Der richtige Weg

Kathinka Reusswig für #kkl61 „Aus der Glaskugel“




Der richtige Weg

Es war Winter. Lea stapfte fröhlich durch den Wald. Der Boden war noch unberührt und mit Schnee bedeckt. Mit jedem Schritt sank sie tief in den Zentimeterhohen Schnee ein. Die Äste der Laubbäume waren zwar kahl, allerdings waren sie mit einer feinen Schicht Eis überzogen. Die Welt des Waldes sah aus, als hätte jemand Zuckerguss gestreut. Manchmal hingen sogar Eiszapfen herab. Im Sonnenlicht glitzerte und funkelte der Schnee ganz zauberhaft.

Es war sehr kalt. Aber nicht unangenehm kalt. Jeder Atemzug, den Lea tat, war sichtbar. Im Wald war es still und friedlich. Die Luft war frisch und angenehm. Das liebte Lea so sehr an ihren winterlichen Spaziergängen. Hier konnte sie Energie auftanken, hier fühlte sie sich frei und konnte ihre Gedanken Gedanken sein lassen.

Lea stapfte durch den Schnee, immer tiefer in den Wald hinein und vergaß dabei die Zeit. Es begann langsam zu dämmern. Mit der untergehenden Sonne wurde es auch wieder kälter. Als sie umkehren wollte, entdeckte sie mitten im Wald ein Licht. Lea stutzte und wurde neugierig.

„Was ist das für ein Licht? Was will denn jemand hier mitten im Wald, frag ich mich. Hier wohnt doch bestimmt keiner. Der Sache gehe ich auf den Grund.“, dachte Lea und verließ den normalen Waldweg, um querfeldein Richtung Lichtquelle zu huschen.

Lea war ganz aufgeregt. Das war ein spannendes Unterfangen und roch nach Abenteuer. Vor allem wurde es immer gruseliger, je dunkler es wurde. Und die Querfeldeinwanderung im Dunklen hatte was mystisches, etwas geheimnisvolles an sich. Der Schnee reflektierte das Licht des Mondes und der Sterne. Dadurch konnte Lea die Umgebung noch recht gut erkennen.

Lea kam der Lichtquelle spielerisch immer näher. Irgendwann konnte sie in naher Ferne einen Wohnwagen erkennen. Sie entschied, vorsichtiger zu sein, um nicht entdeckt zu werden. Sie schlich sich ganz vorsichtig an den Wohnwagen heran. Sie traute sich kaum zu atmen. Ganz langsam, fast wie in Zeitlupe, näherte sie sich dem beleuchteten Fenster. Sie wollte nur ganz kurz einen Blick hinein erhaschen. Nur ganz kurz. Ihre Neugierde war kaum auszuhalten. Lea zitterte vor Aufregung. Ihr Herz schlug bis zum Hals.

„Was mach ich hier eigentlich? Man könnte meinen ich hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank. Zudem komme ich mir wirklich vor, als tue ich etwas Verbotenes.“, sagte sie im Flüsterton zu sich selbst.

Mutig streckte Lea ihren Kopf Richtung Fenster und spähte hinein. Der Raum war erfüllt von einem warmen, weichen Licht. Die Lichtquelle waren unzählige, brennende Kerzen. Das Kerzenlicht warf tanzende Schatten an die Wände. Mitten in diesem Raum saß eine Wahrsagerin an einem Tisch und schaute gebannt in eine Glaskugel. Das zarte Licht der Kerzen ließ ihr Gesicht geheimnisvoll aussehen. Sie schien sehr jung und hübsch zu sein. Ihre Gesichtszüge hatten überdies etwas sanftes und weises zugleich. Schwarze, lockige Haare umrahmten ihr Gesichtsprofil. Sie hatte tiefe, glänzende Augen, die auf der Glaskugel ruhten.

Der Raum um sie herum war mit zahlreichen Stoffen und Teppichen ausgelegt. Auch an den Wänden hingen wunderschön verzierte Wandteppiche. Das Farbenspiel der Stoffe war angenehm, da sie farblich aufeinander abgestimmt waren. Alles in allem wirkte das Bild der Wahrsagerin vor  dieser Kulisse ein wenig mystisch. Plötzlich sprach die Frau in einem tiefen, bestimmenden Ton:

„Ich habe dich bereits erwartet. Tritt ein. Die Glaskugel hat mir vorhergesagt, dass ich heute noch von einem jungen Mädchen Besuch bekommen werde. Also trau dich, komm herein und setz dich zu mir an den Tisch.“

Lea tat, wie ihr geheißen. Der Raum duftete wunderbar nach verschiedenartigen Kräutern und Räucherwerk. Lea setzte sich auf den Stuhl, der in der Nähe des Tisches stand. Sie nahm ihren Mut zusammen und begann zu sprechen:

„Wie, sie haben mich erwartet? Das ist unheimlich. Meinen sie, dass sie tatsächlich etwas über mich in der Glaskugel sehen können?“

Die Wahrsagerin blickte wie gebannt in die Glaskugel. Sie hatte Lea noch nicht angeschaut. Weißer Nebel bildete sich in der Glaskugel. Wie ein Schleier bewegte er sich. Ganz langsam lichtete sich der Nebel und man nahm wahr, dass der Nebel etwas offenbaren wollte. Plötzlich, mit einem Mal, zeigte sich ein Drache.

Lea traute ihren Augen kaum: „Was hat das zu bedeuten?“

Die Wahrsagerin antwortete: „Das wird uns die Glaskugel gleich offenbaren, schätze ich. Ich denke wir müssen…“

Plötzlich flog ein Fenster auf. Ein Windstoß schoss durch den Raum. Es blitzte und ein ohrenbetäubend lauter Donner folgte. In diesem Moment begann die Glaskugel zu vibrieren. Sie wurde heiß. Es bildeten sich zahlreiche, feine Risse auf ihrer Oberfläche. Und mit einem Mal, zersprang die Glaskugel in Tausend kleine Stücke. Der Drache war nun nicht mehr zu sehen.

Die Zigeunerin sprang mit einem Satz auf, um das Fenster zu schließen. Der Wind peitschte um den Wohnwagen herum. Es donnerte erneut ziemlich gewaltig. Lea und die Zigeunerin blickten sich völlig entsetzt an.

Weißer, dichter Nebel stieg aus den Scherben der Glaskugel auf. Der immer stärker werdende Nebel gab eine Art Portal frei von dem sich Lea magisch angezogen fühlte. Als sie hindurch schreiten wollte, versuchte die Zigeunerin ihre Hand zu ergreifen, um sie am Durchgehen zu behindern. Dafür war es jedoch zu spät. Lea war schon so gut wie hindurchgegangen. Der Nebel verschwand und Lea mit ihm. Die Zigeunerin blieb fassungslos zurück und starrte ungläubig auf die Scherben.

Lea erwachte unsanft auf einem harten, kalten Steinboden. Sie traute ihren Augen kaum. Sie fand sich in einem Tempel, hoch oben in den Bergen wieder:

„Träume ich? Wo bin ich? Wie bin ich hierher gekommen?“, fragte sich Lea.

Als sie nach oben schaute, sah sie eine hohe Kuppel. Der Tempel war in einen Berg gehauen. Alte, hohe Säulen trugen die Kuppel des Tempels. Die Hallen waren offen, ohne Türen. Das gesamte Bauwerk war mit Moos und grünen Ranken zugewuchert. An manchen Stellen konnte man uralte Runeninschriften und Bilder entdecken, die spannende Geschichten erzählten.

Lea setzte sich auf. Als sie sich umschaute entdeckte sie einen sehr schmalen Pfad. Der Pfad führte gefährlich steil hinunter und war links und rechts von zerbrochenen Statuen gesäumt. Sie entdeckte erst jetzt, dass aus einer dunklen Ecke Rauchschwaden emporstiegen. Das Pfeifen des Windes war zu hören und mit einem Mal nahm sie ein tiefes, langsames Atmen wahr. Das Atmen kam aus der uneinsehbaren Ecke. Im Halbschatten bewegte sich plötzlich etwas. Lea bekam Angst. Sie war nicht alleine.

Ein riesiger Drache wurde sichtbar, der an diesem Platz geruht hatte. Sein Schuppenpanzer funkelte durch das einfallende Mondlicht. Lea bekam einen gewaltigen Schrecken, als sie die Kreatur erblickte. Jedoch schien der Drache nicht aggressiv oder bösartig zu sein. Im Gegenteil, seine Augen leuchteten sanft. Er wirkte alt und ehrwürdig. Er war umgeben von Nebelschwaden. Kleine Kristalle und Lichtpartikel funkelten um ihn herum. Mit tiefer, ruhiger Stimme sprach er:

„Ich habe dich, wie die Zigeunerin auch, bereits erwartet, Lea. Durch mich wusste sie, dass du kommen würdest. Du befindest dich nun in einer Zwischenwelt. An einem Wendepunkt.“

Lea fragte zaghaft: „Warum bin ich hier? Ich wollte das gar nicht. Ich weiß nicht, wie mir geschieht.“

Der Drache schaute sie sanft an und sprach: „Du brauchst keine Angst zu haben, Lea. Ich bin Hüter dieser Zwischenwelt. Dir wird hier nichts passieren, da ich dir Schutz biete. Ich werde dir aber gleichzeitig eine Prüfung auferlegen. In deiner Welt bist du voller Zweifel und Angst, da sie aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die Menschen haben aufgehört zuzuhören. Ihnen ist alles einerlei. Du bist hier, weil du an einem Wendepunkt angelangt bist. Wer möchtest du sein, ist die Frage. Du bist noch frei von jener Gleichgültigkeit, die die Menschen plagt. Deshalb hast du nun eine Prüfung zu bestehen.“

Lea: „Was soll ich tun, um wieder nach Hause zu kommen?“

Drache: „Den Weg nach Hause, liebe Lea, den musst du alleine finden.“

Lea war verunsichert. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, geschweige denn, was für eine Prüfung sie bestehen sollte. Der uralte Drache hat ihr ja nichts verraten. Nichteinmal einen Hinweis hat sie erhalten. Wo sollte sie also anfangen zu suchen? Sie wollte dem Drachen eine weitere Frage stellen, nur war dieser wieder verschwunden.

Plötzlich lichteten sich die Nebelschwaden und ein Spiegel trat zum Vorschein. Lea schaute hinein und betrachtete sich eine Weile. Nichts passierte. Gerade, als sie gehen wollte, zeigte ihr der Spiegel eine Szene aus ihrer Vergangenheit. Sie sah sich als junge Schülerin, die beobachtete, wie eine Gruppe gleichaltriger Mädchen ihre Freundin drangsalierten. Lautes Gelächter war zu hören, als sie hin und her geschubst wurde und ihr Beleidigungen entgegenflogen.

Lea war nur einige Schritte von diesem Szenario entfernt. Die Freundin schaute sie direkt an, hoffnungsvoll und bittend zugleich. Lea jedoch wusste, dass die Gruppe dann auf sie losgehen würde. Ihr Herz schlug ganz schnell und ihre Hände wurden schweißnass und eiskalt.

Auf einmal rief ein Mädchen aus der Gruppe ihren Namen. Lea stockte der Atem. Sie konnte sich im ersten Moment nicht einmal mehr rühren. Erneut wurde ihr Name gerufen. Lea kam aus ihrer Schockstarre heraus und ging einen Schritt zurück. Plötzlich bestand Blickkontakt. Lea ging immer weiter zurück und zurück. Sie war unfähig was zu sagen und war unfähig was zu tun. Wie automatisch ging der Fluchtmodus in ihr an. Sie drehte sich um und rannte davon so schnell sie konnte.

Damit endete die Szene und Leas Spiegelbild wurde wieder sichtbar. Damit setzte ein innerer Dialog ein:

„Warum hab ich das getan? Wie konnte ich nur so reagieren? Ich habe meine Freundin dadurch verloren, weil ich sie im Stich gelassen hatte. Die Angst war doch so groß, ich hatte doch keine andere Wahl als davon zu rennen.“

Seltsamerweise hörte sie den Drachen, der, obwohl er physisch nicht da war, ihr ins Ohr flüsterte:

„Du hattest eine Wahl. Man hat immer eine Wahl. Du hast dich selbst geschützt und deine Freundin im Stich gelassen. Das ist die bittere Wahrheit. Es kommt immer darauf an, wen du nähren möchtest. Den weißen oder den Schwarzen Wolf.“

Lea dachte lange nach und kam zu einer Erkenntnis. Sie hatte ihre Freundin nicht aus Boshaftigkeit im Stich gelassen, sondern weil sie so große Angst hatte. Sie hatte sich in dieser Situation für ihre Angst entschieden.

Lea ging den schmalen Pfad hinab und stoppte, als sie Stimmen hörte, die sich scheinbar stritten. Lea ging in Richtung Geräuschkulisse und sah drei fremde Wesen, die dabei waren, ein anderes Wesen zu quälen. Sie hatte wieder Angst. Ihr Körper zitterte wie Espenlaub. Ihr Magen drehte sich um. Diesmal rannte sie jedoch nicht davon. Im Gegenteil, sie ging auf die Gruppe zu und sprach mit bestimmter Stimme:

„Hey, ihr da. Was macht ihr mit dem armen, kleinen Kerlchen da? Schämt ihr euch nicht zu dritt auf ein wehrloses und schwächeres Wesen los zu gehen?

Die drei Wesen erschraken fürchterlich. Damit hatten sie nicht gerechnet. Sie ließen sofort von dem kleineren Wesen ab und rannten schnurstracks davon. Das kleine Wesen bedankte sich ganz herzlich und ging nach Hause.

Lea fühlte sich großartig. Sie war nicht feige weggerannt, sondern traf die Entscheidung helfend einzugreifen. Unerwarteterweise hörte sie ein Flügelschlagen. Der Drache kehrte zu Lea zurück:

„Du hast die Prüfung bestanden und wie ich sehe für dein Leben eine wertvolle Lektion gelernt. Als es schwierig wurde, bist du geblieben und hast geholfen. Damit gebe ich dir nun die Möglichkeit in deine Welt zurück zu kehren.“

Der Drache richtete sich auf. Nebelschwaden stiegen auf. Als das Portal im Nebel erschien und Lea hindurch schreiten wollte, drehte sie sich noch einmal zu dem Drachen herum:

„Sehen wir uns jemals wieder?“

Lea erwachte in ihrem Bett: „Was für ein Alptraum! Oder war der Besuch bei der Zigeunerin und die Begegnung mit dem Drachen kein Traum?“, fragte sie sich. Zu Hause war alles wie immer. Nur fühlte sie sich irgendwie anders. Mit einem Mal konnte sie das Gefühl deuten. Die Prüfung hatte sie verändert, denn früher wäre Lea in brenzlichen Situationen einfach abgehauen. Das war nun anders, wie sie wusste. Jetzt blieb sie stehen.

Lea griff zu ihrer Jacke. Die war merkwürdig schwer. Als sie nachschaute, was da so schweres in ihrer Jacke steckte, fand sie die Glaskugel der Zigeunerin darin. Sie war heile und unversehrt. Begeistert und neugierig schaute Lea hinein. Nebelschwaden bildeten sich und mit einem Mal wurde der Drache sichtbar. Lea begann zu strahlen vor Freude, als der Drache ihr zuzwinkerte.




Kathinka Reusswig schreibt gerne Kurzgeschichten. Inspiration findet sie beim Wandern in der Natur oder in alltäglichen Dingen. Sie hat bereits einige ihrer Kurzgeschichten veröffentlichen dürfen. Sie zeichnet auch mit großer Begeisterung.






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar