Cora

Ulrich Kaufmann für #kkl61 „Aus der Glaskugel“




Cora ( Hendrik9 )

„Lass noch über den Weihnachtsmarkt gehen. Einen Glühwein trinken.“

Warum eigentlich nicht? Denkt sich Lisa. Hat mit Steffi, ihrer beste Freundin und Arbeitskollegin, in der letzten Zeit eh so wenig gemacht. Früher öfters. Aber da waren beide auch noch solo. Lisa, seitdem sie eine Beziehung mit Hendrik hat, nicht mehr. Steffi akzeptiert das zähneknirschend. Wer weiß, wie lange sie noch partnerlos ist. Immer möchte sie auch nicht alleine bleiben. Aber ein wenig eifersüchtig auf diesen Hendrik ist sie schon.

Sie kennen sich schon ewig. Seit der gemeinsamen Zeit auf dem Gymnasium. Selbe Klasse, Abi gemacht. Und dann beide eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement. Lisa blieb in ihrem Unternehmen. Einer großen Spedition. Steffi zunächst auch in ihrem. War aber dann relativ schnell unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen.

„Komm doch zu mir in die Firma. Ist gerade eine Stelle frei.“

Besser konnte es für Steffi nicht laufen. Bewarb sich und bekam die Anstellung. Beide waren glücklich. Wieder vereint. Die Freundinnen fürs Leben.

„Dein Hendrik kommt auch mal ein paar Stunden ohne dich aus“

Sie schaut Lisa bittend an. Auch ein wenig vorwurfsvoll. Um einer möglichen abschlägigen Antwort schon im Vorfeld den Garaus zu machen.

„Du hast ja recht. Auf einen Glühwein hätte ich jetzt echt Lust. Sag Hendrik nur eben Bescheid.“

Gesagt, getan. Hendrik wünscht den beiden viel Spaß. Möchte sowieso Fußball gucken. Der SV spielt. Pokal.

„Hab ihm versprechen müssen, dann am Sonntag auch mit ihm einen Glühwein trinken zu gehen. Hast du auch Zeit? Er würde dich gerne mal kennenlernen. Hab schon viel von dir erzählt?“

„Als drittes Rad am Wagen? Aber warum nicht. Hab bis jetzt da nix vor.“

Die beiden Frauen sind schon auf dem Weg. Die Firma liegt sehr zentral. Es sind nur 10 Minuten zu Fuß bis zum Platz, auf dem der Weihnachtsmarkt aufgebaut ist.

„Vielleicht bin ich bis dahin auch der Liebe meines Lebens begegnet. Und wir sind dann zu viert.“

Beide lachen herzhaft. Möglich ist alles. Steffi ist eine attraktive Frau Ende der Dreißiger.

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Auf dem Weihnachtsmarkt angekommen, sondieren sie die Lage. Der Glühweinstand ist schon zu sehen. Gar nicht weit entfernt. Steffi deutet mit der Hand in die Richtung.

Last Christmas ertönt aus den Lautsprechern. Was auch sonst? Lisa verdreht die Augen. Könnten sich auch mal was Neues einfallen lassen. Steffi schaut Lisa an. Sie weiß sofort, was sie denkt. Dafür kennen sie sich zu gut.

„Ich liebe diesen Song. Gehört für mich einfach dazu.“ Bei vielem hält Steffi an Althergebrachtem fest. Lisa ist oft offener für Neues.

Außerdem ist der erste Advent erst zwei Tage vorüber. So richtig in Weihnachtsstimmung ist Lisa noch gar nicht. Wenn sie das überhaupt jemals ist. Aber sie liebt Glühwein. Und der schmeckt in der Weihnachtszeit halt am besten.

Noch ein paar Meter zum Glühweinstand. Steffi bleibe auf einmal stehen. „Ist die nicht süß?“ Sie nimmt eine kleine Engelsfigur von einer Auslage und hält sie Lisa entgegen.

„Kannst sie ja mal anknabbern. Ich glaube eher nicht, dass das Material süßlich schmeckt.“ Lisa kann so einem Kitsch aber auch gar nichts abgewinnen.

„Du machst aber auch jede Weihnachtsstimmung kaputt.“ Steffi stellt den Engel vorsichtig auf die Auslage zurück und lächelt dem Verkäufer hinter dem Tresen zu.

Ein paar Meter weiter entdeckt Lisa auf einmal eine Person, die, jedenfalls von hinten, aussieht wie ….Wilson. „Hallo Wilson“, ruft sie ihm hinterher. Da ist er auch schon im Gedränge verschwunden.

Steffi schaut Lisa fragend an. „Dachte, es wäre ein Bekannter. Vielleicht aber auch nicht.“ Obwohl, Kleidung, Gangart, Größe, sieht ihm verdammt ähnlich.

-Die Zukunft beginnt hier. Cora, die Wahrsagerin- steht auf einem Holzschild, dass über dem Eingang des kleinen Zeltes links gegenüber dem Glühweinstand hängt. Lisa ist sich jetzt sicher, dass Wilson, wenn er es denn war, dort herauskam. Was macht er bei einer Wahrsagerin? Sie steht wie angewurzelt vor dem Zelt und stiert auf das Schild.

„Komm endlich. Jetzt einen Glühwein. Ich geb einen aus.“ Steffi zieht ihre Freundin leicht am Arm. Lisa rührt sich nicht von der Stelle. Fixiert immer noch das Holzschild.

„Nicht wirklich. Oder?“ Steffi schaut sie ungläubig an. Lisa ist wie paralysiert und geht, ohne Steffi zu beachten, schnurstracks in das Zelt. Steffi folgt ihr.

„Lirum, larum, Löffelstiel. Bin ´ne Hexe. Habe Stil.“

Schon wieder dieses Lirum, larum Gedöns. Lisa runzelt die Stirn. Aber kann das ein Zufall sein? Blickt die Frau hinter dem Tischchen skeptisch an. Diese kurzhaarige, leicht untersetzte Frau, Ende 40, die mit ihrem feuerroten Kleid, der schwarzen Strickjacke und der dicken, braunen Hornbrille aus einer anderen Zeit zu stammen scheint.

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„Setzt euch. Habt keine Angst. Ich bin Cora, die Wahrsagerin.“ Sie winkt die beiden Frauen herbei, die immer noch verunsichert im Zelteingang stehen. Sie nehmen auf den unbequemen Klappstühlen Platz, die vor dem Tischchen stehen.

Eigentlich würde Lisa jetzt doch lieber einen Glühwein trinken. Das Ganze kommt ihr inzwischen recht kurios vor. „Entschuldigen Sie, es war ein Versehen. Sind falsch abgebogen. Wir wollten eigentlich…“ Sie erhebt sich und möchte das Zelt wieder verlassen.

„Papperlapapp. Setz dich wieder. Brauchst keine Angst zu haben.“

Papperlapapp. Auch so ein Wort, dass sie erst kürzlich gehört hat. Im Zusammenhang mit Wilson, Gottvater, dem Teufel, und der ganzen Geschichte.

„Ich habe dich erwartet, Lisa. Wilson war auch schon hier.“

Also doch. Es war Wilson. Lisa hat sich nicht getäuscht. Aber was soll das hier alles? Warum war Wilson da? Und wieso erwartet?

Steffi versteht nur Bahnhof. Schaut die beiden anderen eine nach der anderen verwirrt an. „Ist wohl besser, wenn ich draußen warte. Bis gleich.“ Steht auf, dreht sich um und weg ist sie. Ist sie jetzt beleidigt? Lisa würde ihr gerne nach, ist aber auch interessiert, was es mit dieser Cora nun auf sich hat. Sie bleibt sitzen. Sieht der Wahrsagerin streng in die Augen.

„Können Sie mir bitte jetzt sagen, was das alles zu bedeuten hat. Und woher kennen Sie meinen Namen?“

„Kannst mich duzen. Wir werden noch öfters miteinander zu tu haben.“

„Dann erklär es mir bitte, Cora.“ Lisa ist genervt.

„Das werde ich, Lisa. Bleib sitzen. Bin sofort wieder da.“

Cora verlässt das Zelt. Wenig später ist sie wieder da. In jeder Hand eine Tasse Glühwein. „Das können wir beide jetzt gut gebrauchen. Oder willste nicht?“

Lisa nimmt das heiße Getränk dankend an. Sie denkt kurz an Steffi. Hat sich bestimmt schon eine Tasse geholt. Wird Verständnis für die Situation haben, wenn Lisa ihr später alles erklärt. Da ist sie sich sicher.

Cora erzählt. Sie sei zunächst ein ganz normales Mädchen gewesen. Ihre Eltern nicht reich, nicht arm. Mitteklasse. Vater Verwaltungsbeamter. Die Mutter Krankenschwester. Als sie 13 oder 14 war, so mit Beginn der Pubertät, habe sie auf einmal zukünftige Dinge und Ereignisse voraussehen können. Bei Freunden, Bekannten, ihren Eltern, aber auch wildfremden Menschen, die sie kaum kannte. Auch schlimme Ereignisse. Wieso, weiß sie bis heute nicht. Jahre später, da war sie ungefähr 19, ist Gottvater ihr im Traum

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erschienen und hat sie als Seherin in seinem Auftrag erkoren. Ihr zur Seite wurde Stefan Holm gestellt, um bei potentiellen Aufträgen zusammen zu arbeiten. Sie haben sich im Laufe der Zeit ineinander verliebt und, da war sie 24, auch geheiratet. Bisher keine Kinder. Sind auch keine mehr geplant. Stefan hat, als sie ihn kennenlernte, Psychologie studiert, dann promoviert und sich autodidaktisch im Bereich der Parapsychologie weitergebildet, um gegen die dunklen Mächte gewappnet zu sein. Quasi als Speerspitze des Duos. Sie beschafft die Informationen, sieht voraus und er bestreitet den Kampf. Sie hat allerdings noch ein wichtiges Hilfsmittel erhalten.

Kurz nachdem Gottvater ihr im Traum erschienen ist, etwa drei Wochen danach, ist ein Päckchen an sie adressiert, ohne Absender, bei ihr abgegeben worden.

„Na, wer weiß, wie lange das unterwegs war. Ich sag nur, Deutsche Post.“ Lisa hat in der letzten Zeit einige dementsprechende Erfahrungen gemacht. Die Frauen lachen. Cora redet weiter. Möchte Lisa nichts schuldig bleiben und ihr alles erzählen, was sie wissen soll.

In dem Päckchen war bruchsicher eine Glaskugel verpackt. Eine normale, durchsichtige Glaskugel. Schön, dachte sich Cora. Und was soll ich jetzt damit? Konnte ja noch nicht mal nachfragen. Ohne Absender. In der folgenden Nacht erschien ihr wieder Gottvater. Diese Kugel ist ihr Medium. Sie könne damit zukünftige, aber auch aktuelle und vergangene Dinge, die sie sieht oder sehen möchte, sichtbar machen. Auch für andere. In erster Linie für ihren Partner Stefan. Aus der Glaskugel strategisch planen, super, sei Stefans Kommentar gewesen.

„Und wie soll das funktionieren?“ Lisa war neugierig, bezweifelte insgeheim den Wahrheitsgehalt der Sache mit der Glaskugel, denn das klang für sie schon sehr nach Grimms Märchen.

„Ich reibe mit beiden Händen gleichzeitig im Uhrzeigersinn über das Glas und tippe mit der Nasenspitze kurz dagegen. Hat Gottvater mir im Traum mitgeteilt. Ne Gebrauchsanweisung lag nicht bei.“ Wieder lachen beide. „Zeig dir aber gleich noch was mit der Kugel.“

Und was war das jetzt mit Wilson? Wollte Lisa nun wissen.

Wilson kannte sie bisher nicht, fährt Cora fort. Gottvater hat über die Glaskugel vorgestern mir ihr Kontakt aufgenommen. Das funktioniert auch. So als heißer Draht. Und ihr den Auftrag gegeben, zwei Tage später, also heute, auf dem Weihnachtsmarkt ein Zelt als Cora, die Wahrsagerin, aufzustellen. Am selben Tag hätte Wilson die Weisung bekommen, auf dem Weihnachtsmarkt dann Kontakt mit Cora in ihrem Zelt aufzunehmen. Das Zelt, das Schild, die ganze Organisation, auch die Anmeldung beim Ordnungsamt, musste ja expressmäßig passieren, hat dann Stefan übernommen.

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Warum nicht gleich bei ihr oder Wilson zu Hause? Haben sich Cora und Stefan auch zuerst gefragt. Um vorsichtig zu sein, die bösen Mächte haben auch ihre Spitzel überall, und weil Lisa und Hendrik auch eine gewichtige Rolle dabei spielen. Und Gottvater, und dann auch Cora, wussten, dass Lisa an diesem Tag den Markt besuchen wird.

„In der Glaskugel gesehen. Klar.“ Lisa ist immer noch nicht überzeugt.

„In der Glaskugel gesehen. Stimmt. Schau nur.“ Cora legt beide Hände auf die Kugel, reibt im Uhrzeigersinn über die Kugel. Lisa rückt mit dem Stuhl näher. Ganz nah. Als Cora dann mit der Nasenspitze auf das Glas tippt, wird es im Inneren zunächst milchig. Als wenn Nebel aufzieht. Dann bildet sich langsam ein Bild. Farbig. Mit Konturen. Klar und deutlich. Zu sehen ist … der Teufel. Er geht durch eine geschäftige Straße. Im Freizeitlook. Wo, kann Lisa nicht erkennen. Er scheint aber noch auf der Erde zu sein. Die Gestalt, die das Löffelstiel gepachtet hat, den sie mit Hendrik und Wilson vertrieben hat, in einer Johanniskraut getränkten Aktion, und die voraussichtlich, da sind sich alle drei einig, auch weiterhin eine Rolle in ihrem Leben spielen wird.

„Okay. Diese Kugel hat es wirklich in sich. Faszinierend.“ Lisa ist hin und weg. Besser als Fernsehen. „Das ist der Teufel, der uns seit einiger Zeit ziemlich nervt. Und Hendrik besonders.“

Sie lässt die Kugel wieder los. Das Bild verschwindet sofort. Das ist nicht der Teufel, klärt sie Lisa auf. Das ist ein Poltergeist, vermutlich aus der Familie der Wandler. Laut Stefan. Da befand er sich allerdings noch irgendwo in der Einsamkeit. Warum der sich als Teufel ausgibt, könne Stefan auch nicht sagen. Aber er gibt noch nicht auf. Auch bei dem Gebäude, in dem sich das Löffelstiel befindet, dass die drei ja pachten wollen, ist etwas zu beachten, was weitestgehend mit den bösen Mächten in Verbindung steht.

Lisa ist vollkommen perplex. Erst der, wie sich jetzt wohl herausstellt, falsche Teufel, dann Gottvater leibhaftig, der rätselhafte Wilson, die Aktion im Löffelstiel, und jetzt auch noch eine Wahrsagerin mit einer Glaskugel, die magische Fähigkeiten hat. Sie ist gerade etwas überfordert. „Und wie geht´s jetzt weiter“, möchte sie wissen.

„Erst mal sacken lassen. Deinem Hendrik alles erzählen und einen schönen Abend genießen. Wir treffen uns morgen dann alle, Stefan und Wilson werden auch da sein, bei Hendrik zu Hause.  Dann erfahrt ihr alles, was wichtig ist.“

Lisa verabschiedet sich. Geht aus dem Zelt. Sie hält nach Steffi Ausschau. Ist bestimmt schon nach Hause gegangen. Sie dreht sich um. Das Zelt ist auf einmal unbeleuchtet. Verschlossen. Das Schild ist auch weg. Als wenn da nichts sonst gewesen war.

Komisch, denkt sich Lisa. Ab nach Hause und Hendrik alles berichten.


Teil 1 , Teil 2 , Teil 3 , Teil 4 , Teil 5 , Teil 6 , Teil 7 , Teil 8 der Geschichte





„Mein Name ist Ulrich (genannt Uli) Kaufmann. Am 14.03.1965 habe ich in Neuss das Licht der Welt erblickt. Habe einen jüngeren Bruder.

 Ich bin ausgebildeter Erzieher, habe jedoch nie als solcher gearbeitet, sondern war nach meiner zweiten Ausbildung als Krankenpfleger tätig. Dem gehe ich auch aktuell noch nach.

Aus meiner ersten Ehe habe ich drei inzwischen erwachsene Söhne. Seit 2018 bin ich das zweite Mal verheiratet.

Seit 2016 lebe ich in Brandenburg an der Havel. Bis dahin war mein Wohn-und Lebensmittelpunkt der linke Niederrhein. Aufgewachsen bin ich in Düsseldorf.

Das Schreiben war schon immer eine große Leidenschaft von mir. Veröffentlicht habe ich bisher auf der Internet Plattform kkl Magazin (Hendrik-Geschichten). Und zwei Texte in Anthologien beim Pappierfresserchens-Verlag. Als auch in der Anthologie beim diesjährigen Bubenreuther Literaturwettbewerb.“







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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