Innen halten

Raven E. Dietzel für #kkl61 „Aus der Glaskugel“




Innen halten

Wann ist die Nacht so Nacht geworden? Rot starren die Augen der Weichensignale aus schwarzer Fläche jenseits der zwielichtschraffierten Gleise, hintereinandergelegt wie zur Durchsicht ausgebreitete Filmnegative. Mondhell der Bahnsteig, scheint angesichts des undurchschaubaren Jenseits überkuppelte Lebensenklave auf der Oberfläche eines unbekannten Planeten.

Die Bilder eines Märchens drängen mir in den Sinn, Bilder aus dem leuchtenden Fenster allabendlicher Zerstreuung: von todbringenden Aliens, die nur in der Finsternis leben, und als einziger ihnen gewachsen ein geächteter Sträfling mit operierten Augen. Nicht weniger wahr als Geschichten von wahrsagenden Hexen und Feen, als der Weihnachtsmann, dessen Gestalt auf der gewölbten Oberfläche bemalter Kugeln zwischen all den gleißenden Kerzenspitzen als Kind beinahe aus dem Augenwinkel erkennbar war. Viel wahrer als in den hochgewölbigen Gebäuden die leidenden Gesichter der steingehauenen und holzgeschnitzten Statuen, oder zusammengesetzt aus tausend bunten Scherben, die das Licht hereinlassen, aber nicht den Blick hinaus.

So will ich sein: gerecht, doch ohne Mitleid; opferbereit und unnahbar, teils Mensch, teils etwas anderes. Nichts davon bin ich, sondern Schaum in den Gezeiten der Fahrpläne und Baustellen. Um mich herum gestaltlose Gesichter, und wenn erst die eiserne Riesenschlange herangekrochen ist und wir seitwärts durch ihre vielen Schlünde in die Wärme ihres Inneren diffundiert sind, kann ich plötzlich auch mein eigenes im Spiegel der konkaven Fensterscheibe sehen – dafür die Dunkelheit nicht mehr.

Ein ungezähltes Ritual, herausgefordert durch die Spannung zwischen Heimat und Freiheit, zwischen Liebe und Flucht. Zwei Lebensmittelpunkte kann man nicht haben – dann liegt der Mittelpunkt dazwischen. Vielleicht gibt es mein Leben deshalb nur in diesen Momenten. Alles andere ist Phantasie, während ich auf dem kalten Bahnsteig stehe, mit beiden Händen meinen Koffer halte, die Mütze tief im Gesicht, und von Zeit zu Zeit weiße Stippen ins Sichtbare wirbeln sehe, die sich allmählich am Boden sammeln.




Raven E. Dietzel (*1995 in Detmold, lebt in Erfurt) schreibt Prosa und Lyrik, die das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft auslotet. Ihre Texte bewegen sich zwischen existenzialistischer Literatur, surrealer Prosa und spekulativer Fiktion, reflektieren psychologische und gesellschaftliche Fragen und entstehen aus einer weiblichen Lebensrealität. Sie wurde unter anderem mit dem Jurypreis des Fritz-Hüser-Instituts für Arbeiten zur Arbeiterliteratur (2020) und dem Feminist Lyric Slam des Frauenzentrums Brennnessel (2022) ausgezeichnet. Zu ihren jüngsten Veröffentlichungen zählt der feministische Western-Heftroman Wild ist das Land (NOVO-Books, 2024). Aktuell promoviert sie an der Bauhaus-Universität Weimar über eine medienphilosophische Neubetrachtung des Werks von Hannah Arendt und arbeitet als Ethik-Lehrerin sowie Schreiblehrerin für Schülerinnen, mit deren Texten sie bereits eine Anthologie herausgegeben hat.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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