Pulverschnee

Kristin Jankowski für #kkl61 „Aus der Glaskugel“




                                                              Pulverschnee

Sie nannten es die Glaskugel. Es war ein Baumhaus in der Nähe von dem kleinen Fluss, der sich durch den Wald schlängelte. Es stand dort ganz versteckt, wo die Apfelbäume aufhörten und der Mais schon zu sehen war. Sie trafen sich dort jeden Mittwochnachmittag. Katja musste aus ihrem Zimmerfenster klettern, da sie nicht von ihrer Mutter erwischt werden wollte. Sie war eigentlich mit ihrem neuen Freund beschäftigt, aber nein, in den Wald durfte Katja nicht alleine gehen. „Es fällt meiner Mutter sowieso nicht auf, ob ich zuhause bin oder nicht“, erklärte sie eines Tages. „Aber ich habe keine Lust, ihr Bescheid zu sagen. Ihr Meckern geht mir total auf die Nerven,“ sprach sie weiter. Vera wartete immer kurz ab, bevor sie ihre Zimmertür aufmachte, um zur Glaskugel zu gehen. „Ich schaue durch das Schlüsselloch. Von dort aus habe ich eine gute Sicht auf das Sofa. Meine Eltern sitzen dort den ganzen Tag. Nachmittags sind sie schon so betrunken, ich öffne leise die Tür, wenn ich merke, dass sie vor dem Fernseher eingeschlafen sind. Papa schnarcht dann immer so laut. Die merken gar nichts mehr“, sprach sie. „Früher bin ich immer runter in den Keller gegangen und habe dort mit den Puppen gespielt. Dort war ich vor meinen Eltern in Sicherheit“, fügte sie noch hinzu. „Meine Eltern denken, ich sitze bei einem Freund und zocke. Das ist eigentlich ziemlich traurig, da sie wissen sollten, dass ich das sterbenslangweilig finde. Meine Mutter hatte mir schon als Kind eine Playstation geschenkt. Ich konnte damit gar nichts anfangen. Wahrscheinlich hatten sie damals gehofft, dass ich dann endlich aufhöre, ihnen auf die Nerven zu gehen. Ich bin in der Schach AG in der Schule und habe dort auch schon einen Wettbewerb gewonnen. Das Wissen meine Eltern nicht. Das interessiert die auch gar nicht“, erzählte Ben weiter. „Meine Eltern sind bei der Arbeit,“ sagte Eva kurz und zuckte mit den Achseln. „Mein Vater ist arbeitslos und hat Depressionen. Ich will ihn lieber in Ruhe lassen und ihm nicht noch mehr zur Last fallen. Ich gehe einfach wortlos aus der Wohnung,“ sagte Jan. 

Es war ein eisiger Winternachmittag, als die fünf Jugendlichen, eingemummelt in warme Jacken, in der Glaskugel saßen und es draußen schneite. „Für mich ist es schlimm, wenn ich am Bahnsteig langlaufe. Da stehen sie dann, aufgereiht, fast so wie die Hühner auf der Stange. Oder wie bewegungslose Zinnsoldaten. Diese Leute, die wie starr auf ihre Handys schauen. Es gibt da auch noch die Anderen. Die glotzen einfach gegen die Wand. Wenn ich an den Leuten vorbei gehe, schaue ich jeden an. Niemand reagiert, auch nicht diejenigen, die auf die Wand starren. Eigentlich sollten sich ja unsere Blicke treffen. Aber sie starren einfach durch mich hindurch. Manchmal frage ich mich, ob die mich nicht sehen können“, erzählte Eva. „Vielleicht leben diese Leute in einer anderen Dimension“, sagte Jan und lachte. Dann schaute er auf einmal sehr ernst. „Wenn dann die Bahn kommt, laufen alle los. Und setzen sich wortlos auf die Sitzbänke, um dann wieder auf ihr Handy zu glotzen. Niemand sagt etwas. Alle sind so still,“ bemerkte Eva weiter. „Wenn ich in der Bahn bin, dann dreht sich mir der Magen um. Manchmal will ich einfach nur laut schreien“; sprach sie. „Ich habe das im Supermarkt,“ sprach Katja. „Dort ist es auch unerträglich still. Manchmal laufe ich durch die Gänge, nur um mir anzusehen, wie mechanisch die Leute einkaufen. Sie schieben diese großen Wagen vor sich hin, der viel zu groß ist und nur zum Einkaufen von unnützem Zeug anregen soll, und greifen in die Regale. Dann schieben sie das Monster weiter und stellen sich wortlos an die Kasse. Oft beugen sie sich nach vorne, um sich an dem Einkaufswagen festzuhalten. Es ist so ruhig. Ich höre oft nur einen Satz: „Mit Karte, bitte“, erzählte sie. „Ich frage mich, ob nur ich es bin, die diese Stille unerträglich findet. Niemand lacht“, bemerkte Katja. „Ich mache mir einen Spaß daraus, Menschen auf der Straße zu beobachten, wie sie mit ihren Taschen durch die Gegend hasten, wie sie beim Laufen auf die Handys schauen und sie sich manchmal gegenseitig anrempeln, weil sie nicht mehr nach vorne schauen. Das mache ich manchmal mit Absicht. Die Handyglotzer rempele ich einfach an und warte darauf, dass sie sich bei mir entschuldigen. Total bescheuert, aber wenigstens redet da jemand mit mir“, erzählte Ben. „Ich bin da ganz anders“; sagte Jan. „Ich liebe es, mit fremden Leuten zu sprechen. Vorhin habe ich einen Mann getroffen, der eine Geige getragen hat. Ich verwickelte ihn in ein Gespräch. Er war ein Musiklehrer, ein Pole, sehr nett und freundlich und er erzählte mir von den Intellektuellen in Krakau. Er unterrichtet auch die Bratsche. Er mag beide Instrumente“, erzählte Jan. „Ich sagte ihm, das Klavier und die Geige sind die Instrumente der Engel im Himmel. Da stimmte er mir zu,“ sprach er weiter. „Dann sagte er etwas Besonderes zu mir. Er sagte, dass ihn seine Schüler immer fragen, wie sie mehr Harmonie herstellen können. Üben, üben, üben.“ Jan schaute in die Runde. „Manchmal denke ich, dass Gott mir seine Botschaften durch diese Menschen schickt“, erklärte er. 

Draußen war es bereits dunkel und der Schnee wurde immer heftiger. „Ich sehe meine Nachbarin manchmal hier im Wald“, bemerkte Katja. „Sie ist total verrückt und geht auch bei Minusgraden joggen. Das ist ihr total egal. Vor zwei Wochen hat sie mir erzählt, dass sie drei Rehe gesehen hat. Die sind über den Feldweg gehuscht,“ sprach Katja.  „Ihr Bruder ist ein ehemaliger Heroin Junkie. Sie hat mir versprochen, meiner Mutter nicht zu sagen, dass ich hier im Wald bin. Sie sagt mir oft, dass ich immer zwischen Gut und Böse wählen kann. Sie erinnert mich daran, dass Gott alles sieht,“ erzählte Katja. „Einmal im Monat geben wir dem Obdachlosen vor dem Supermarkt etwas zu essen. Sie klingelt dann an unserer Haustür und nimmt mich mit in ihre Küche. Sie kocht Hühnchen und Reis. Das bekommt der arme Mann. Wir geben ihm oft auch noch Schokolade und Früchte. Sie sagte mir, dass sie mit dieser guten Tat die Dämonen von ihrem Bruder vertrieben hat,“ erzählte Katja. „Ich hätte sie gerne mit in die Glaskugel eingeladen. Aber dieser Ort ist nur für Jugendliche“, stellte Katja fest. 

„Ich habe auch einen netten Nachbarn, den hätte ich auch gerne hier“; bemerkte Ben. „Er steckt mir oft Milchsäurebakterien und Kohletabletten zu, wenn ich ihn im Treppenhaus treffe. Gegen die Parasiten sagt er dann. Er ist fest davon überzeugt, dass Parasiten Schwermetalle im Körper essen und wenn sie ihre Eier legen, dann sind das die sogenannten „Tumore“, die im menschlichen Körper zusammenkleben. Er hat mich auch schon mal gefragt, woher das Fleisch für die Burger von McDonalds kommt. Seine Antwort hatte er schon parat. Er ist ein ziemlich witziger Typ“, sagte Ben lachend. 

Jan schaute aus dem Fenster: „Es hat ziemlich viel geschneit. Vielleicht sollten wir jetzt alle lieber nach Hause gehen, bevor es wieder anfängt zu schneien.“ Die Jugendlichen hielten sich alle an den Händen und zwinkerten sich zu, bevor sie aufstanden und die Treppe runter kletterten.

Am nächsten Tag war die Glaskugel verschwunden. 

Und mit ihr auch die fünf Jugendlichen.




Kristin Jankowski ist Journalistin, Autorin und Muay Thai Trainerin. Sie hat mehrere Kinderbücher in Ägypten veröffentlicht und ein Theaterstück mit unterprivilegierten Jugendlichen auf die Bühne gebracht. Derzeit arbeitet sie in einem Berliner Frauengefängnis und in einem Frauenhaus als Fitness Coach. Die gebürtige Hamburgerin unterrichtet Kreatives Schreiben.

Sie ist Mutter von drei Töchtern. 






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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