Sind unsere Brieftauben noch diensttauglich?
Von Monika Schlößer
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Meine alte Schreibmaschine,
mir meist treu ergeben,
die im dunklen Keller
mit ihren Schwestern
von besseren Zeiten träumte,
vom Konzert der Buchstaben,
wenn sie gegen die Walze trommelten,
vom glockenhellen Klang des
Wagenrückführers, vom Geruch
eines frischen Carbon Bands vielleicht.
Die Gute habe ich der staunenden
Jugend anvertraut – damals,
als der Strom noch zuverlässig
durch verkabelte Adern floss,
vom E-Werk ungehindert
in meine Tastatur.
Hätte ich damals die
alte Dame behalten,
gäbe es heute eine Sorge
weniger in meinem Leben?
Vermutlich nicht – wenn es auch die Geringste wäre.
Was nutzen mir Mechanische
Schreibmaschinen oder Federkiele,
wenn der vollelektrische Posttransporter
keinen Strom mehr zur Verfügung hat?
Haben Brieftauben das Überbringen
von Nachrichten noch nichtverlernt?
Verfügt der Markt über genügend
geflügelte Arbeitskräfte?
Sind diese auch stark und willens,
kleine Päckchen zu transportieren,
die mir Adapter, Hundefutter, warme Socken
und, ich muss es leider gestehen,
gelegentlich ein Buch bringen?
Oder wurden auch diese Aushilfskräfte
bereits vergiftet, weil man ihrer Gattung
zutraut, unser aller Weltkulturerbe zu
vernichten – mit ihrem ätzenden Kot?
Dabei wäre ihr verlässlicher Dienst im
Zeitalter vollelektrischer Kleintransporter,
wie sie auch bei uns im gelben Outfit
von Haus zu Haus flitzen, zwingend
erforderlich – für den möglichen Fall,
dass die Stromzufuhr aus
nachvollziehbaren Gründen
irgendwann einmal nicht mehr
verfügbar sein sollte.
Monika Schlößer
1949 geboren und sozialisiert in Köln, lebt mit ihrem Mann in Bad Münstereifel, 2 Töchter und 3 Enkel. Im Laufe der Zeit zahlreiche Veröffentlichungen von Lyrik, Kurzkrimis, Kurzprosa und Märchen in Anthologien, Kunst-Kalendern (éditions trèves), Jahrbüchern für den Kreis Euskirchen, (Literatur)-Zeitschriften, Schaufenstern, auf einer Lyriksäule in Hildesheim und bei online-Magazinen wie kunstkulturliteratur.com
Ein Auszug aus:

Von Mitgliedern der #kkl-Initiative zum Thema FRAGE.
Wie angekündigt bringen wir hier in unserem Magazin gerne hin und wieder etwas aus unserer Initiative.
Diesmal geht es um:
„Die Qualität der Frage, bestimmt die Qualität der Antwort“
Mehr über unsere #kkl-Initiative? https://kunstkulturliteratur.com/contact/
