Gabriel Gavran für #kkl31 „Orientierung“
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Ich dachte oft an den Tod in letzter Zeit. Es geschah ganz spontan. Die Sonne schien, ich saß auf einer Bank und reflektierte über mein Leben. Single, gesund und nächstes Jahr 30. Ich werde älter, ging mir durch den Kopf. Danach konnte ich mein Gehirn nicht mehr abschalten. Die Gedanken an mein Lebensende nahmen mehr und mehr Platz in meinem Alltag ein. Jede Pause, jede Busfahrt, jeder ruhige Moment vor dem Schlafengehen führte darauf zurück. Es schmerzte in der Brust, daran zu denken. Mich überkam eine Panik oder eine Verzweiflung, so genau konnte ich es nicht benennen, wenn ich an das dachte, was nach dem Tod auf mich wartete. Zuvor schien alles in Ordnung. Solider Masterabschluss, guter Freundeskreis, hier und dort liebevolle Romanzen. Ich lächelte viel, war glücklich und meine Begeisterung für die Malerei erfüllte mich. Jede unbefleckte Leinwand war mit einer Vorfreude verbunden, weil man etwas erschaffen konnte. Jetzt schaute ich die Pinsel nicht einmal mehr an.
Ich hinterfragte alles. Die Menschen in meinem Leben, meine Handlungen und meine bevorstehende Zukunft. Die Richtung, die ich eingeschlagen hatte, erschien mir plötzlich fehlerhaft. Was wenn ich kein ausreichend talentierter Maler war? Was wenn alle meine Mühen umsonst waren? Solche Fragen wurden nun lauter in meinem Kopf. Ich konnte jetzt nicht mehr zurück an Anfang. Der Pfad vor mir wirkte nun so erschöpft und leer. War ich zu alt für einen Neuanfang? Brauchte ich einen Neuanfang? Wenn all meine Bemühungen zu nichts führen, würde ich ziellos auf einem Meer von Optionen umhertreiben, die für mich nicht erreichbar waren. Ich fragte mich jede Nacht im Bett, ob die Richtung, die ich in meinem Leben eingeschlagen hatte, doch nur ein orientierungsloses Herumirren war. Alles, was ich tat, kam mir vor, als würde ich mein Leben verschwenden. Ein Gedanke im Park brachte mich aus der Bahn. Seitdem bewegte ich mich nicht mehr vorwärts. Eine Karte, die mir sagte, wo ich weitergehen sollte, gab es nicht. Meine gesamte Hingabe für die Kunst als Lebensinhalt sah auf einmal so zerbrechlich aus und nicht wie der Anker, auf den ich mich verlassen konnte. Ich zweifelte immer weiter an mir, an meine Handlungen und an meine Zukunft. Diese Angst, am Ende meines Lebens unglücklich zu sein, manifestierte sich in mir. Plötzlich wirkte alles vorherige belanglos.
Ich verfluchte den Tod. Wieso konnte ich nicht unsterblich sein? Ich hätte Raum für Fehler, Raum, um den wahren Inhalt für sein Leben zu finden. Es gäbe Möglichkeiten für Neuanfänge, ohne sein Potential verschwendet zu haben. Nichts könnte jemanden limitieren. Aber jetzt verabscheute ich denjenigen, der es für schlau hielt, dass ein Teenager entscheiden musste, was er den Rest seines Lebens machte. Was wenn man den falschen Weg aussucht und dabei verloren geht? Die Zeit ging vorüber und dieser eine Fehler raubte dir alles, was du hättest sein können. Ich bekam mehr und mehr Angst.
„Hey, kann ich dich um einen Rat bitten?“, fragte ich sie.
„Klar kannst du das.“, sagte sie. Ich erzählte ihr von den letzten Wochen, erzählte ihr von den Todesgedanken, die auch nicht in ihrer Anwesenheit verschwinden wollten, erzählte ihr, dass ich seitdem her nicht mehr malte. Sie hörte mir zu. Als sie mich am Vormittag anrief und ein Treffen vorschlug, war ich ihr dankbar.
„Was würdest du an meiner Stelle tun?“, fragte ich sie. Sie zuckte mit den Schultern und sagte: „Nichts. Ich würde darüber nicht weiter nachdenken. Bringt ja nichts.“
„Wie kann ich darüber nicht nachdenken?“
„Mach einfach so weiter und schau, dass du gut darin bist. Wenn der Weg nicht richtig ist, mach ihn für dich richtig. Mehr kannst du dagegen nicht machen“, antwortete sie. Wir saßen in einem neueröffneten Café in der Maxstraße. Der Sonntag war sommerlich warm und die Innenstadt Augsburgs überfüllt. Sie aß einen Kuchen zum Cappuccino und ich trank nur einen Tee. Süßes war für sie essentiell zum Kaffee, hatte sie gemeint. Ich trank keinen Kaffee und konnte ihre Vorliebe nicht nachvollziehen.
„Was würdest du tun, wenn du unsterblich wärst?“, fragte ich sie, nachdem sie ihren Käse-Mohn-Kuchen fertig gegessen hatte. Sie dachte einen Moment darüber nach.
„Naja. Irgendwie alles. Die Welt bereisen und alle Sprachen lernen. Ich wäre dann eine Zeit lang Schriftstellerin, dann für ein Jahrhundert Rockstar, danach Ärztin und vielleicht auch Wissenschaftlerin.“, sagte sie und schmunzelte dabei.
„Und du?“, fragte sie. Ich trank von meinem Tee. Die Frage hatte ich noch nie zu Ende gedacht. Und in der nächsten Minute stellte ich mir vor, wie es wäre unsterblich zu sein. Es gäbe einen unendlich großen Raum für Fehler. Ich könnte alles werden, worauf ich Lust hätte. Die Orientierung für meinen Lebensweg würde ich nicht verlieren, weil ich für alles Zeit hätte. Ich könnte jeden Weg gehen. Jede Entscheidung wäre nicht endgültig. Alle Menschen, die ich liebte, müsste ich sterben sehen. Als mir das durch den Kopf ging, kam mir der Wunsch nach Unsterblichkeit wie eine Qual vor. Ich verspürte eine andere Art von Verzweiflung, die weitaus grauenvoller war. Ich führte meine Gedanken weiter. Irgendwann gäbe es kein Sonnenlicht mehr und ich wäre der letzte Mensch auf Erden. Ich würde sehen, wie die Sonne implodiert und die Erde von einem schwarzen Loch absorbiert wird. Ich begriff, dass es für Unsterblichkeit nur einen Weg gab: Ohne Richtung im All treiben, um eine Ewigkeit in Einsamkeit zu verbringen. Und plötzlich erschien mir alles, was ich jetzt dachte und vor mir hatte, vollkommen absurd. Leben ohne Ende, wer zum Teufel will das denn? Im Hinblick auf den Kosmos würde mein Lebensweg nichts bedeuten. Musste er denn auch so bedeutend sein? So wie es gewesen war, hatte es mich doch erfüllt. Ich fand diesen Gedankengang plötzlich befreiend, statt angsteinflößend. Ich stellte mir vor, dass ich die unendliche Zeit für jeden erdenklichen Weg hatte. Und ich begriff, dass alles auf Einsamkeit herauslief. Ein Meer der Optionen, das nur dazu führte, dass man daran ertrank. Das ganze Kopfzerbrechen der letzten Wochen war unnötig gewesen. Ich sah sie an. Jetzt wusste ich, was sie mit ‚nicht darüber nachdenken‘ meinte. Ich selbst machte mir meinen Pfad erst fehlerhaft, weil ich aus dem Überdenken nicht mehr herauswollte. Ein normales Leben reichte für allesvollkommen aus.
„Du denkst viel zu lange darüber nach.“, sagte sie und riss mich aus meinem Grübeln heraus.
„Sorry.“
„Deine Antwort?“, fragte sie
„Ich würde malen.“, sagte ich.
„Bis du berühmt wirst?“, fragte sie.
„Bis alles aufhören würde.“, antwortete ich und sie lächelte.
„Das ist die seltsamste Unterhaltung, die ich bei einem Date geführt habe.“, meinte sie und lachte.
„Same. Ich höre einfach auf, darüber nachzudenken. Danke dafür.“
Sie lächelte. Ich freute mich auf meine leere Leinwand im Atelier.
Gabriel Gavran, 1994 in Zagreb geboren und in Aalen aufgewachsen studiert in Augsburg den Masterstudiengang Germanistik. 2013 absolvierte er sein Abitur in Aalen. Gavran brach sein Lehramtstudium 2020 ab und widmete sich danach seiner Leidenschaft: die neue deutsche Literatur. 2021 absolvierte Gavran den Bachelor of Arts in Germanistik. Die Begeisterung für die Werke von Hesse, Murakami, Mishima und Bukowski schöpfte ein Verlangen in ihm, selbst Geschichten zu kreieren. Inspiration findet er in Film, Gemälden und Musik, aber auch Ereignisse aus dem eigenen Leben definieren seine Texte. Gavran publizierte 2023 seine Kurzgeschichte „Sonnenbaden und Mondschein“ im online Magazin ‚schaiunsblau‘. Außerdem war Gavran Teil der bayerischen Akademie des Schreiben 2023 und wurde von der Autorin Paula Fürstenberg und Lektor/Verleger Tillmann Severin mentoriert. Von einem Traum angetrieben, mit seinen Werken und zukünftigen Ideen in der Literatur einen prägenden Fußabdruck zu hinterlassen, widmet er sich dem Erstellen von einzigartigen Texten.
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