Maria Anna Leenen für #kkl7 „Ursache und Wirkung“
Stadtpsalm
Ich schleiche.
Schaue still und leise durch den Spalt.
Lausche.
Sind endlich sie verstummt,
die lauten Steine?
Lässt der Asphalt das Ächzen?
Das Schrillen der Reifen – vorbei?
Das Kreischen der Bordsteine,
vermischt mit dem Gestöhn
gusseiserner Kanalgitterrahmen?
Das Knattern spitzschmetternder Absätze auf
grauer Gehwegplattenbahn,
erlahmte es, stockte das Hämmern,
verschwanden die Schreie?
Ah, kein Laut mehr, endlich kein Laut mehr zu hören,
die Stadt ist still.
Tonlos liegt sie da.
Verstummt ist das Meer aus grauem Gestein.
Und dunkelnd nun tropft es von oben herab.
Bedeckt die herrischen Mauern –
alles muss ihnen weichen sonst, alles, nur
Teerstraßenblut ist schwarz-zäher noch,
überquillt Grünfleckenoasen im Nu,
erstickt Grasspitzenkeim mitleidlos,
ohne Gnade erdrosseltes Leben.
Von oben her rieselt es sacht;
lautlos sich senkende Stille rinnt
klar kühl in jede Fuge des Seins.
Schweigen.
Kein Laut. Kein Geräusch.
Es öffnet mich weit,
sickert herein,
löst Schleier vom Grund
auf in samtenen Dunst.
Löst, klärt, kühlt.
Sinkt sanft durchdringend
ein in mein Inneres ganz.
Leicht wie ein Lichtpunkt im Waldschatten
lobt meine Seele Dich weit.
Maria Anna Leenen
aus: nachtstill geplündert
Gedichte aus drei Jahrzehnten
echter Verlag Würzburg 2016, 16 f.
