kismet

Anna Maltschnig für #kkl61 „Aus der Glaskugel“




kismet
schaust du noch vorbei
oder wars das mit uns zwei?
vielleicht in einem andern leben?
sagst nicht „hallo“,
bleibst nur ein „halo“?




kikeri ki
der hahn tritt aus dem hühnerstall
und schreit lauthals „kikeriki“,
die allmachstfantasien (der menschen) enden wohl nie,
und bringen die menschheit früher oder später zu fall,
bei jedem morgenanbruch die gleiche frage:
mensch oder maschine,
emotions- vs. datenlawine,
gefühls- vs. faktenlage.
wer weiß schon, was die „ki“ langfristig mit uns macht,
wirft sie uns noch in einen dunklen gülleschacht?
„ai“ (artificial intelligence) schlägt „ei“ (emotional intelligence),
und legt sich dabei selbst ein ei,
am ende kriechen wir auf allen vieren,
auf den misthaufen unserer zeit,
– und was bleibt?




plus/minus
vierzig plus, chancen minus,
wie linus mit der schmusedecke,
bin ich dazu verdammt,
das geschehen nur noch vom bettrand aus zu betrachten,
als „digital unnative“ einfach ausrangiert,
vier gewinnt,
vierzig verliert.




von zugvögeln & zugmenschen
luft flimmert über den schornsteinen,
drüber fliegen vögel,
drüber noch ganz andere (vögel),
die sitzen in flugzeugen
und fliegen mit allerhand zeug,
hin und her, her und hin,
bis sie wieder zu boden sinken,
und (nach einem leben voll fliegerei) selbst aus schornsteinen rauchen.




luftschiffe, die eisberge rammen
so wie manche züge (beim anfahren) die gleise unter sich zum singen bringen,
so verhält es sich mit flugzeugen in anderen dingen,
manchmal, wenn eines die schallmauer durchbricht,
gibt es berstende töne von sich,
wie „luftschiffe“, deren buge unsichtbare eisberge rammen,
als zöge sich ihr stahl immer wieder auseinander und zusammen,
es knirscht, es krächzt, es knarrt, es ächzt,
die geräusche in meinem kopf hallen noch lange nach,
die gedanken an klangschiffe halten mich noch lange wach,
bis flugzeuge und lärm wieder hinter unsichtbaren schallwänden verschwinden
und passagiere am fensterplatz zum abschied winken.




annäherungsweise
ich bin alles, was ich bin,
ich bin alles, was ich an mir habe,
ich bin nicht dort, wo ich nicht hin soll,
und noch nicht dort wo ich hingehör.
aber mit jedem schritt,
geh ich mehr richtung mir selbst,
und fall mir hoffentlich irgendwann in die (eigenen) arme,
– dann bin ich endlich (bei mir) angekommen.




das leben, eine buchstabensuppe
das (eigene) leben ist doch eine (un)ordentliche anordnung von buchstaben,
die in einer mehr oder weniger klaren brühe, willenlos, herumschwimmen.
viele buchstaben hängen zufällig zusammen,
und ergeben trotzdem keinen sinn,
andere ergeben silben, worte,
– einen ganzen satzgewinn,
wie aus dem nichts legt sich ein schatten,
in form eines suppenlöffels über dich
und schöpft dich heraus,
und du weißt nicht:
wird dir geholfen
oder wirst du gegessen –
das bedeutet leben, in seinen grundfesten.




lieber mit wilder mähne auf der weide stehen
will mich nicht satteln,
mir kein zaumzeug fürs leben anlegen lassen,
wenn es mir nur zuckerbrot und peitsche verspricht,
dann lieber mit wilder mähne auf der weide stehen
und wilde möhren fressen …




ein tag, ein leben
einmal streift die sonne den schornstein von links,
einmal von rechts,
dazwischen liegt ein ganzer tag,
mit all seinen möglichkeiten
und unmöglichkeiten.




quo vadis? / ungeschönte wahrheit
alte finger, steifes becken,
sämtliche körperöffnungen, die beginnen zu lecken,
ein krummer rücken,
schief gewachsene, gelbe zähne,
es lichtet sich – die einst wallende mähne,
dafür wachsen stramme barthaare
an wange und doppelkinn,
gibt es dafür einen höheren sinn?
es knarzt an allen ecken und enden,
sie werden auch nicht gebärfähiger, die eigenen lenden,
– da hilft auch kein drehen und wenden.




über längs- und querstreifen
auf einem kleid mit längs,- bin ich der querstreifen,
andere balancieren am trapez,
ich spring durch brennende reifen,
während andere die welt begreifen,
schlitter ich auf 1000 seifen,
ecke an, wo weiche kanten sind,
schau zu den erwachsenen auf,
und bleib dabei selber stets kind,
– wo sind die unbeschwerten zeiten hin?




gräben voller hoffnung?
gräben voller hoffnung.
in einem krieg, den keiner wollte.
viele verlierer.
ein gewinner?
perforierte stammbäume.
entwurzelte menschen.
ausgestorbene strassen.
endzeitstimmung.
aussicht auf frieden?
candle in the wind.
elton john, wo bist du, wenn man dich braucht.
auch die prinzessin der herzen kann nicht helfen.
courage trägt neuerdings camouflage.
helden dieser zeit, wo seid ihr?
alles (elend) ist
nichts im vergleich zur chancenlosigkeit
eines ganzen volkes.




Anna Maltschnig, Jahrgang 1980, lebt in Wien. Annas Spezialgebiet sind treffsichere Wortspiele und Kurzgedichte. Deren Inhalte drehen sich um (Kontroll-)verlust, menschliches Scheitern und die emotionale Schwebelage dazwischen. Veröffentlichungen u.a. im Neolith, etcetera, & Radieschen und im Augustin.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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