Klaus Enser-Schlag für #kkl61 „Aus der Glaskugel“
Prophezeiung ohne Gewissheit
Die Glaskugel liegt sehr schwer in meinen Händen und das, obwohl sie doch hohl ist. Ich kann mich in ihr spiegeln: Mein verzerrtes Gesicht ist tausendfach gebrochen und jedes Bruchstück behauptet dennoch, die Wahrheit zu kennen.

Ich beuge mich über die Kugel, so wie ich mich schon immer über das Unbekannte gebeugt habe: voller Hoffnung und Zweifel und doch mit einem Rest von kindlichem Zutrauen.
Seit jeher habe ich versucht, mir selbst zuvorzukommen. Damit mich die bösen Überraschungen im Leben nicht ereilen, oder zumindest abgefedert werden. Ein sinnloses Unterfangen. Es gibt keine Berechenbarkeit des Lebens.
Ich sehe die Glaskugel nicht als ein Werkzeug an, welches mir den richtigen Weg weist. Sie erschafft für mich die Illusion eines Versprechens: Ordnung im Chaos, Sinn im Zufälligen, eine klare Linie vom Heute ins Morgen.
Doch was ich in der Glaskugel sehe, ist niemals eindeutig, weil ich es selbst nicht bin. So geht es allen Menschen. Wessen Lebenslinie ist nicht gebrochen, welche Träume haben sich erfüllt und wie viele bleiben ein Leben lang Illusion?
Die Glaskugel spiegelt nur meine Träume wieder. Sie sind angefüllt mit Hoffnungen, dem Verlust von Freunden, der oft grauen Eintönigkeit des Alltags und dem simplen Wunsch, glücklich zu sein. Doch das Glück zeigt sich nur in Bruchstücken, genauso, wie es die Glaskugel widerspiegelt.
Die Zukunft wird heute berechnet: Zahlen, Kurven und Szenarien sollen sie greifbarer und angstfreier gestalten. Wenn Algorithmen schneller als unser Herz entscheiden, bezeichnen wir dies als Fortschritt.
Doch in entscheidenden Momenten unseres Lebens greifen wir nicht zu einer Formel, sondern zu der Hoffnung.
Die Glaskugel zeigt mir keine Antworten auf die großen Fragen meines Lebens. Sie hält mir nur etwas unendlich Wichtiges vor Augen: meine eigene Verantwortung!
Die imaginäre Zukunft, welche ich aus der Kugel zu sehen glaube, entsteht einzig und allein aus meinen gegenwärtigen Handlungen.
Das sind Worte, welche ich erwähne. Blicke, welche ich erwidere oder ignoriere. Vor allem aber ist es der Mut, den ich aufbringe neue Wege zu gehen, oder es aus Furcht nicht wage.
Vielleicht ist die Glaskugel ja gar kein Fenster zur Zukunft, sondern ein Spiegel der Gegenwart?
Ich gebe zu, ich erschrecke bei dem Gedanken, dass all das, wovor ich mich fürchte und was mich retten könnte, bereits in mir angelegt ist.
Denn es beraubt mich der Ausrede, nur Zuschauer sein zu können.
Ja, ich möchte Gewissheit haben, aber ich lebe von Möglichkeiten. Ich wachse nicht an Sicherheiten, sondern an den Brüchen in meinem Leben.
Die Glaskugel bleibt milchig und verzerrt, selbst im hellsten Licht. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich Zukunft und Menschen wechselseitig benötigen. Der Mensch muss ja unfertig, tastend, fehlbar und zweifelnd sein, sonst würde er die Frage nach der Zukunft nicht brauchen. Alles wäre schon berechenbar und glasklar!
Ich lege die Glaskugel beiseite. Nicht, weil ich sie als nutzlos empfinde, sondern mir bewusst geworden ist, dass mich der Blick in die Zukunft nicht von der Aufgabe freispricht, im Hier und Jetzt ein Mensch zu sein, mit allem was dazugehört: Zweifel, Widerspruch, Mitgefühl und Liebe.
Die Zukunft ist offenbar kein Ort, welche man vorhersagen kann, sondern ein Raum, den man betritt.
Und vielleicht ist das ja die eigentliche Prophezeiung:
Dass der Mensch nicht wissen muss, was kommt, sondern entscheidet,
wer er sein will, wenn es da ist.

Klaus Enser-Schlag, geboren in Stuttgart, Hörspielautor beim SRF,
(Schweizer Radio und Fernsehen), bislang wurden 23 Hörspiele von ihm in Zürich und Basel produziert. Erster Rundfunkbeitrag für den SWR. Verfasste zudem zahlreiche Kurzgeschichten, Internetartikel, Anthologiebeiträge, Songtexte und knapp 1200 lyrische Texte.
Lebt heute in der Nähe von Hamburg.
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