A und noch mehr O

Martin A. Völker für #kkl61 „Aus der Glaskugel“




A und noch mehr O

„Schuster, bleib bei deinem Leisten!“ Diesen Satz warf der antike Maler Apelles einem Schuhmacher entgegen, der ein Bild des Künstlers kritisiert hatte, zunächst nur eine fehlerhafte Sandale, dann weitere Details, die jedoch mit der Profession des Handwerkers wenig zu tun hatten. Glücklicherweise haben sich nicht alle Schuster an diesen Ratschlag des Apelles gehalten. Der bis heute bekannte Dichter Hans Sachs im 16. Jahrhundert war ein solcher, Jacob Böhme am Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein anderer. Die Gilde der Selbstschöpfer kennt und verehrt sie beide. Zum Mystiker und Philosophen bildete sich Böhme aus. Eine umfangreiche Werksammlung hat er uns hinterlassen, die es jedem ermöglicht, mit diesem geistigen Schuhwerk bekannte und völlig neue Lebenswege zu betreten. Auch der Vater von Johann Joachim Winckelmann war ein Schuster. Vielleicht hätte die Kunstgeschichte einen anderen Anfang und Verlauf genommen, wenn Winckelmann aus einem akademischen Haus hervorgegangen wäre. Dichtung, Philosophie und Kunst: Ohne Tuchfühlung mit der Welt, ohne das sehende, atmende, riechende, schmeckende Sich-Einlassen erscheint weder die eine noch die andere möglich. Mit Recht beklagst du dich über lyrische Ergüsse, die nie einen echten Baum gesehen haben und ihn dennoch aufrufen, weil er die beiden eingeritzten Buchstaben zeigt, welche die ewige Liebe symbolisieren sollen, die im wirklichen Leben in wenigen Wochen vor die Hunde geht. Zu Recht rügst du eine Philosophie, in der alles west, und die doch wesenlos bleibt, die den Menschen zerbricht, weil sie das Sein als blutleeres Gebilde feiert, das konkrete, das blutreiche, das blutende Leben missachtet. Streng genommen ist ein Schuster kein Dichter, kein Philosoph, kein Künstler. Aber er kennt alle Menschenfüße, die geraden und die schiefen, die nach oben gewölbten und die platten, die hässlichen und die schönen. Auf Füßen steht alles, egal wie sie aussehen. Auf die Füße stellt der Schuster alles. Über das Ideal, über die Idee eines Fußes würde ein Schuster lachen, wenn sie ihm überhaupt in den Sinn käme. Dennoch vervielfältigen sich die Gedanken, während der Schuster formt, hämmert und nagelt, er ist ganz bei sich und gleichzeitig ganz woanders. Mag anderen seine Werkstatt noch so armselig vorkommen, die dumpfen und hellen Geräusche verbinden sich zu einem Rhythmus, der Geruch von Leder und Holz verleiht dem Denken Körper und Gestalt, dem Dämmerlicht entsteigen immer neue Welten. Die gläserne, mit Wasser gefüllte Schusterkugel zeigt ihm, indem sie die Lichtreste zusammenbringt, das belebte Universum im Kleinen. Wen wundert es da, wenn einem Schuster die Erleuchtung zuteilwird? Im Jahr 1620 stellt und beantwortet Böhme „Vierzig Fragen von der Seele“. Vielleicht war es die Schusterkugel, welche jeden seiner Handgriffe erhellte, von der er den Blick nicht abwenden konnte, die ihm, seine Abhandlung bezeugt es, eine Ahnung davon gab, was das Ungreifbare, das Unbegreifbare, was Gott sei, der sich in der Bibel selbst als das A und das O, als Anfang und Ende, als der Erste und der Letzte beschreibt. Dieser Gesamtheit ordnet Böhme die Kugel zu, welche die Ewigkeit darstellt und die den Himmel und die Erde, die Elemente sowie die funkelnden Sterne in sich trägt und vereint. Als Auge Gottes und als Wunderauge bezeichnet Böhme die Kugel, weil sie das minimalste Restlicht verstärkt und damit achtet, wie das Auge Gottes selbst die geringste unter den Kreaturen sieht und erhebt. Ich und du: Wir beide verfügen über Augen, die wie das Auge des Schusters zum sammelnden Wunderauge werden können, wenn wir es nicht verlernen, richtig zu sehen. Sehen können alle, aber nicht alle wollen sehen. Das Hinsehen macht den Unterschied. Dort musst du hinsehen, wo es fast zu dunkel ist, um etwas erkennen zu können, wo die geräuschvolle Dunkelheit dich mit Angst erfüllt. Stell sie dir in solchen Lagen vor, die Glaskugel, die Ewigkeit der hellen Lebendigkeit. Ansprechen wird sie dich, damit du handeln darfst: „Schuster, bleib niemals bei deinem Leisten!“




Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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