Bernhard Brack für #kkl61 „aus der Glaskugel“
Die Glaskugel ist ein Rückspiegel
Regelmässig besuche ich einen an Alzheimer erkrankten alten Mann, der früher Psychotherapeut war. Er hat wie ich über Jahrzehnte hinweg Tagebuch geführt, Gedichte oder Geschichten geschrieben. Vor unseren Treffen zupfen wir jeweils ein Notizbuch heraus und lesen uns eine Passage, die wir mit geschlossenen Augen aufschlagen, vor. Dabei stiessen wir auf folgende Geschichte, die sich vor über vierzig Jahren ereignete:
Güdle
Niemand wird Güdle als eine Heilige bezeichnen, obwohl ich sie damals als solche empfand. Gleichzeitig bangte ich um ihre Zukunft: Die Chancen standen nicht schlecht, dass sie einen Mann finden würde, der Alkoholiker war und sie schlug. Sie mit ihren Kindern sitzen liess.
Ich lernte sie in einer Dorfkneipe kennen. Sie arbeitete als Kellnerin. Spät gegen Abend, wenn die meisten Gäste gegangen waren und sie sich an den Stammtisch zu ihren Kunden setzte, schaute sie manchmal zu mir herüber. Mir schien, in ihren Augen läge die Bitte, noch ein Bier zu bestellen. Bald würden wir Zeit haben, unser begonnenes Gespräch fortzuführen.
Ich empfand es als Streicheleinheit, ihren Luftzug zu spüren, wenn sie die nächste volle Stange vor mich hinstellte.
Sie bestand drauf, dass ich sie Güdle nannte. Mir fiel es schwer, sie so anzusprechen, weil die Endung ‚-le’ abschätzig nachklingt und ‚güdle’ auf Schweizerdeutsch verschütten bedeutet. Doch vielleicht bestand sie gerade deshalb darauf: Sie fühlte sich als eine „Verschüttete“.
Als es auf die Polizeistunde zuging, sassen nur noch Marina, ihre Freundin und ehemalige Schulkameradin, und ich am runden Tisch. Ein letzter Gast, nahe dem Ausgang.
„In vierzehn Tagen sehe ich meine Mutter wieder, zum ersten Mal seit … vielleicht zwei Jahren. Ich habe meiner Schwester geschrieben, die in einem anderen Heim aufgewachsen ist als ich, ob sie auch kommen könne“, erzählte Güdle.
Der letzte Gast wollte bezahlen. Während Güdle aufstand, um einzukassieren, blieben Marina und ich allein am Tisch sitzen. Schweigend. Schauten einander an und aneinander vorbei. In welche Richtung ging die Nacht? Würde jemand den Luftzug des Kleides spüren, während der andere sich auszog?
„Möchtet ihr noch etwas trinken?“, rief uns Güdle über die Theke zu.
„Es ist doch gleich Polizeistunde“, sagte ich.
„Die Polizei kommt sowieso nicht.“
Sie brachte drei überschäumende Stangen und setzte sich zu uns.
„Mein Vater liegt im Spital. Ich würde ihn gerne besuchen, aber … er ist ein Ausgestossener. Ich möchte die Familie so gerne wieder etwas näher zusammenbringen, nur – wir sind uns halt schon sehr fremd. Wie habe ich dich immer um deine Familie beneidet“, sagte Güdle zu Marina.
„Das kann ich verstehen“, sagte sie, „aber eine Familie ist auch nicht das Paradies auf Erden. Wie oft hatte ich Streit mit meiner Mutter. Wie oft habe ich mich darüber geärgert, dass ich im Haushalt helfen musste, während meine Brüder gar nichts taten.“
„Aber du hast wenigstens ein Zuhause …“
Güdle bekam rote Flecken im Gesicht, so sehr pulsierte ihr Blut. Kräftig aufgetragenes Parfum lag im Widerstreit mit dem Schweissgeruch. Während sie einkassierte, sagte sie: „Ich mache das nicht mehr lange. In einem Monat beginne ich eine Ausbildung als Pflegerin und arbeite gleichzeitig in einem Altersheim.“
Beim Zerreissen der Quittungen hätte sie beinahe meine halbvolle Stange umgestossen.
„Und du“, sagte sie zu mir, „wie lange arbeitest du noch als Heimerzieher?“
„Als Heimerzieher-Praktikant“, korrigierte ich.
Heimerzieher. Damals nannte man es so. Was für ein schreckliches Wort. Als könnte man jemanden zum einem Daheim er-ziehen.
*
Ich traf Güdle wieder kurz vor Weihnachten.
Ich durfte mit Erkan und Serkan, zwei kurdischen Geschwistern zwischen fünf und sieben ins Hallenbad gehen. Die beiden landeten nach der zweiten Pflegefamilie bei uns im Heim, weil sie die Wände mit ihrem eigenen Kot beschmierten. Der neunjährige Mischa durfte auch mitkommen, Kind von einer chinesischen Mutter und einem Schweizer Vater.
„Bezahlen Sie uns nach dem Bad Pommes frites?“, fragten sie mich.
„Wenn ihr brav seid?!“, sagte ich, halb Frage, halb Befehl. Zuckerbrot und Peitsche. Ich verabscheute mich dafür, gleichzeitig wollte ich das Druckmittel, einen möglichst ungestörten Nachmittag zu verbringen, nicht aus der Hand geben.
„Bezahlen Sie uns jetzt Pommes frites?“, fragte Mischa, nachdem er Erkan in die Badehose geholfen hatte.
„Bezahlen Sie uns jetzt Pommes frites?“, fragte Serkan, nachdem er für uns Badetücher geholt hatte, und Erkan legte nach: „Sie bezahlen uns doch Pommes frites, oder?“
Kaum war die Portion für alle auf dem Tisch, begannen sie die Fritten zu verschlingen. War der erste Hunger gestillt, begann der Streit: Wer bekommt die längste Fritte, die knusprigste, und wer hat das Ketchup weggefressen? Später wird es im Heim Abendessen geben. Ich dachte an die Kinder am anderen Ende der Welt, Kinder, die Hunger hatten. Mischa, als hätte er meine Gedanken gelesen, meinte ganz aufgeregt: „Ich muss Ihnen einen Witz erzählen. Wissen Sie, warum die Chinesen keinen kleinen Finger haben?“ und antwortete gleich selber: „Weil er dir gehört!“ Und er zeigt mir seinen kleinen Finger. Von seiner Mutter weiss er, dass das in China so viel bedeutet wie, du bist minderwertig.
Ich schaute aus dem Fenster ins Hallenbad. Sah in die Leere. Etwas in mir war zusammengebrochen: der Glaube, dass ich den Kindern etwas mitgeben kann. Es gelang mir nicht, eine liebevolle Atmosphäre unter ihnen zu kreieren. Und nicht nur das, Mischa fand mich minderwertig.
Gefühlstaub und blind tastete ich mich durch den aufgewirbelten Staub meiner eingestürzten Konstrukte … da winkte mir jemand. Es war sie! Güdle! Sie sass auf einer Treppe im Wasser, mit drei kleinen Kindern um sich. Über Weihnachten kehrte sie jeweils in das Heim zurück, in dem sie aufgewachsen war, und half dort freiwillig mit.
Ich winke zurück. Schaue zu, wie sie mit den Kindern spielt und plantscht. Sehe sie lachen in den Spritzern eines Kindes, das mit der Handfläche auf das Wasser schlägt. Sehe sie ein Kind halten und trösten, weil es mit dem Kopf unter das Wasser gesunken war. Sehe ein Kind kreischen vor Freude, weil es in ihren Armen im Wasser geschwenkt wird. Güdle, die Güldene. Auch diese Assoziation ist möglich. Sie liebt die Kinder. Und nichts als das wünsche ich mir.
Der an Alzheimer erkrankte Mann nickt. Es sei das Einzige, was ihn jetzt noch erfreue: das Spiel mit seinen Enkelkindern. Sie würden ihn ins Hier und Jetzt führen.
«In der Psychotherapie versuchte ich, den Menschen ins Hier und Jetzt zu helfen. Jetzt bleibt mir gar nichts anderes übrig. Hier und Jetzt ist meine Zukunft – sonst verzweifle ich.»

Bernhard Brack, 1957, ist in Abtwil/SG aufgewachsen. Nach Wanderjahren und verschiedenen Arbeitsstellen im Ausland bildete er sich zum Sozialarbeiter aus. Er war als solcher 33 Jahre in St. Gallen tätig und ist inzwischen pensioniert. Neben seiner Arbeit schrieb er die Geschichten alter Frauen und von Klient:innen auf. Er experimentiert als dichtender Kellner, Traumsammler und TrouvAmour. Sein letztes Werk, unten durch, das im Sommer 2024 im ILV-Verlag erschienen ist, handelt von einem Bankraub, den ein Sozialarbeiter gemeinsam mit seinen Klient:innen plant und durchführt: www.untendurch.jimdofree.com Seit Dezember 2024 besteht eine Webseite über seine Tätigkeit als TrouvAmour: www.trouvamour.ch
Literarische Tätigkeit, Publikationen:
- Schräg fällt das Licht, Gedichte, Bernhard Brack, Poesie 21 von Anton G. Leitner, Verlag Steinmeier, Deiningen, 2015
- Lyrik und Prosa unserer Zeit, Anthologie, Karin Fischer Verlag, 2015
- So bist du gegangen, Väterchen, Erzählungen, Bernhard Brack, Orte Verlag, 2016
- Klartext Deutsch 5, Hilger/Rethi/Schicker, Schulbuch Nr. 181785, Verlag Jugend & Volk Gmbh, Wien, 2017
- Die SoG Sonntagsgedichte, hersg. Rainer Stöckli, Orte Verlag, 2019
- Liebe, Lust und Langezeit, Gedichte, Bernhard Brack, ILV-Verlag Basel, 2021
- Krieg, Krankheit und Vergebung, erzählte Geschichte, Bernhard Brack, ILV-Verlag Basel, 2022
- Unten durch, eine St. Galler Kriminalgroteske, Bernhard Brack ILV-Verlag Basel, 2024
- Das Gedicht, Menschlichkeit, Poesie der Nähe, Anton G. Leitner Verlag, München 2024
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