Annegret Friedrichsen für #kkl6 „Zeitenwende“
Und wenn sie nicht gestorben sind …
Wenn man einmal nicht mehr in Siebenmeilenstiefeln
sondern auf tollgewordenen Rollern
über Berge und Wiesen
über Land, Wasser und durch die Lüfte saust,
wenn man sich dann das Blaue
vom Himmel herunterredet
und über den Kopf stülpt,
wenn man den Mond besucht,
weil die Erde zu verdreht und luftleer ist,
wenn man also über den Wolken
sonst was will und sich ansonsten
die Ohren zustopft,
wenn jeder blind jeden Müll
jedem anderen zuschiebt,
wenn man sich beim Anblick aller
Sternschnuppen etwas wünscht
und einem die Schuppen
immer noch nicht
von den Augen gefallen sind,
und einem die Sommergewässer ganz
schön bis zum Halse stehen,
und wenn Sonne und Staub einem
Blumen, Mund
Pflanzen und Nase
verbrannt hat,
und Lungen
und Bäume,
und einem langsam die Luft ausgeht,
dann –
ja, was dann …
Annegret Friedrichsen, geboren in Schleswig-Holstein bei Flensburg, lebt und arbeitet in Kopenhagen. Magistra Artium in allgemeiner und vergleichender Literaturwissenschaft, promovierte über Poesie im Sprachunterricht. Literaturwissenschaftliche Artikel in Zeitschriften und Anthologien. Gedichte in Anthologien und zwei eigene Gedichtbände: Atemrisse (1990), Meer im Ohr (elbaol verlag, 2017). Prosa: Die Porzellanfrau (Athena- Verlag, 2019, nach der Originalausgabe in dänischer Sprache von 2012). http://www.annegretfriedrichsen.dk
