Milan Lippert für #kkl61 „Aus der Glaskugel“
Perfekt bis plötzlich
Er
Wir waren das Paar, über das die anderen sagten: „Die zwei schaffen das.“ Nicht, weil wir alles wussten, sondern weil es sich leicht anfühlte, wie ein Lied, das man schon mal gehört hat und sofort mitsingen kann. Deine Kopfhörer an meinem Handy. Meine kaputte Jacke an deinen Schultern. Zwei Spindschlüssel an einem Band. Wir waren siebzehn und achtzehn, und wenn uns jemand fragte, wann wir uns kennengelernt haben, sagten wir: „Im Algorithmus“, und lachten, obwohl wir die reale Bank kannten, auf der es zum ersten Kuss kam: kalt, mit Kaugummifleck unterm Knie.
Wir sammelten kleine Beweise für das Gelingen: Screenshots von Chatverläufen, in denen die Tipp-Punkte länger dauerten, weil wir überlegten. Fotos von exakt geteilten Pommes. Deine Hand mit dem Automatenring, den ich in einer Stadt gekauft hatte, in der wir nie waren. Wir bauten uns eine Vitrine aus Alltagsglas, alles hinein, was nicht zerbrechen sollte.
Ich liebte dich, das war einfach wie Atmen. Und ich lernte, wie man in der Schule weniger sagt, als man denkt, und mehr lächelt, als man fühlt. Der Druck war kein Gewicht, eher ein Wind von vorn. „Ihr seid perfekt“, sagten sie. „Ziel für später.“ Später war ein Ort, den wir mit Zetteln tapezierten: Sommerfestival, Liegestühle, eine Wohnung mit zu wenig Schränken und einem Balkon, auf dem Basilikum nur zwei Wochen lebt.
Du schicktest mir Sprachnachrichten, die mit „Hey du“ begannen, immer in einer Tonlage, in der selbst Mathe eine gute Idee war. Ich antwortete schnell. Ich mochte, wie dein Name auf meinem Display stand, zwischen Busfahrplänen und Erinnerungen: Wasser trinken, Oma anrufen, Bewerbung abschicken. In meinen Erinnerungen stand nichts von dem, was nachts ankam, wenn die Stadt stiller wurde und die Zimmer zu groß: das Gefühl, nicht zu reichen, obwohl alle sagten, ich würde überlaufen; der Gedanke, dass Fehler Enden sind und nicht Türen; eine Müdigkeit, die sich so geschickt tarnte, dass selbst du sie für Ruhe hieltest.
Einmal fragtest du: „Alles gut?“ Ich sagte: „Klar.“ Es war nicht gelogen, nur nicht die ganze Wahrheit. Ich wollte dich nicht in mein Geröll mitnehmen. Wir hatten gerade erst angefangen zu bauen.
Der Tag, an dem es geschah, sah aus wie alle Tage, die gut werden können: heller Himmel, nasse Bushaltestelle, unser Chat mit kleinem Herz rechts oben. Du schicktest mir eine Playlist mit dem Titel „Montage, aber sanft“. Ich hörte sie on repeat und tat so, als zöge sie mich durch den Vormittag wie eine Hand an einem Ärmel. Wir hatten uns für später verabredet: deine Küche, Nudeln, Hausaufgaben, die wir nur halb machen würden.
Ich schrieb dir noch: „Bin gleich zurück.“ Legte das Telefon aufs Bett, wo die Sonne einen warmen Fleck machte, genau auf dein Gesicht als Hintergrund. Ich stand am Fenster und zählte die Sekunden bis zum nächsten Liedwechsel. Draußen lachten zwei Kinder. Jemand rief einen Namen. In meinem Kopf wurde es eng, dann sehr leise, dann glatt, wie frisch gefallener Schnee, der jedes Geräusch schluckt.
Ich dachte an dich. An den Automatenring, an den Basilikum, an die Bank mit dem Kaugummifleck. Ich dachte an das, was ich nicht sagen konnte, und an das, was ich sagen wollte. Dann war da dieser gläserne Moment, ein dünner, kalter Rand, an dem alles gleichzeitig zu viel und endlich leicht war.
Und dann—
Sie
Das Licht in seiner Straße war an diesem Tag seltsam milchig, als hätte jemand die Sättigung heruntergedreht. Als ich die Haustür aufschloss, war sein Zimmer aufgeräumt, aber nicht aufgeräumter als sonst. Das Handy lag auf dem Bett, unser Chat offen. „Bin gleich zurück.“ Der Witz daran schmerzte wie eine schlecht verheilte Stelle, die man immer wieder anstößt.
Später sagten Menschen Sätze, die in Broschüren stehen. Niemand sagte, wie man einen Löffel hält, wenn die Hände plötzlich zu groß sind. Im Flur roch es nach Duschgel, nach frisch gewaschenem T-Shirt. Ich setzte mich auf seinen Stuhl, auf dem die Farbe abgeplatzt ist, dort, wo man mit dem Knie immer anstößt. Ich legte den Automatenring auf den Tisch. Er klackerte nur einmal.
Wir waren das perfekte Paar, sagten sie in der Schule, mit einem Blick, der gleichzeitig fragte und wusste. Die Lehrerin legte mir eine Hand auf die Schulter und hielt sie dort zu lange. Jemand organisierte Kuchen. Jemand schrieb „Stay strong“ unter ein Foto von uns vor einem Spiegel, in dem die Seifenspritzer aussahen wie Sterne. Ich scrolle seitdem selten; jedes Bild kann plötzlich ein Sprung werden.
Ich gehe unsere Vitrine aus Alltagsglas durch: Tickets, Kassenzettel, Post-its in seiner Handschrift („Musik aus. Lern! <3“). Ich suche Fehler, weil sie vielleicht Türen sind. Ich lese Chats rückwärts, als könnte man eine Geschichte retten, wenn man die Sätze wieder in den Mund schiebt, aus dem sie kamen. Ich höre seine Sprachnachrichten. In einer lacht er mitten im Wort, weil die Bahn ansetzt zu quietschen. Ich lache nicht. Ich warte, ob er noch etwas sagt, das ich überhört habe.
Die Erwachsenen reden über Druck, über Jungen, die nicht weinen, über Mädchen, die alles sehen. Ich bin ein Mädchen, das eine Wohnung betritt und eine Leerstelle findet, die die Möbel verschiebt. Ich stelle mir vor, was er gedacht hat, und weiß, dass ich es nicht weiß. Unwissen ist laut. Sie dröhnt in den Ecken, in denen früher die Musik war.
Man fragt mich, ob ich Hilfe brauche. Ja, sage ich, und niemand weiß, welche. Ich bekomme Zettel mit Telefonnummern, Termine für Gespräche, eine Liste mit Sätzen, die ich über den Tag streuen kann wie Salz, damit er nicht glatt wird. Ich lerne neu zu atmen, zu essen, zu schlafen. Ich lerne, dass Kalender weiße Flecken haben, die größer sind, als sie aussehen.
In seiner Jackentasche finde ich einen Kassenbon: Zwei Brezeln, einmal Apfelschorle, ein Kaugummi, der Sorte nach „Wassermelone“. Es ist von dem Tag davor. Ich halte das Papier ans Licht, als könnte eine Botschaft durchscheinen, eine letzte Notiz in UV. Nichts. Nur Zahlen, die beweisen, dass er da war, und eine Uhrzeit, die beweist, dass er es nicht mehr ist.
Freunde schreiben: „Meld dich, wenn du was brauchst.“ Ich weiß nicht, was das sein könnte, das in eine Nachricht passt. Ich brauche Unmögliches: ein Zurück, das nicht nach vorne kippt; ein Wort, das die Lücke füllt, ohne zu lügen; eine Erklärung, die nicht wie ein Urteil klingt. Stattdessen koche ich Nudeln, wie geplant, und esse eine Gabel, die nach Metall schmeckt. Ich stelle seinen Teller daneben. Er bleibt leer, sehr ordentlich.
Abends höre ich die Playlist „Montage, aber sanft“. Ich warte darauf, dass mich ein Song rettet, und wenn er es nicht tut, warte ich auf den nächsten. Ich gehe auf die Bank mit dem Kaugummifleck, setze mich so hin, dass mein Knie die gleiche Stelle hat. Ich rede halblaut, Sätze ohne Adressaten: „Ich hätte dich getragen. Wir hätten uns hingesetzt. Wir hätten über den Basilikum gelacht und ihn trotzdem gegossen.“ Es gibt keine Antworten, nur das Rascheln von Bäumen, die niemand fragt.
Die Leute sagen jetzt „plötzlich“. Es ist ein Wort, das Platz spart und alles verrät. Plötzlich ist eine Falltür, die aufgeräumt aussieht. Ich denke darüber nach, wie viel „plötzlich“ in unseren Tagen steckt: in Nachrichten, die man zu spät liest; in Gesichtern, die man für müde hält; in Tests, die man besteht, ohne die Fragen verstanden zu haben.
In der Schule bleiben die Blicke länger an mir hängen. Auf dem Heimweg halte ich mein Handy anders, als müsste ich es festhalten, damit nicht noch etwas fällt. Ich gehe an Schaufenstern vorbei, die uns spiegeln könnten, wenn wir zwei wären. Ich sehe eine Version von mir, die nach Antworten sucht in Dingen, die schweigen: Busfahrpläne, Wolken, die Form einer Pfütze.
Ich frage mich, wie wir so pünktlich zu unseren Plänen sein konnten und so unpünktlich zu dem einzigen Satz, der gefehlt hat. Ich frage mich, ob Liebe genug ist, wenn eine Wand nachgibt, die man nicht sieht. Ich frage mich, ob die Welt, die wir bewohnen — mit Herz-Emojis und Feedback-Knöpfen, mit gut gemeinten Tipps und Perfekt-Performances — irgendwo eine Tür hat, die ohne Code aufgeht, wenn jemand still ist. Und wer den Schlüssel trägt.
Spät in der Nacht lege ich den Automatenring an, der an mir zu groß ist. Ich lasse ihn auf dem Tisch kreisen. Er rollt, als wüsste er den Weg, den ich nicht kenne, und fällt dann um, mit einem kleinen, hellen Schlag.
Vielleicht beginnt morgen etwas, das nicht so heißt. Vielleicht auch nicht. Und dazwischen bleibt eine Frage, die nicht leiser wird:
Wie viele Zeichen brauchen wir, bis wir einander glauben, dass „Alles gut“ manchmal einfach nur ein anderes Wort für „Hilf mir“ ist?

Milan Lippert (19) lebt in Heidelberg, wo er derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. In seinen Kurzgeschichten verbindet er autobiografische Einflüsse mit scharfer Gesellschaftskritik und gibt Einblicke in komplexe psychische Innenwelten. Wenn er nicht schreibt, setzt er sich politisch im Jugendgemeinderat für soziale Belange ein oder engagiert sich in der Welt des E-Sports. „Perfekt bis plötzlich“ ist Teil seiner wachsenden Sammlung an Kurzprosa.
Über #kkl HIER
