Gefangen in der Schneekugel

Niklas Böhringer für #kkl61 „Aus der Glaskugel“




Gefangen in der Schneekugel

Jan lag noch in seinem Bett, als er durch das Rufen seines Vaters aus dem Schlaf gerissen wurde. Es war der 24. Dezember. Am Vorabend hatte er vor Aufregung kaum einschlafen können. Er konnte es kaum abwarten, endlich die Geschenke auszupacken. Was er wohl dieses Jahr geschenkt bekam?

„Steh auf, du Schlafmütze“, rief sein Vater von unten, „sonst gibt es keine Geschenke! Ich halte es vor Ungeduld kaum aus! Deine Mutter will mir einfach nicht verraten, was du geschenkt bekommst!“

Freudestrahlend sprang Jan aus dem Bett. Selbst seinem Vater hatte sie es nicht verraten. Aus gutem Grund: Jans Vater konnte kaum ein Geheimnis für sich behalten. Schon oft hatte er sich verplappert. Daraus hatte seine Mutter gelernt.

Als Jan die Treppe heruntergerannt kam, hielt sein Vater bereits das Päckchen ungeduldig in den Händen und streckte es ihm entgegen. Zu Jans Enttäuschung war es nicht größer als eine Teetasse. Er hatte sich einen Schlitten gewünscht, um bei tiefstem Schnee am nahe gelegenen Berghang rodeln zu gehen.

„Pack es aus“, forderte die Mutter ihn auf.

Jan schnürte die Bänder ab und zerriss das Geschenkpapier. Sein Vater beugte sich so weit vor, dass er selbst kaum etwas sah. Neugierig griff er in das Päckchen hinein und zog sein Geschenk heraus.

„Eine Schneekugel!“, bemerkte Jans Vater trocken. „Und darauf habe ich mich so gefreut?“

„Eine Schneekugel!“, rief Jan begeistert. Die anfängliche Enttäuschung verwandelte sich schlagartig in große Freude. Mit großen Augen bestaunte er die winterliche Landschaft, die sich dort unter glitzerndem Schnee befand. Kräftig schüttelte er die Kugel durch und entfachte dadurch ein herrliches Schneegestöber.

Auf einem verschneiten Berg stand ein schickes Holzhüttchen mit großer Veranda. An einem der Stützpfeiler lehnte ein Schlitten und vor den Treppen stand ein prächtiger Schneemann, der ihm zuzuwinken schien.

Es war genau das, was er sich schon so lange gewünscht hatte – noch sehnlicher als den Schlitten. Schnell umarmte er seine Mutter und küsste sie zum Dank auf die Wange.

Abends stand die prachtvolle Schneekugel an Jans Bett und er konnte nicht einschlafen. Leise stand er auf, holte seine Taschenlampe und leuchtete in die Schneekugel hinein. Augenblicklich warfen die vielen kleinen Flocken Schatten an seine Wand, sodass er glaubte, dass es in seinem Zimmer ebenfalls schneite.

Einige Zeit starrte er in die Kugel hinein, dann schreckte er zurück. Hatte der Schneemann ihm gerade zugewinkt? Nein, das konnte unmöglich sein! Er musste sich getäuscht haben. Die Müdigkeit ließ ihn bereits fantasieren.

Jan sah genauer hin. Jetzt bewegte der Schneemann sogar den Besen. Er schwang ihn hin und her. Das konnte Jan kaum glauben. Es musste ein Traum sein!

Der Junge streckte seine Hand aus und … nein, das war nicht möglich! Der Schneemann reichte ihm seine und schüttelte sie auch noch. Ein eiskalter Schauer lief Jan über den Rücken. Doch dann begriff er, was der Grund für sein Frieren war: Er befand sich in der Schneekugel. Jan stand direkt vor dem Schneemann, den er zuvor durch die Kugel beobachtet hatte. Wie konnte das nur passieren? Er konnte es sich nicht erklären. Doch im Augenblick hatte er ein ganz anderes Problem: Es war schrecklich kalt und Jan hatte lediglich seinen Schlafanzug an. Zitternd schlang er die Arme um seinen Oberkörper. Dicke Atemwolken stiegen auf, während er fröstelnd hastig atmete.

Der Schneemann war nun quicklebendig. Er zog sich seinen Schal aus und reichte ihn dem zitternden Jungen.

„D-d-danke“, bibberte Jan. Der Schneemann gab keine Antwort. Wortlos rückte er auch seine Mütze heraus. Jan setzte sie dankbar auf, dann starrte er den Schneemann an. Auf seinem Gesicht lag reglos ein freundliches Lächeln.

Stumm deutete der Schneemann auf die Hütte.

„Soll ich da hineingehen?“, fragte Jan. Dieser nickte nur.

Im Schein der Taschenlampe, die noch immer auf die Schneekugel gerichtet war, stapfte der Junge auf die – hier in der Schneekugel – luxuriöse Villa zu, die auf der Spitze des Hügels stand. Die hölzernen Stufen knarzten unter seinen schuhlosen Füßen. Vorsichtig drückte die Türklinke herunter. Lautlos schwang die Tür auf. Im Inneren der Hütte gab es nichts außer einem Bett und einem Tisch mit zwei Stühlen. Die gähnende Leere verschluckte selbst das schummrige Licht der Taschenlampe. Hier schien niemand zu leben. Unsicher schlich Jan in den Raum hinein und schloss die Tür hinter sich. Augenblicklich wurde es stockfinster. Er tastete sich langsam vorwärts, bis er das Bett fand. Erschöpft ließ er sich hineinsinken und schlief auf der Stelle ein.

Als Jan am folgenden Tag erwachte, erinnerte er sich an seinen verrückten Traum. Nein … es war kein Traum gewesen. Er blickte sich den spärlich eingerichteten Raum um. Der Junge lief vor die Tür. Dort stand noch immer der Schneemann und schien auf ihn zu warten.

Plötzlich ging seine Zimmertür auf und seine Mutter kam herein. Sie war riesengroß und bemerkte ihn nicht. Verdutzt sah diese auf Jans leeres Bett.

„Mama, hier bin ich!“, rief er und wedelte wild mit seinen Armen. Vergeblich versuchte Jan, sie auf ihn aufmerksam zu machen – es gelang ihm nicht. Langsam wurde Jan mulmig zumute. Was sollte er tun? Verzweifelt formte er einen Schneeball und warf ihn gegen die Glaskuppel, die ihn umgab. Doch seine Mutter verließ bereits wieder sein Kinderzimmer – sie hatte ihn nicht bemerkt.

Enttäuscht und ängstlich zugleich sank Jan zu Boden. Er war gefangen … gefangen in der Schneekugel! Was sollte er nur tun?

Am nächsten Morgen kam Jans Vater ins Zimmer. Sein Sohn war immer noch nicht aufgetaucht. Er wollte gerade gehen und stieß versehentlich an die Schneekugel. Diese stürzte zu Boden und zerbrach in tausend Scherben.

Schlimmer als bei einem Erdbeben wurde Jan der Boden unter den Füßen weggerissen. Als die Kugel zerbarst, wurde er herausgeschleudert. Ohnmächtig lag er auf dem Fußboden seines Zimmers – nicht größer als ein Kieselstein.

Langsam kam Jan zu sich. Zu seiner Überraschung fing er an zu wachsen. Er wurde größer und größer, was ein wirklich unangenehmes Gefühl war. Nach kurzer Zeit hatte er seine normale Größe erreicht.

Erleichtert lief er hinunter zu seinen Eltern in die Küche. Seine Mutter weinte in ein Taschentuch hinein.

„Mama“, sagte Jan vorsichtig.

Mit verweinten Augen blickte sie ihren Sohn an und schloss ihn schluchzend in die Arme. „Mein Schatz, wo warst du nur? Ich habe mir solche Sorgen gemacht.“

„Die Schneekugel … ich war in ihr gefangen.“ Die Erinnerung daran ließ ihn erneut zittern. „Ich habe nur hineingesehen und war plötzlich selbst darin.“ Vor Erleichterung liefen ihm Tränen übers Gesicht. Er hatte nicht geglaubt, je wieder aus ihr zu entkommen …




Niklas Böhringer, 2003 geboren in Karlsruhe, schreibt Geschichten seit der Grundschule. Der angehende Grundschullehrer möchte mit überwiegend naturverbundener und humorvoller Fantasy seinen kleinen und großen Lesern ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.
Website: www.niklas-boehringer.de
Insta: @niklas.boehringer.autor
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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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