Mia Schlüter für #kkl61 „Aus der Glaskugel“
Die Scheibe ist kalt
Ich sehe den Leberfleck neben deinem Bauchnabel, genau dort, wo auch meiner ist.
Du streichelst mir über mein gläsernes Gesicht.
Ein warmer Schneesturm durchfährt mich, und du fragst mich, woran ich denke.
Ich sehe dich an. Meine Augen fühlen sich an wie Milch und Meer.
Du erwiderst meinen Blick, und ich sage: „Ach, an nichts.“
Dabei dachte ich gerade daran, dass wir vielleicht verwandt oder gar verbunden sind.
Doch ich will es nicht in meinen Ohren hören, bevor die eisige Luft es wieder verwirbelt.
Du grinst und weißt, dass es nicht stimmt.
Erneut greift deine Hand zu meinem Kopf.
Sie fährt von meiner Stirn bis zu meinem Kinn.
Ich lege mich auf deinen Bauch und weine in mir drin.
Er formt sich an die Kugel. Das Glas wird blind.
Meine Augen sind verschlossen. Deine Hand bleibt auf mir liegen.
Ich warte, bis sie geht, und wünsche mir, dass sie nie gehen würde.
Du malst mit deinem linken Zeigefinger ein Herz auf das neblige Glas.
Eine Hälfte ist größer als die andere.
So ist es immer.
Vor meinen Augen schleichen Bilder hervor.
Wie ein Schleier überziehen sie die weiße Decke.
Kleine Schneeflocken schütteln sich auf und ab.
Stimmen durchströmen das Vakuum.
Sie rufen meinen Namen, und ich weiß nicht, ob es wirklich meiner ist.
Die Melodie dumpf, und doch ein Teil von mir.
Sie fließt durch meine Venen, von den Zehen bis zur Krone.
Die Ruhe ummantelt mich wie eine australische Kobra.
Ihre Haut schnürt sich um meine.
Die Zunge fährt in meinen Mund, bis ich würge
und all das Vergangene aus mir hinausstößt.
Wie Windschläge. Wie Taubenrufe.
Es zieht. Mein Kopf färbt sich blau. Mein Atem stockt.
Deine Hand hält die Luft nicht auf.
Sie liegt auf der Kugel, und ich komme nicht hinaus.
Das Erbrochene erstickt mich.
Der Raum ertrinkt in Wasser und Flocken.
Ich schrecke auf.
Du schaust mich an mit einem sanften Blick.
Ich laufe zum Fenster und hole tief Luft.
Kein Ton. Nur die belegte Ruhe.
Mein Kopf vibriert. Mein Mund ist gefüllt.
Du kletterst hinauf, und ich stürze hinab.
Ich sehe deine Hand auf mich zukommen und setze meine entgegen.
Sie berühren sich nicht.
Uns trennt die Scheibe aus Glas.
Dein sanftes Lächeln spiegelt sich,
und du sprichst davon, wie schön die Vögel singen.
Ich höre sie nur dumpf.
Du lebst im Wandel der Zeit.
Ich stehe gefroren auf Eis.
Die Schneeflocken finden den Boden.
Das Erbrochene gräbt sich hinaus.
Deine Hand liegt auf meiner Brust.
Zwischen uns die Scheibe aus Glas.
Sie beschlägt.
Ich bleibe im Dunst.
Die Scheibe ist kalt, hier drin liegt Schnee.
Die Scheibe ist kalt, draußen schmilzt der Schnee.
Ich versinke im kalten und warmen Schnee.
Mia Schlüter, geboren 2001, lebt in Berlin.
Studiert Soziale Arbeit und schreibt poetische Prosa und lyrische Texte über Zwischenwelten, Übergänge und fragile innere Zustände.
Über #kkl HIER
