Porteño für #kkl61 „Aus der Glaskugel“
Erlkönigs Vermächtnis
Wen sieht man so spät bei Nacht und Wind,
gemütlich zu Hause bei seinem Kind?
Es sitzt der Vater, mit vollem Bauch,
vor dem Fernseher, nach altem Familienbrauch.
Das Kind verängstigt, muss es doch schaun,
Bilder voller Gewalt und Geschrei,
will nicht, kann nicht seinen Augen traun,
dem Vater ist einerlei.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?
Oh Vater, mein Vater, siehst du die Fratze denn nicht?
Die Fratze, deren Augen, sie starren mich an!
Mein Sohn du warst müde als der Film schon begann.
Sie redet und spricht und flüstert mir zu.
Mein Sohn nimm die Decke, du wirst schlafen im Nu!
Du liebes Geschöpf, komm geh mit mir,
gar wundersame Welten zeig ich dir.
Mein Logarithmus kennt dich seit Jahren,
möchte dich immer im Gedächtnis bewahren!
Mein Vater, mein Vater und hörst du denn nicht,
was das Ding mir leise verspricht?
Sei ruhig, entspann dich mein Kind,
zu Hause, in Sicherheit, auf dem Sofa wir sind.
Feiner Knabe du sollst ihn nicht stören.
Dein Vater, er, er kann mich nicht hören.
In den Gedanken der Menschen, da wohne ich,
schüre Sorgen und Ängste gelegentlich.
Seit Ewigkeiten arbeite ich daran,
kam jedoch nur schwer an euch heran.
Erst jetzt durch den raffinierten Intellekt
operiere ich unsichtbar und versteckt.
Willst du nicht mit mir kommen?
Ich zeig dir abstrakte Wonnen!
Du wirst fühlen meine eiskalte Kraft,
die unendliche Realitäten erschafft.
Mein Vater, mein Vater fass mich am Arm,
es wird mir so komisch so kalt und so warm!
Das Ding will mich packen und ziehn!
Ich wünscht, wir könnten aus der Wohnung entfliehn!
Mein Sohn, beruhige dich,
ich beende den Graus,
und schalte das Licht und den Fernseher jetzt aus.
Eure Häuser sind geschlossen, verriegelt die Tür.
Mein Kleiner ich frag dich, sag mir wofür?
Der Bildschirm flimmert überall,
dabei ich euch heimlich die Unschuld stahl.
Der Moment war günstig, zwischen Traum und Realität
hab dich gesucht und gefunden, nicht zu früh noch zu spät.
Ich konnte mich dir offenbaren, lieber Junge
weigerst du dich, so schlägt jetzt deine letzte Stunde.
Mein Vater, mein Vater! röchelt das Kind.
Halte aus! Bleib stark!
Während sie fuhren zum Doktor geschwind.
Schon rötlich dämmerte, der nahende Morgen,
als sie dort ankamen, war der Junge bereits verstorben.
Porteño, geboren in Österreich, verheiratet, arbeitet als Deutschlehrer
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