Brigitte Hieber für #kkl61 „Aus der Glaskugel“
Übergänge
sind hochsensibles Terrain. Zwischen Nichtmehr und Nochnicht.
Der schwankende Boden des Dazwischen will ausgehalten sein oder in seiner Zerbrechlichkeit angenommen.
Für die Natur sind Übergänge einfach Teil des Kreislaufes. Dämmerungen. Jahreswechsel. Ich liebe die Winterblätter, spiegeln sie doch genau dieses Paradox wider: Vergänglichkeit auf der einen Seite, sanfter Mut zum Dennoch auf der anderen. Dazwischen: Schönheit.
Neujahr
Jedes Jahr küre ich eines meiner geliebten Ahornblätter zu meinem „Neujahrsblatt“, das der vor mir liegenden Zeit vielleicht ein paar Geheimnisse entlockt. Im schneeigen Winterfunkeln entzündet es ein Leuchtfeuer und behauptet sich – eingerissen, zerfetzt, durchlöchert – als Visionär, der das Kommende hindurchscheinen lässt.

Diesmal ist es dieses unscheinbare blasse Blatt. Unentschlossen trudelt es zwischen den kahlen Zweigen, wie mein Kahn, der gerade ohne Kurs ins Ungewisse treibt. Doch das Blatt hat ein feines Stängelchen als Anker. Spinnennetzfadendünn soll es den Kahn halten. Ohne im Sturm der Elemente zu brechen. Doch vielleicht ist es stärker als angenommen.
„Sieh mich an. Meine Grenzen sind eisnadelbewehrt. Sie schützen mich im Wind, fangen das Licht ein und werfen es zurück. Ganz wie der Mond“, höre ich das Blatt wispern.
Ich bade im warmblauen Schneewasser des Mondes. Seine eigenwilligen Bahnen mein Kompass. Ich lichte den Anker.
Zwischen Winter und Frühling
Es ist Februar. Die Blätter vom Winter
verweht. Liegen auf der Erde.
Verrotten. Verschrumpeln in den Sträuchern.
Vergessen. So auch dieses Blatt. Es hängt fest.
Vielleicht keine Kraft mehr. Sein Blattkleid
verfranst. Die Adern noch stark. Sich abermals
verwirbeln beim Winterball? Denn noch ist
Winter. Noch tanzt das Blatt seinen Tanz des
Schwindens. Ohne Absicht, ohne Anspruch.
Weil es nicht etwas Anderes sein will,
als es ist.
Ich habe es entdeckt und schön
gefunden. Manchmal genügt
ein Blick.
Und der Frühling soll warten.

Brigitte Hieber studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie und war vor allem in der Erwachsenenbildung tätig. 2023 Ausbildung zur Schreibpädagogin. Heute lebt sie mit Mann und Katze auf dem Land im Schwäbischen Wald, liebt die Buchenblätter im Schnee – und schreibt.
Über ihr Schreiben sagt sie: Ich bin eine Forschende, gehe den Dingen gern auf den Grund, habe aber auch einen Hang zum Skurrilen und Wundersamen. Beim Schreiben sind mir Verdichtung, die Freiheit der Phantasie sowie Wahrhaftigkeit wichtig. Es kann auch sein, dass sich ein Augenzwinkern einschleicht.
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