Christian Knieps für #kkl61 „Aus der Glaskugel“
Adrian
Es begann, wie solche Dinge fast immer beginnen, nämlich vollkommen unspektakulär und mit einer jener Nächte, die sich im Gedächtnis eines Menschen festsetzen, ohne dass er wüsste, warum gerade diese und nicht eine der tausend anderen, die wie glatt polierte Kieselsteine in der Zeit davor lagen, und doch war es in dieser Nacht – als Regen gegen die Dachfenster trommelte und der Wind das Labor in ein knarrendes Schiff auf bewegter See verwandelte – dass der Physiker Adrian Falk, ein Mann von unerschütterlicher Rationalität und zugleich anfälliger für gedankliche Abwege, als er je zugegeben hätte, den letzten Tropfen Geduld verlor und das Experiment veränderte, nicht viel, nur eine Nuance, eine mikroskopische Abweichung von seinem Protokoll, die später in keinem Bericht auftauchen würde, aber alles, wirklich alles in Bewegung setzte wie die winzige Unwucht eines Rades, die irgendwann einen Zug entgleisen lässt.
Denn Adrian, der seit Monaten an der Grenzzone zwischen theoretischer Physik und materialwissenschaftlicher Alchemie arbeitete – eine Zone, die die Universität ungern erwähnte und noch ungerner finanzierte –, hatte vor sich ein Glas, das kein gewöhnliches Glas war, sondern die Idee eines Glases, eine Art präliminäre Materie, deren atomare Struktur so instabil war, dass schon leichte Temperaturschwankungen die Bindungswinkel ihrer Moleküle in tänzelnde Unordnung brachten, und er hatte sich vorgenommen, daraus nichts Geringeres als ein Medium zu schaffen, das die lokale Raumzeit manipulieren könnte, nur in winzigem Maßstab, natürlich, vielleicht im Bereich einer Hundertstelmikrometer, aber immer noch groß genug, um die Fachjournale in helle Aufregung zu versetzen und die Kollegen aus den Nachbarinstituten atemlos in seinen Türrahmen stolpern zu lassen.
Nun war es aber so, dass Adrian, der trotz seines analytischen Verstandes ein Mensch mit Neigung zur Tagträumerei war, an diesem Abend ein wenig zu lange in die glimmende, halbflüssige Masse blickte, die im Reaktionsgefäß zirkulierte, und wahrscheinlich war es die Müdigkeit oder das Flimmern des Regenwassers auf der Scheibe oder das ferne Brummen der Stadt, das sich in sein Bewusstsein schlich, aber er hatte plötzlich das Bild einer Glaskugel vor Augen, einer jener kitschigen, runden Dinger, die man als Kind auf Weihnachtsmärkten bestaunte und die, wenn man sie schüttelte, die ganze kleine Welt darin in Schnee verwandelten, einen Schnee, der niemals schmolz und niemals schmutzig wurde, und genau in diesem Augenblick der sentimentalen Schwäche fiel ihm ein, dass er doch eigentlich das gleiche Prinzip anwenden könnte – nicht Schnee, sondern Gravitation, nicht Wassertröpfchen, sondern mikroskopisch verzerrte Raumzeit, eingeschlossen in einer perfekten, selbststabilisierenden Sphäre.
Es war eine Idee, die er unter normalen Umständen beiseitegeschoben hätte, aber diese Nacht war nicht normal, denn der Regen trommelte, der Wind knarrte, und Adrian war müde, so müde, dass er nicht bemerkte, wie die kleine Justierung, die er vornahm, das gesamte Gleichgewichtsmodell seiner Formel aushebelte und die Energieflüsse im Reaktor nicht mehr gleichmäßig zirkulierten, sondern sich ineinander verwickelten wie verirrte Fäden in einem Webstuhl, bis sie schließlich, als er gerade den Kopf hob, um das Fenster einen Spalt zu öffnen, in sich zusammenfielen.
Der Lichtblitz war nicht hell, eher ein gedämpftes Aufleuchten, als hätte jemand eine Glühbirne hinter dicken Vorhängen eingeschaltet, und als Adrian wieder hinblickte, sah er, unscheinbar und vollkommen lautlos, eine Kugel von der Größe einer Aprikose, schwebend über dem Reaktionsgefäß, vollkommen durchsichtig und doch so klar, dass man das Gefühl hatte, in ihr sei das Licht selbst konserviert worden, bevor es seinen Weg durch die Welt finden konnte.
Er wusste sofort, dass er etwas erschaffen hatte, das nicht hätte existieren dürfen.
Denn in der Kugel – und es dauerte nur wenige Sekunden, bis er es bemerkte –, verzerrten sich die Linien des Raums, nicht dramatisch, eher wie eine optische Täuschung, eine Art permanenter Trompe-l’Œil-Effekt; das Lineal, das er vorsichtig daran vorbeiführte, schien sich zu biegen, als würde es seine eigene Länge infrage stellen, und die Sekundenzeiger seiner Armbanduhr liefen schneller, dann langsamer, dann wieder schneller, als wären sie in ein Gespräch mit einer verwirrten Zeit geraten, die sich nicht mehr sicher war, in welche Richtung sie fließen sollte.
Doch das Erstaunlichste, das wirklich Unfassbare war, dass die Kugel nicht die Zukunft zeigte – wie jene in Märchen oder Jahrmarktsbuden –, sondern vielmehr das Prinzip der Vorhersagbarkeit selbst auflöste: Egal, was er tat, egal welche Messinstrumente er anbrachte, die Kugel widersetzte sich jeder quantifizierbaren Gesetzmäßigkeit, sie war ein Objekt, das die Regeln der Realität nicht beugte, sondern ihnen den Spiegel vorhielt und ihnen zuflüsterte, dass sie nicht mehr als provisorische Abmachungen waren, die das Universum mit sich selbst getroffen hatte.
Adrian, der sonst stets der Herr seiner Gedanken war, fühlte zum ersten Mal das Schwindeln jener Erkenntnis, dass manche Erfindungen nicht dazu da sind, verstanden zu werden, sondern uns daran zu erinnern, dass wir die Welt nur so lange für geordnet halten, wie niemand eine Glaskugel erschafft, die uns das Gegenteil beweist – und dass es manchmal genügt, eine einzige Nacht mit Regen und Erschöpfung zu verbinden, um die Schwerkraft selbst in Zweifel zu ziehen.
Christian Knieps, geb. 1980, lebt und arbeitet als Abteilungsleiter bei DHL Express in Bonn und schreibt Theaterstücke (veröffentlicht im adspecta Theaterverlag, Plausus Theaterverlag, meintheaterverlag und Ostfriesischer Theaterverlag), Kurzgeschichten (in einigen Zeitschriften wie Dreischneuß, experimenta, Litges… veröffentlicht) und Romane.
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