Michael Eschmann für #kkl61 „Aus der Glaskugel“
No future in der Glaskugel!
No future – war das pessimistische Lebensgefühl der Punk-Bewegung in den Achtzigern Jahren des letzten Jahrhunderts. Dahinter steckte eine Art von Lebensunwilligkeit. Ein diffuses Gefühl an Lebensunlust, geprägt von einer noch diffuseren Lebensangst (vor der Zukunft). Inzwischen ist alles wieder gut, weil alles – zumindest die Punkbewegung betreffend – überstanden ist. Die Punks sind in Rente oder schlimmstenfalls sind einige auch bereits tot. Was nicht aber totzukriegen ist, ist die Neugier des Menschen bezüglich der eigenen Zukunft. Das fing schon in der Bibel an und lässt sich in allen Kulturen zu allen Zeiten nachweisen. Der Mensch möchte wissen, was ihm die Zukunft bringt. Oder einfacher ausgedrückt, was ihm im Leben noch „blüht“. Nur so lässt sich der ganze Firlefanz mit Horoskopen und Wahrsagern verstehen. Interessant an beiden ist, dass sie fast ausschließlich im konditionalen Sprachgebrauch sprechen, schreiben und werben. „Es könnte sein“ ist eine ständige Aussage, die alles andeutet und nichts konkretisiert. Denn sie beinhaltet schon automatisch auch deren Verneinung, dass eben auch alles so „nicht sein könnte“. Was dann jeweils zutreffen mag, entscheidet der „Kunde“ im späteren Rückblick und auch hier kann man eigentlich niemals falsch liegen, denn eine von diesen zwei Möglichkeiten wird immer stimmen. Und das Beste kommt auch hier – wie immer – stets zum Schluss: Man kann weder juristisch noch moralisch belangt werden. Denn man hat ja alles sehr vage ausgedrückt. Und egal was passiert, es passiert in etwa immer das, was erwähnt wurde. So gesehen haben Wahrsager eine hohe Trefferquote, die eigentlich immer irgendwie stimmt. Warum Menschen überhaupt die Zukunft kennen wollen, liegt in dem irrwitzigen Glauben, man könne dann dem Schicksal irgendwie entkommen, indem man etwas am eigenen Handeln bzw. Verhalten ändert. Ein Widerspruch in sich: Denn, entweder ist etwas determiniert und damit wäre es dann automatisch unveränderbar, oder es ist alles nicht determiniert und damit im Ablauf der Ereignisse stets „offen“ und damit eigentlich auch nicht vorhersehbar, geschweige denn veränderbar. Höchstens man blickt „professionell“ in eine Glaskugel und verkündet nun salbungsvoll, wie bereits beschrieben, von etwaigen Möglichkeiten die passieren könnten. Ist der Wahrsager klug, wählt er nur positive Varianten aus, um den Kunden nicht zu verprellen oder gar zu verärgern, denn niemand kommt gerne wieder, um sich für negative Weissagungen auch noch Geld abnehmen zu lassen. Deshalb sagen Handleser gerne: „Ich prophezeie nur Gutes. Über das Schlechte schweige ich.“ Das klingt gut und beruhigt immer.
Michael Eschmann, geboren 1958 in Mannheim. Er schreibt neben journalistischen Beiträgen über Literatur und Kunst auch Essays, Gedichte, Kurzgeschichten und Theaterstücke. *** Veröffentlichungen in Blogs, Online-Magazinen und Literaturzeitschriften. *** 2015 Veröffentlichung des Dramas: Dantons Tod in Weiterstadt. 2024 Veröffentlichung des Gedichtbandes: Tage kühl vom Regen umarmt (Verlag Moloko Print). *** Er betreibt in Groß-Gerau ein Versandantiquariat.
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