Gerald Marten für #kkl25 „Raum“
Raumatisiert oder
Das gehäkelte Zimmer
Zu Gast auf dem Fachgymnasium Oldenburg.
Außer den üblichen Schulfächern wie Deutsch, Mathe, Englisch überschüttete uns
das Bildungsministerium, gut gemeint, auch noch mit Fächern wie Pädagogik,
Physik, Chemie oder auch Textillehre (Sozialwirtschaftlicher Zweig).
Textillehre, ein wahrhaft rätselhaftes Schulfach. Eine gestellte Aufgabe bestand
einmal in der häkelnden Anfertigung eines Topflappens, eines Topflappens,
schlecht für die zweite Hand, gut für meine Häkelkünste. Eine spätere stoffliche
Herausforderung bestand in der Nähung eines Rockes. Das war`s. Ende mit mir
und diesem verzwirnten Geheimfach.
Nach der 11.Klasse durften wir zwischen Textillehre und Ernährungslehre, einem
weiteren unnahbaren Geheimfach (was für ein Abitur sollte das denn werden?)
wählen. Wir entschieden uns, gezwungenermaßen, die Sozialwirtschaft sollte
gekocht und gehäkelt werden, etwa halbehalbe , ich wählte das essbare
Geheimfach, wählte in Wahrheit aber nur die mir zutiefst unsympathische
Textillehrerin ab. Und deren Rache, so meine Interpretation folgender
verhäkelter Ereignisse, folgte Jahre später.
Ich hatte das, übrigens grüne Häkelprodukt, stolz an meine Jugendzimmerwand
gleich neben dem Heizkörper geheftet, wo es Jahr um Jahr zunehmend und
unbeachtet verstaubte. Hätten wir doch bloß ein Staubtuch häkeln müssen.
Eines Morgens erwachte ich, erhob mich schläfrig aus dem Bett, kleidete mich
notdürftig an, als mein Blick gähnend auf den grünen Topflappen dort auf der
rot gestrichenen Raufasertapete gleich neben dem Heizkörper fiel.
Was war das?!
Handtuchgroß hing das einst handgroße, grüne Häkelprodukt an der Wand. Hatte
es sich all die Jahre, unbemerkt von mir des heftigen Lernens und allerlei
Sonstigem wegen, unermüdlich werkelnd selbst weiter gehäkelt? Mein
gerade glimpflich überstandener Albtraum riet mir zu dieser Auflösung jenes
textilen Phänomens.
Runter in die Wohnung, mein Zimmer lag außerhalb unterm Dach, Klotime
im Bad, vollständig anziehen, zwei Treppen wieder hinauf. Ich öffnete die
Zimmertür. Nein, tat ich nicht, ich versuchte es nur. Die Tür schien zu
klemmen! Ich stemmte mich dagegen, drückte sie mit der Schulter stückweise
auf. Als würde sich im Zimmer etwas gegen mein Eindringen zur Wehr
setzen.
Wie bitte?! ICH drang ein?! Na warte!
Ich folgte der halb geöffneten Tür wütend ins Zimmer. Befand ich mich denn
immer noch im Albtraum der letzten Nacht?
Das Zimmer war Grün zugehäkelt! Wände, Mobiliar, der ganze Raum
durchwoben von einem spinnennetzartigen, gehäkelten Maschengewirr.
Ja selbst die Bettwäsche, ich welcher ich grad noch schlief, lag zerzaust
in groben, grünen Maschen auf dem Topflappenbett.
War das die verspätete Rache der Textillehrerin, weil ich vor unendlich
vielen Jahren ihr vernähtes Geheimfach zugunsten des nicht minder
geheimnisvollen Ernährungslehrefaches abwählte?
Derartig spöttelnd betrat ich das Zimmer – und wurde selbst verhäkelt.
Hatte ich tatsächlich etwas Anderes erwartet?
So Obacht, ihr Topflappenhäkler. Jedes Leben hat seine tückischen
Maschen. Und schon ist man hilflos, ratlos und schuldlos in irgendwas
verstrickt – oder verhäkelt.
Gerald Marten, Jg.1955, lebt in Oldenburg in Holstein/Ostsee,
jedoch längst nicht mehr in jenem verhäkelten Zimmer. Er
verlor den Kampf gegen den Topflappen, konnte aber gerade
noch entfliehen und nur deshalb im späteren Verlauf seines
Lebens so manchen Text veröffentlichen.
Über #kkl HIER
