Am Fluss

Ellis Wessel für #kkl12″Dazwischen“




Am Fluss

Warum soll ich mir den ansehen? Wer ist das?

Das warst du, beim letzten Mal, als du unten warst. Erinnerst Du dich nicht?

Doch, jetzt, wo du es sagst, kommt er mir bekannt vor. Die Frau da, das ist, Moment, …

Doris. Mit der warst du 28 Jahre verheiratet. Zuletzt hast du allein mit ihr in dem großen Haus gewohnt. Ihr hattet einen Sohn, aber der ist in dieser Szene schon ausgezogen.

In dieser Szene? Du meinst, wir können die Vergangenheit anschauen?

So ist es. Das da ist der 10. Juni 2019. Pfingstmontag, 14 Uhr 23. Ihr wollt zusammen zu Doris´ Eltern fahren. Oder eigentlich will nur Doris fahren, und auch die nicht wirklich. Ihr müsst halt. Aber dir geht es schlecht.

Diese fahle Gesichtsfarbe. Und Schweißflecken in den Achseln. Scheußlich.

Schweißausbrüche sind typische Symptome eines Herzinfarkts. Du hast seit drei Minuten einen Beinahe-Gefäßverschluss, aber du weißt es noch nicht. Er wird aber schlimmer, weil sich das Gerinnsel im Blutstrom bewegt. Noch eine Minute 28 Sekunden, dann wird es sich querstellen und das Gefäß vollständig verschließen. Du wirst dir ans Herz greifen und in die Knie gehen. Dann wirst du auf dem Boden liegen und röcheln. Doris wird den Präsentkorb, den sie für ihre Eltern besorgt hat, vorsichtig abstellen – der teure Weinbrand! Von da an dauert es noch dreiundzwanzig Minuten siebzehn, bis der Notarzt deinen Tod feststellt.

Dann bin ich jetzt im Himmel?

Ja, so wird dieser Ort wohl genannt.

Ich will es nicht sehen. Können wir woanders hingehen?

Natürlich.

Woher weißt du das alles? Mit dem Blutgerinnsel, und das mit Doris und dem Weinbrand?

Ich weiß es einfach. Ich bin schon mehr als fünfzig Millionen Nummern hier. Wenn du so viele Nummern hinter dir gelassen haben wirst, wirst du auch vieles wissen.

Nummern? Was bedeutet das?

Wenn du gestorben bist, musst du im Tunnel eine Nummer ziehen. Die ist deine Fahrkarte für die Fähre, die dich hierherbringt. Hast du doch auch gemacht. Sonst würdest du doch nicht hier mit mir am Ufer stehen.

Du meinst diesen Zettel hier? Stimmt, da ist eine Nummer drauf. 7.168.140.684 – und was soll das?

Schau mal da oben hin. Siehst du die leuchtende Zahl?

Hm – 7.116.782.009. Nein, 010. 011. Geht ja schnell. Irgendwann kommt meine Nummer, richtig?

Genau. Aber schnell war mal. Das hier ist langsam. Bis du dran bist, vergehen mehr als 500 Erdtage, inzwischen sogar fast 600. Ich weiß von Zeiten, da war man kaum hier und – schwupps – wieder weg. Rein in den Tunnel, raus aus dem Tunnel. So sollte es auch sein. Jetzt hängt man hier am Fluss ab und wird faul und weise und lustlos. Viele sind richtig aufgebracht, vor allem, wenn sie zuletzt nur Nieten hatten. Gleich wieder verhungert sind oder an Seuchen eingegangen. Kindersoldaten. Kinderhuren. Undsoweiter. Und die Angst, dass man jetzt ewig wartet und dann wieder so eine Niete zieht.

Wir werden wiedergeboren?

Das ist der Sinn von allem.

Wo soll denn da der Sinn sein? Da unten sterbe ich gerade, und mit mir mein ganzes Wissen. Ich weiß alles über private Versicherungen, einfach alles! Und über Finanzierungen. Operate Leasing, Finance-Leasing, Full-pay-out-Leasing – frag´ mich, was du willst, ich weiß es, es ist mir alles wieder eingefallen! Und dann gehe ich durch diesen dämlichen Tunnel und werde Kindersoldat und kann nicht mal lesen und schreiben?

Wenn es schlecht läuft, ja. Aber lesen und schreiben neu lernen musst du sowieso. Du bist wie ein Arbeitsspeicher nach dem Neustart, ohne diesen ganzen Ballast, von dem in der Welt von morgen fast nichts mehr eine Rolle spielt; bereit, die Essenz des alten Wissens aufzunehmen und Neues darauf aufzubauen. Was Gutes, wenn die Umstände es erlauben. Du kannst was Tolles erfinden. Oder das Klima retten, was weiß ich, alles ist möglich. Und du hast einen neuen Körper mit einem Herzen, das nicht vom Infarkt geschwächt ist. Keine Säufernase. Kein verschwitztes Oberhemd. Keine Doris, die du sowieso nur noch aushältst, weil ihr gemeinsame Schulden habt.

Also ehrlich – da bleibe ich doch lieber hier am Fluss. Ist doch gut hier! Wir können reden und uns die Vergangenheit ansehen. Kann man Leute treffen, die man da unten kannte und die jetzt tot sind?

Nein, da achtet der Alte drauf, dass das nicht passiert. Man soll ja wieder runter wollen, sonst funktioniert das da unten nicht.

Der Alte? Du meinst – Gott?

So nennt er sich manchmal, weil ihm das Märchen, das sich die da unten zusammengereimt haben, gefällt. Ist gerade für die nächsten zehntausend Tage wiedergewählt worden. War aber knapp diesmal.

OK… ist ganz schön verwirrend hier oben. Geht das immer so weiter?

So lange das da unten weitergeht, schon.

Und wenn nicht?

Was dann passiert, weiß keiner.

Nicht mal Gott?

Nicht mal der.

Kannst du mir noch mehr zeigen?

Würde ich gern, aber ich muss langsam zum Anleger. Meine Nummer ist bald dran. Komm mit und hilf, die Neuen in Empfang zu nehmen.

Aber ich weiß doch gar nicht, was ich denen sagen soll.

Immerhin weißt du schon mehr als die. Und du bist nicht allein. Sieh dich um!

Oh.

Lass uns gehen.





  • Elke Schmidt-Wessel, Ökonomin und Erwachsenenbildnerin
  • 1955 im Rheinland geboren, jetzt überzeugte Norddeutsche
  • drei erwachsene Kinder, ein Mann, eine Katze
  • seit 1989 Autorin von Lehr- und Fachbüchern (BWL-Themen)
  • bis 2019 Leiterin der Volkshochschule Brunsbüttel, seither freiberufliche Autorin
  • seit etwa einem Jahr erste Gehversuche auf dem Feld der Belletristik
  • Mitglied der „Mörderischen Schwestern“
  • möchte unter Pseudonym „Ellis Wessel“ veröffentlicht werden

Der obige Text ist in einer Kurzfassung in der Anthologie zum Bubenreuther Schreibwettbewerb 2021 veröffentlicht worden.





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Veröffentlicht von kklkunstkulturliteratur

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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