Ansgar Eyl für #kkl60 „In den Rückspiegel“
TONTAFEL
Es schrumpft vor den Schritten, du willst es noch erhaschen, jemand glaubt an den Gott der Liebenden und die Göttin in seiner Partnerin. Du sollst keine falschen Vorstellungen haben, man hört das Echo des Gesetzestextes. Worte quellen aus den Ritzen des Lehms, du hörst Nebel flüstern. Jemand sagt, du würdest vor dich hin reden.
Dein Schweigen ist laut, für die gefühlten Wünsche in dir. Die Organe der Eitelkeiten bilden künstliche Tentakelknäuel aus Pixeln und Plastikkabeln. Glasfaser lässt dich stolpern, der letzte Stahlmast vor der alten Betonpiste ist dein Halt.
Ein liturgischer Gesang wabert über Quanten und Nanopartikel. Die Religion der Redekunst findet Anbetung und wundgeriebene, erstaunte Augenpartien.
Das nervöse Zucken der Fingerkuppen vereint sich mit den Tastaturbewegungen.
Glimmer, Quarz und Feldspat glitzern, so dass Wimpern flattern.
Rechteckige Schilder mit stenographischen Zeichen flirren vor den sich hin und her drehenden Augäpfeln.
Erdbebenartige Ausschläge deiner Körperorganzonen lassen dich von Entspannung und Massage träumen.
Du winkst, zum ersten Mal an diesem Tag.
Dein Mund spricht jetzt hörbarer.
„Es geht ihm gut“, sagt jemand, den du nicht sehen kannst.
BOOTSTADT
Das wir über Metallstege laufen, an alten Kopfsteinpflastern vorbei, lässt die Luftsphären vibrieren. Plastik regnet in die uralten Basaltrinnen. Stahlbetonfetzen bilden einen sonnenlosen Himmel, die Sohlen kleben fast fest.
Über den Peer auf das Partyschiff raufen sich eiligst, kostümierte Körper. Die Kapelle im Rumpf ist ein Knäul aus Kabel, Laptops und Synthesizer. Das Röhren des Boxenmauls probt die ersten Vorübereilenden anzufallen. Der Fluss leckt an den Bugspitzen. Ein Liebepaar versucht eine bekannte Filmszene nachzuspielen. Das Selbstfotografieren führt zu Aufstöhnen und Anweisungsrufen.
Tanznebel umhüllt Kniescheiben und nach oben gerissene Arme. Discokugeln reflektieren lachende Gesichter. Man glaubt einen Amboss und mächtigen Hammer im Herzen zu tragen, die Fußsohlen wollen davon stolzieren.
Das Hupen der Flussfahrzeuge übertönt den Bass der Steuerbordwellen. Das Schwanken beginnt, gleich einer verlangsamten Achterbahn ruckelt das Aufrechtgehen. Die Gerade wird zur Schräge.
Taumeln, Ringen, Tango angetäuscht und mit Fingern vor den Lippen prusten. Musikwogen drücken Singende an die Reling.
Die Häuserkuppen greifen in den Blickstrahlbund. Reflektierende Pupillen sind Anhaltspunkte auf der Suche nach dem Du.
Umarmungen führen uns wieder unter Deck. Vor uns Küsse, Knarren, Jubelschreie.
Das Klirren der Champagnergläser verebbt.
Am Ende steht der Rausch der Sachlichkeit.
Die Bodyguards beten die Gäste fast unsanft über den Landungssteg hinaus.
Stephansplatz
In der Praterstraße liefen sie Richtung U1, drangen über die fahrenden Treppen ins Innere des Stadtwesens. Das Blaue der Frauenaugen füllte den Himmel. Das Blond regnete von den Aufgängen auf die Plätze und die Dome der Gassenkreuzungen reflektierten.
Der Mann, mit den allzu großen Furchen um die Sprechwülste herum, ruderte mit den Armen. Lallend stand er vor dem Schild:
„Nur für Fiaker!“
Er schüttelte heftig den Hut und verneigte sich vor nicht endend wollenden Beinsäulen.
Tanzend schlängelte sich die elfenbeinfarbige, langärmlige Blumenkleid –Hülle um die Festhaltestange. Die Türen krachten auf, monotone Stimmen vom Band, nicht gehört von den mit Kopfhörern im Antischall-Modus geschmückten, Versunkenen.
Das Geschoss, indem sie sich befanden, jagte durch die unteren Sphären. Sie legten sich in eine Kurve und verschwiegen sich das gewaltige Knacken, dass alle ohne Ohrmuschelschutz gehört hatten.
Die Türen sprangen zischelnd auf, Leuchttafeln verkündeten die neusten Nachrichten. Zwei Silhouetten wurden vom Aufzug emporgehoben.
Vater und Tochter rannten Richtung ´Graben´ im Schatten des großen, grünschimmernden Sakraldaches davon, hinter ihnen ragten die jugendstilvollen Frauendenkmäler. Sie passierten die Hofzuckerbäckerei ´Demel´.
Die Türen der `Spanischen Hofreitschule´ flogen auf und Raunen und Staunen beflügelte, die vorher gezügelten, Pferdestärken in der Säulenhalle.
Der Gedankenzug kam zum stehen und verschmolz mit den emporgereckten Hufen.
Ansgar Eyl, geboren am 17.06.1969 in Neuwied. Er veröffentlichte in Anthologien und Literaturzeitschriften, lebt in Kleinmaischeid im Westerwald,
Einzelveröffentlichung: „Orangensaft“-Lyrik im Mauer-Verlag,
Ansgar Eyl veröffentlichte bislang Prosa und Lyrik, u.a. in Axel Kutsch´ versnetze´1- 14 kontinuierlich vertreten. Publizierte in Anthologien und Zeitschriften.
Internationaler Lyrik-Wettbewerb ´Sannio´- in Italienisch-deutscher Anthologie-1997 veröffentlicht u.a.
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