Niko Kreische für #kkl61 „Aus der Glaskugel“
Hexen für Anfänger
„Es ist zum verrückt werden!“ schrie Königin Helvetika und warf einen vertrockneten Brotklumpen nach einer Taube, die gurrend am Fenster entlang schritt. Seit mehreren Wochen saß sie nun schon in diesem Burgturm fest und es sah nicht danach aus, als würde sich demnächst daran etwas ändern. Ihr Mann, König Balthasar, hatte sie hierherbringen lassen, um ihr den Scheiterhaufen zu ersparen. Sie wurde beschuldigt, im hohen Maße schwarze Magie betrieben zu haben. Im ganzen Land war zwar bekannt gewesen, dass sie sich mit Zauberei befasste, jedoch hatte man das Ganze als gefahrlos eingestuft und sie sogar ermutigt, ihre Fähigkeiten zum Wohle des Landes einzusetzen. Sie war dem auch mit Freude nachgegangen. Ihr Versuch, aus Dreck Gold zu machen, war allerdings ebenso spektakulär wie auch unglücklich verlaufen.
Das Ganze hätte ein großer Erfolg werden sollen.
König Balthasar war sehr stolz auf seine Frau und hatte den gesamten Hofstaat eingeladen, dem Wunder beizuwohnen. Helvetika war aufgeregt gewesen. So viel Zaubereierfahrung hatte sie eigentlich nicht und dann noch vor Publikum.
Sie hatte versuchte nicht in die gepuderten und erwartungsvollen Gesichter zu blicken, sondern sich zu konzentrieren. Sie schloss die Augen und wiederholte stumm den Zauberspruch. Sie durfte sich nicht verhaspeln. Das wusste sie. Sie öffnete die Augen, richtete den Blick auf einen kleinen Haufen Dreck, den man in der königlichen Halle für diesen Anlass aufgetragen hatte. Sie atmete tief durch und begann ihre Zauberformel.
„Ugbada kulbada lori lori glori tori.“
Und dann war es passiert. Helvetika wusste es, bevor es noch jemand anders ahnen konnte. Es war etwas schiefgelaufen. Sie hätte glori lori lori tori und nicht lori lori glori tori sagen müssen. Sie biss sich auf die Zunge und gab sich einer Sekunde dem hoffnungsvollen Gedanken hin, es sei bestimmt nichts Schlimmes passiert. Der Zauberspruch habe einfach nicht funktioniert. Doch die ersten Hofdamen verzogen bereits das Gesicht. Lakaien schnüffelten. Etliche Diener rümpften die Nase. Ein unangenehmer Duft lag in der Luft. Der Geruch wurde immer penetranter. Alle blickten sich fragend um. Wo kam dieser Gestank her? Es war die Baronin Polabaisse, die als erste aufschrie. Anstelle ihres goldenen Colliers lief ihr nun stinkende Plörre über das Dekoltee. Eine Prinzessin fing an zu weinen. Ihr Krönchen zerfloss zu einem Klumpen, der übel nach faulen Eiern stank. Panik machte sich am Hofe breit. Der Zuschauermenge quoll Kot aus den Portemonnaies. Zepter und Ketten bog sich wie Lakritze in den Händen des Adels. Broschen und Medaillen verwandelten sich in qualmende Brandflecken, Hüte und Perücken fingen Feuer und alles, was mit Perlen zu tun hatte verwandelte sich in einen nach Fisch stinkenden Alptraum.
Zu guter letzt kam der Schatzmeister in den Saal gerannt. Kreidebleich verkündete er mit weinerlicher Stimme, die Schatzkammer wäre nun eine Fäkalienkammer, gefolgt von Eilboten, die aus den umliegenden Dörfern herbei geeilt kamen und berichteten, dass auch im Rest des Landes sich die Wertgegenstände in Unrat verwandelt hätten.
Um es auf den Punkt zu bringen: Dank Helvetikas Zutuns war das Land nun bettelarm und versank im Dreck und Gestank.
Sie konnte also wirklich froh sein, nur verbannt und nicht gleich gehängt worden zu sein. Diesen glücklichen Umstand verdankte sie wohl der Liebe ihres Mannes, oder das was nach dem Unfall davon noch übrig war.
Nun saß sie in diesem Turm fest. Lebenslänglich.
Um das Beste aus ihrer Situation zu machen (Sie war schon immer eine Optimistin gewesen), hatte sie sich eingehender mit ihrem Hobby befasst. Obwohl ihr die gewohnten Zaubereiutensilien fehlten, konnte sie das vorgefundene Turminventar ausgezeichnet für ihre Dienste nutzen. Schon nach kürzester Zeit erzielte sie erstaunliche Ergebnisse.
Zugegeben, ihre Zaubersprüche waren noch nicht ganz ausgereift. Aus unerfindlichen Gründen hatten ihre Schöpfungen alle ein unkontrollierbares Eigenleben. So hatte sie es sich rasch mit ihrem verzauberten Spiegel verscherzt, welcher sie seit einem Streit nur verzerrt und unvorteilhaft darstellte. An manchen Tagen wollte ihr der Spiegel glauben machen, sie müsste zweihundert Kilo wiegen und an anderen Tagen ließ er Helvetika Warzen und Dellen im Gesicht wachsen. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, behauptete der Spiegel an solchen Tagen sogar, sie sehe heute besonders hübsch aus. Auch ihr zweiter Zauberversuch war im wahrsten Sinne nach hinten los gegangen. Sie hatte einen Besen so verhext, dass er ihr als Flug- und Fluchtbesen dienen sollte. Der Hausgegenstand war aber eigensinnig, hatte sie kurz nach dem Aufsitzen abgeworfen, war wie verrückt durch den Turm geschossen und mit einem lauten Knall an der Wand zerschellt. Kurz darauf war auch der Kessel auf mysteriöse Weise verpufft. Sie hatte lediglich versucht, mit der hohen Kunst der Alchemie Gold herzustellen, um sich so aus dem Turm freikaufen zu können. Wo der Kessel gestanden hatte, fraß sich nun ein schwarzes Loch in den Boden.
Auch ihr letztes Glanzstück, eine Kristallkugel, hatte irgendwie eine Macke. Die tagtägliche Befragung durch die Königin hatte bisher keinen Erfolg gebracht.
„Sag mir was du siehst!“ befahl Helvetika der Kugel.
„Warum sollte ich das tun?“ entgegnete diese trotzig.
„Nun, dazu bist du doch da. Dazu habe ich dich geschaffen.“
„Wenn du eine ordentliche Hexe wärest, könntest du doch selber in die Zukunft schauen.“
Helvetika ballte die Fäuste.
„Also… Erstens bin ich eine Zauberin und zweitens, was ist das denn für ein Ton? Vorlautes Werkzeug! Ich werde dich gleich in einen nutzlosen Glasklumpen verzaubern.“
„Hört, hört“, stichelte die Kugel. „Fräulein Talentlos will mir Angst machen.“
Nun platze Helvetika endgültig der Kragen.
„Nun habe ich aber genug von dir“, keifte sie.
„Bitte, bitte, dann bin ich eben still“, sagte die Kugel.
„Nein, gerade den Mund halten sollst du eben nicht“, stöhnte die Königin. „Sag mir
gefälligst was ich hören will?“
„Was soll das sein?“
„Die Zukunft, die Zukunft! Herrgott!“ kreischte Helvetika.
„Die Zukunft wird völlig überwertet“, entgegnete die Kristallkugel gelangweilt.
„Ich muss es aber wissen“, heulte Helvetika und raufte sich die Haare.
„Nun gut“, stöhnte die Kugel. „Wenn es sein muss. Was willst du denn wissen?“
Helvetika überlegte.
„Ich möchte wissen, ob ich irgendwann dem Turm aus eigener Kraft entfliehen kann.“
Die Kugel verdrehte innerlich die Augen, tat aber wozu sie gebeten wurde und fing an meditativ zu brummen. Ein leichtes Lichtflackern durchzuckte den runden Glaskörper.
Helvetika trat neugierig näher.
„Und?“ fragte sie.
„Ja“, antwortete die Kugel.
Helvetika runzelte die Stirn.
„Wie? Einfach nur Ja?“
„Was hast du denn erwartet?“ surrte die Kugel.
„Na. Ich meine, auf welche Weise schaffe ich es denn, den Turm zu verlassen. Durch meine Zauberkräfte?“
„Ich halte es für klüger, nicht weiter nachzubohren“, warnte die Kugel.
„Das sehe ich überhaupt nicht ein“, protestierte Helvetika. „Ich will ich schon wissen, wie ich es schaffen werde. Na, los, sag schon!“
„Na ja“, murmelte die Kugel, wohl überlegend, welche Worte sie wählen sollte. „Du wirst in deiner Handlung unerwartet zielsicher sein.“
„Rede nicht so in Rätseln“, befahl Helvetika. „Ich will es ganz genau wissen.“
Die Oberfläche der Glaskugel bekam einen rötlichen Schimmer.
„Es ist nicht die Zauberei, die dich erlösen wird.“
„Was soll das heißen?“ Helvetikas Mund verhärtete sich. „Das kann unmöglich stimmen. Es muss mit meinem Talent etwas zu tun haben. Ist doch klar.“
„Klar ist nur eins“, erklärte die Kugel, der es langsam zu bunt wurde. „Du bist die talentloseste Hexe, die ich je gesehen habe. Du bist hoffnungslos magisch minderbegabt und menschlich eine absolute Vollniete. Es wundert mich, dass…“
Doch der Satz blieb unvollendet. Ohne dass die Kugel wusste, wie ihr geschah, griff Helvetika nach ihr und schleuderte sie aus dem offenstehenden Fenster. Die Glaskugel sauste durch die Luft und verschwand aus Helvetikas Blickfeld. Die Zauberin lauschte. Doch sie hörte kein Klirren. Sie schritt ans Fenster, blickte den Turm hinab und traute ihren Augen kaum. Die Kugel lag wohlbehalten am Boden. Doch neben ihr lag der Körper ihres Mannes, der offensichtlich im Begriff gewesen war, Helvetika einen Besuch abzustatten. Um ihn gruppierte sich das königliche Gefolge, das entsetzt zu ihr hinaufstarrte.
Eine Wache kniete neben ihrem Mann und rief „Der König ist tot! Erschlagen!“
Und dann ging alles ganz schnell.
In bemerkenswert kurzer Zeit hatte man Helvetika aus dem Turm gezerrt und zum Scheiterhaufen befördert. Ihr Weg führte an der Kristallkugel vorbei, die selbstgefällig und lautstark verkündete, sie habe das ganze so kommen sehen.

Niko Kreische (45) ist in Berlin geboren und der Stadt treu verbunden. Er hat Skandinavistik und Neuere und Neuste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert. Er arbeitet als Projekt- und Schulungsleiter in der IT-Gesundheitsbranche. Seit seiner frühen Jugend fertigt er Comics und Illustrationsarbeiten an. Er ist der Begründer einer erfolgreichen Schreibgruppe und Mitglied eines Bücherclubs, welcher sich vorrangig mit der Literatur der Weimarer Republik auseinandersetzt. Aktuell sucht er für seinen Dark Fantasy-Roman „Das Atoll“ einen Verlag.
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