nur einige Meter vor dem Gitter der Passage entfernt, das seine Freunde mittlerweile aufgebrochen hatten. Sie hatten nicht einmal eine Minute dafür gebraucht. Die beiden Einbrecher waren unter dem Gitter hindurchgeschlüpft und hatten es danach wieder leise nach unten gleiten lassen. Fünf Minuten war das jetzt her. Vor drei Minuten war die Alarmanlage des Juweliers angegangen. Damit hatte Attilas Nervosität ein neues Level erreicht. Der helle Alarm schrillte dermaßen aufdringlich in Attilas Ohren, dass er sich darüber wunderte, dass bisher noch niemand hektisch auf die Straße gerannt kam. Doch die Nacht blieb ruhig. Attila sah keine Person auf dem Gehsteig, kein Auto die Straße entlang fahren und in den anderen auf der rechten Seite parkenden Autos hatte er bisher auch keinen anderen Menschen sitzen gesehen. Seit der Alarm schrillte, schaute Attila noch öfter auf die Autouhr, spähte regelmäßig aus allen Fenstern und überprüfte auch häufig den Rückspiegel und die Seitenspiegel. Er hatte das Radio leise angelassen, weil er sich gedacht hatte, dass er so authentischer wirken würde. Irgendeiner musste auf den Fluchtwagen aufpassen. Attila war diese Aufgabe lieber, als den Einbruch zu übernehmen. Er war ein „Riesenschisser“, wie Orkan völlig zu Recht kritisiert hatte. Attila fragte sich, wie lange er wohl noch auf Nadia und Orkan würde warten müssen. Die beiden waren ideal für den Einbruch geeignet, waren sie doch ein Liebespaar. Bestimmt würde es keine Streitigkeiten zwischen ihnen geben. Das wäre bei Orkan und Attila wahrscheinlich anders gewesen.
Die Minuten verstrichen. Attila schaute immer wieder nervös auf die Autouhr. Acht Minuten waren Nadia und Orkan jetzt schon weg. Neun. Wieso brauchten sie nur so lange? Räumten sie den gesamten Laden leer? Attila schaute wieder durch alle Fenster. Vorne, links, rechts, in die Seitenspiegel, in den Rückspiegel und sogar nach hinten. Nichts und niemand zu sehen. Bis –
„Scheiße“ flüsterte Attila. Das Wort ging in einem Hardrock-Song unter. Eine schöne Frau war im Rückspiegel aufgetaucht. Sie war um die Häuserecke gebogen und ging nun langsam auf dem Gehsteig in Richtung Passage. Sie war groß, womöglich zwischen 1,80 m und 1,85 m, hatte eine schlanke bis normale Statur und trug einen goldenen Mantel über einer dunklen Hose und dunklen Schuhen mit einem mittelhohen Absatz. Ihre langen blonden Haare wellten sich über ihren Schultern. Attilas Blick war starr auf den Rückspiegel gerichtet, in dem ihm im Licht der Straßenlaternen die weit aufgerissenen Augen der Frau begegneten. Die Farbe konnte er auf die Entfernung nicht erkennen. Doch die Frau wirkte aufwendig geschminkt. Vielleicht kam sie gerade vom Tanzen oder einem Rendezvous.
„Orkan, Nadia, macht hinne!“, presste Attila wütend hervor. Die hübsche Frau würde bald an ihm vorbeikommen. Sollte er aussteigen und sie in ein Gespräch verwickeln, um sie abzulenken? Aber was wäre, wenn Nadia und Orkan dann gerade herauskämen? Attila kam eine Idee, wie er die Frau weglocken könnte, falls sie wirklich nur wegen des Alarms hier war. Dazu musste er allerdings all seinen Mut zusammennehmen.
Attila öffnete die Tür. Er stieg aus und setzte dabei ein freundliches Lächeln auf. Wahrscheinlich würde die Frau so sein Gesicht wiedererkennen, aber wenigstens trug Attila ein Toupet zur Tarnung. Außerdem fand er, dass er ein ziemliches 08/15-Gesicht hatte. „Falls Sie wegen dem Alarm gekommen sind, ich habe schon die Polizei gerufen“, rief er, um das laute Schrillen zu übertönen.
Dann stieg er sofort wieder in den Wagen, denn er wollte der Frau möglichst wenig Zeit geben, um sich sein Gesicht einzuprägen. Die Schönheit war sofort stehen geblieben, als er ausgestiegen war. Attila schloss die Tür hinter sich und beobachtete die Frau durch den Rückspiegel. Hoffentlich würde sie jetzt entweder umdrehen oder schnell an dem geschlossenen Passagengitter vorbeigehen. Doch sie blieb erst einmal stehen und blickte in Attilas Richtung.
Dann kam sie langsam auf dem Gehsteig näher. Sie hielt neben seinem Auto an. Nein, nein, nein!, dachte Attila. Die Frau beugte sich herab, schaute ihn durch die Scheibe an und klopfte dann auch noch dagegen. „Hallo?“, fragte sie.
Attila starrte nach vorne auf das Lenkrad. Immerhin wollte er ihr möglichst nicht in Erinnerung bleiben.
„Ja?“, fragte er zurück, die Augen nun auf das Radio gerichtet.
„Wissen Sie, wo es zur Webergasse geht? Das müsste hier in der Nähe sein.“ Da Attila nicht antwortete, wiederholte die Frau das eben Gesagte.
Attila war wieder mutig und schaute sie an. Sie hatte ein umwerfend hübsches Gesicht! Sie war sein Typ und er war Single, aber diese Gedanken kamen jetzt vollkommen zur Unzeit. Nadia und Orkan würden jede Sekunde kommen. Also ließ Attila die Scheibe der Beifahrertür herunter. „Ich kenne mich hier nicht aus. Ich habe nur angehalten, weil ich diesen Alarm gehört habe.“
„Verstehe.“ Die Frau lächelte ihn schief an. „Schade.“
Attila ließ die Scheibe wieder hochfahren.
Die Frau ging jetzt wenige Schritte weiter, blieb dann stehen, holte ihr Smartphone aus der Hosentasche und tippte darauf herum. Wahrscheinlich suchte sie online nach der gesuchten Straße. Sobald Nadia und Orkan kommen würden, würde sie wahrscheinlich einen riesigen Schreck bekommen. Anders als Attila waren seine Freunde wie Einbrecher gekleidet. Mit Sturmhauben, um den Überwachungskameras verborgen zu bleiben.
Plötzlich wuchs in Attila ein Verdacht heran. Vielleicht fand die Frau ihn verdächtig und fotografierte gerade sein Auto. Das hatten Nadia, Orkan und er zwar erst gestern gestohlen, aber trotzdem musste jede Spur, die sie überführen könnte, beseitigt werden.
Attila vertraute auf sein untypisches Aussehen – er hatte Kleidung angelegt, die er sonst nicht trug und hatte sich einen ungepflegten Stoppelbart wachsen lassen, den er sonst auch nie hatte – und stieg erneut aus dem Wagen. „Ich bin Moritz“, rief er, um das Interesse der Frau zu wecken.
Es funktionierte. Sie schaute ihn sofort an. „Anastacia“, erwiderte sie offensichtlich verwirrt. Trotzdem lächelte sie. „Ich habe mich leider total verirrt. Die Straßen hier sehen alle gleich aus.“
„Das finde ich auch. Ich komme eigentlich von außerhalb. Ich bin nur wenige Minuten vor Ihnen hier durchgefahren. Geben Sie bitte auf sich acht. Nicht, dass dort wirklich Verbrecher hinter dem Gitter sind.“ Attila hoffte, dass Anastacia ihm seine Aufregung nicht anhörte. Wieder setzte er sich gleich zurück ins Auto. Er grinste Anastacia durch die Scheibe hindurch an. Was für ein wunderschöner Name …
Anastacia erwiderte sein Grinsen und ging mit dem Smartphone in der Hand weiter. Sie kam an dem Gitter der Passage vorbei. Nun schien sie es wesentlich eiliger zu haben.
Attila seufzte, während er der hübschen Blondine hinterherschaute.
Dann schweiften seine Augen wieder zur Autouhr. Wo blieben seine Freunde nur? Sie waren inzwischen schon vierzehn Minuten da drin …
Abermals schaute Attila aus allen Fenstern und überprüfte auch die Seitenspiegel und den Rückspiegel.
Dann, nach weiteren drei Minuten, kamen zwei Autos schnell durch die Straße gefahren. Scheiße! Es waren zwei Polizeiwagen. Hatten Nadja und Orkan ihn sitzen gelassen und waren durch den anderen Zugang zur Passage geflohen?
Attila hatte keine Zeit, um den beiden Polizeiautos davonzufahren. Die Wagen hielten direkt neben seinem BMW. Drei Männer und eine Frau stiegen aus.
Attila blickte bekümmert auf das Lenkrad. Jetzt bloß nicht auffallen …
Ein Polizist öffnete die Fahrertür. „Was machen Sie hier?“, fragte er.
Attila starrte ihn bloß an. Ihm fehlten die Worte. Sie hatten ihn ertappt. Was soll ich jetzt bloß machen?
„Haben Sie Ihren Ausweis dabei?“
„Nein“, antwortete Attila und versuchte dabei, ruhig zu klingen. Natürlich hatte er keinen Ausweis dabei, denn er hatte leider keinen gefälschten. Seine Gedanken überschlugen sich. Ob sie Nadia und Orkan schon gefasst hatten? Hatte er mit seinem Verdacht gegen Anastacia richtig gelegen? Hatte die schöne Frau ihn angeschwärzt?
„Steigen Sie bitte aus dem Wagen“, bat der Polizist, „und lassen Sie uns Ihre Taschen sehen.“
Attila sah das Gefängnis auf sich zukommen. Jeder Fluchtversuch war aussichtslos. Die Polizei hatte ihn. Er hatte sich verkleidet und fuhr ein gestohlenes Auto. Er war am Tatort aufgefunden worden. Bestimmt würde er für seinen Anteil am Raub lange Zeit weggeschlossen werden. Schade. Er dachte an Anastacia, die heute Nacht das gleiche Wort zu ihm gesagt hatte.
Während die Polizisten Attila befragten, ihm schließlich das Toupet vom Kopf rissen und ihm Handschellen anlegten, suchte er die Straße nach jener Frau ab, die er von dem Verbrechen hatte ablenken wollen. Doch er fand sie nirgendwo. Hätte sie wirklich die Polizei gerufen, wäre sie vielleicht in der Nähe geblieben.
Auch von Nadia und Orkan fehlte jede Spur. Sie saßen auch nicht in einem der beiden Polizeiautos. Nach dem, was die Polizisten von sich gaben, wirkte es nicht so, als ob sie Nadia und Orkan schon gefasst hätten. Aus Attila würden sie jedenfalls nichts herausbekommen. Seine Freunde verriet man nicht.
Florian Stöckle, 1993 in Günzburg geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik und Geschichte an der Universität Augsburg. In Germanistik schloss er im Anschluss den aufbauenden Masterstudiengang ab. Geschichten schreibt er seit seiner Kindheit, am liebsten Fantasygeschichten. 2019 nahm er an einem Studierendenseminar der Bayerischen Akademie des Schreibens teil. Einige seiner Geschichten wurden schon veröffentlicht. Florian Stöckle wohnt in der Nähe von Augsburg.
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