Charleen Pehlke für #kkl61 „Aus der Glaskugel“
Schweig, die Kugel hat gesprochen!
Ich war nicht ganz sicher, wie ich hier gelandet war. Immerhin war ich relativ zielstrebig an dem Laden vorbeigegangen. Die nächste U-Bahn würde in fünf Minuten kommen und mich endlich nach Hause bringen.
Innerlich hatte ich mich bereits darauf eingestellt, einem Betrunken meine erlernten Kampfkünste zu zeigen.
Im Nachhinein bin ich dann doch ganz dankbar für die esoterische Dame, die mich in ihren Laden gezogen hatte, denn wenn ich so darüber nachdenke, sind die 2 minütigen Videos auf Social Media wohl doch nicht genug, um mich zum Boxprofi zu machen.
„Also, meine Gute“,trällerte die Frau vor mir, während sie ein Räucherstäbchen anzündete und es hin und her schwang – Zimt und Pfefferminze. Sie gab dabei eine Art mystischen Gemurmel von sich, wobei ich mir ziemlich sicher war, den Namen ‚Fischers Fritz‘ gehört zu haben.
Mein Blick schweifte während ihrer Vorführung über den kleinen Raum, musterte die vielen Pflanzen gepaart mit den LED-Lichtern an der Decke.
Ich fragte mich, wie sie die überhaupt dort befestigen konnte. Doch als ich bei einer Pflanze rechts von mir einen Hauch von Klebestreifen und Nägeln erkannte, beschloss ich einfach nicht weiter nachzufragen.
„Erzähle mir, warum du hier bist.“ Mein Kopf schnellte in ihre Richtung, als ich eine Augenbraue hochzog.
„Naja, Sie haben mich doch hier rein gezog-„
Protestierend hielt sie die Hand hoch und unterbrach mich mit ernster Miene.
Mit gekräuselter Stirn musterte ich die ältere Dame vor mir, die ihre Handflächen vor meinem Gesicht hoch und runter bewegte. Die Augen hatte sie dabei geschlossen.
Ich fragte mich innerlich, ob ihre Metalldetektor- Performance mich Geld kosten würde, so viel Elan, wie sie da reinsteckte.
Kurz herrschte Stille, in der sie nur ihre Augen über mich fahren ließ, als könnte sie so etwas finden, was ihr die Antwort auf ihre Frage geben könnte.
Mein Blick blieb starr auf ihr, während ich darüber nachdachte einfach aufzustehen und panisch rauszurennen. Doch dann nickte sie entschlossen und holte ein Kartendeck hervor.
“Ich spüre etwas, das dich blockiert, mein Kind.“, murmelte sie, während sie anfing, die Karten in ihrer Hand zu mischen.
Ich unterdrückte mir ein Augenrollen. Das Einzige, was mich blockieren konnte, war entweder eine Absperrung oder Verstopfung. Und ich kann mit Sicherheit sagen, dass gerade keines der beiden Szenarien eingetroffen war.
„Ich brauche wirklich keine-„, versuchte ich es erneut, als ich mich erheben und einfach diesen Laden hinter mir lassen wollte. Erst jetzt fiel mir das Schild hinter der Frau auf: ‚Weissagung und Prophezeiungen‘. Na super.
“Psht!“
Im selben Moment fielen zwei Karten auf ihren alten Holztisch. Mich wunderte auch schon gar nicht mehr, wie hier noch nichts abgebrannt war, so viele brennende Kerzen, wie sie hier stehen hatten.
Seufzend setzte ich mich wieder auf den knarrenden Stuhl und lehnte mich etwas nach vorne, um die Karten besser sehen zu können. Wenn ich schon hier von einer alten Schachtel festgehalten werde, dann kann ich ja wenigstens mal gucken.
Doch sie nahm beide bereits in die Hand, sodass ich nur die schönen gold-schwarzen Verzierungen der Kartenrückseite bewundern konnte. Intensiv beobachtete sie die Karten. So lange, dass ich mich fragte, ob sie vielleicht ihren Text vergessen hatte.
Dann drehte sie plötzlich ihr Handgelenk und ließ mich endlich auf die andere Seite luschern: Ein Ritter auf einem Pferd, der ein Schwert in die Höhe streckte, und eine Krähe, die einen Totenkopf im Schnabel trägt. Wie poetisch.
„Haben Sie zufälligerweise einen Ehemann?“ Ich hob die Augenbraue, doch nickte nur mit dem Wissen, dass ich noch nicht einmal einen festen Freund hatte.
Sie wippte kurz schmunzelnd mit dem Kopf, so, als hätte sie es so oder so schon gewusst.
Vielleicht wird das ja doch noch spannend, dachte ich mir, während ich mir selbst ein Schmunzeln unterdrücken musste.
„Diese Karte hier.„ – Sie zeigte mir die Karte mit dem Ritter. „Sagt mir, dass es zwischen ihnen einen großen Streit gab.“ Fragend sah sie zu mir hoch. Ich nickte erneut.
„Er ist mir fremdgegangen“, ergänzte ich meine Lügen und hoffte, dass es dabei ernst klang. Ich bemerkte, wie ihre Augen sich leicht weiteten und ihre Lippen sich zu einer dünnen Linie formten.
Gut, jetzt bin ich wenigstens nicht mehr die Einzige, die sich hier fehl am Platz fühlt.
„Das tut mir leid“, meinte sie nur kurz und ging direkt zur nächsten Karte über, um nicht weiter bei dem Thema zu bleiben.
„Diese Karte steht für das Ende einer Zeitperiode“, meinte sie nun vorsichtiger bei der anderen Karte.
“Also soll ich die Scheidung einreichen“, nickte ich verstehen, wobei sie mir einen nicht deutenden Blick gab.
“Wenn sie das daraus ziehen“
Sie bückte sich kurz, bevor sie eine durchsichtige Kugel auf den Tisch ablegte. Ich biss mir dabei auf die Lippe, um keinen Laut zu machen, der meinen Unglaube verriet.
Was wollte sie mir denn nun beschwören?
„Ich sehe..“, fing sie an, als sie ihre Hände auf die Kugel legte, die bestimmt noch nicht einmal aus Glas bestand.
„Und was sehen Sie?“, fragte ich schmunzelnd, nicht mehr in der Lage, meinen Gesichtsausdruck zu verbergen. Das war nun wirklich absurd.
Sie blickte von der Glaskugel auf. Ein selbstsicheres Lächeln umspielte ihre Lippen.
“Ich sehe deine Lügen.“
Charleen Pehlke lebt in Güstrow und ist Studentin.
Sie schreibt experimentelle Texte in unterschiedlichen Formen.
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