Erich Romberg für #kkl31 „Orientierung“
Der Aufbruch
Als Erek R. am Morgen des 14. Februars früher als gewöhnlich erwachte, spürte er gleich, dass etwas anders war als sonst. Er spürte nicht die morgendliche Trägheit, und seine Gedanken kreisten nicht um den beginnenden Tag. Er fühlte sich leicht, und alles Geschehen, das gestern noch sein Herz beschwerte, schien nicht mehr von dieser Welt. Kaum erinnerte er sich an das, was gestern war, und auch die Zukunft schien, keine Zeit mehr zu haben. Gewichen war die Ruhelosigkeit, die ihn wieder einmal zwingen wollte, das ruhige Fahrwasser zu verlassen. Ohne Mühe verließ Erek sein Bett, im Wohnzimmer deuten gepackte Koffer auf den geplanten Aufbruch. Eine halbe Flasche Crested Ten auf dem Tisch lässt seine Erinnerung kurz aufflackern. Doch gestern wusste er noch nichts von der Endgültigkeit des Abschieds. Aufbruch war für Erek an sich nichts Ungewöhnliches, selten hielt er es länger als 8 Jahre irgendwo aus. Dabei hatte er sich nach jedem Ortswechsel gesagt, dass er dieses Mal ganz bestimmt seine Heimat gefunden habe, ja, er sehnte sich nach Endgültigkeit. Er beneidete die, die sich in jungen Jahren irgendwo niederlassen und bis zu ihrem Lebensende am gleichen Ort verweilen. Das muss der Himmel sein, und ein Stück dieses Himmels erreichte auch ihn nach jedem Ortswechsel. Er richtete sich ein wie jemand, der seinen Lebensabend an diesem Ort verbringen möchte. Er nahm sich eine Frau, die er bis ans Ende seiner Tage lieben wollte. Es fiel ihm niemals schwer, an einem neuen Orte neue Freunde zu finden. Dann ist der Himmel plötzlich wieder grau. Wie ein Schuldner, der jemandem eine größere Summe Geld schuldet, brachte sich die Ungeduld wieder in Erinnerung. Anfangs konnte Erek sie noch zähmen, indem er reiste. Er knüpfte Geschäftsbeziehungen, die möglichst weit entfernt lagen. Damit konnte er sich sehr gut selbst betrügen, folgt daraus doch die Notwendigkeit zum Reisen. Seine Reisen wurden immer zahlreicher, und bald empfindet er nur noch Glücksmomente, wenn er unterwegs war. Er liebte es, fremde Menschen vorüber ziehen zu sehen, hatte ein voyeuristisches Vergnügen daran, den Geschichten fremder Familien zu lauschen, machte sich Gedanken darüber, wie diese leben. Nur eines war wichtig, er musste außen vor bleiben, niemand durfte etwas von ihm wollen. Deshalb liebte er diese Reisen, niemand wusste, wer er war, und alle ließen ihn in Ruhe. Es störte ihn schon, wenn er direkt angesprochen wurde, doch das war eher selten. Er reiste auch nur zu Orten an denen er sicher sein konnte, keine Bekannten zu treffen.
Bald reichte das Reisen nicht mehr. Das Bewusstsein, an einen Ort zurückzukehren, an dem man ihn kannte, schien ihm zunehmend unerträglich. Erek war sehr hilfsbereit, doch er hasste es, wenn seine Hilfe angenommen wurde, nicht gleich, aber nach einer Weile. Hilfsbereitschaft spricht sich herum und bald gab es viele, die von seiner Hilfsbereitschaft Gebrauch machten. Zunehmend fühlte er sich dann verfolgt von Hilfesuchenden. Er konnte nicht nein sagen, wie andere es können. Er hatte nicht die geschickte Art wie andere, die sich jede Hilfsbereitschaft vom Halse halten und denen es niemand übelnahm. Wenn Erek nein sagte, so fiel es schroff aus. Ereks Absagen waren die eines Mannes, der um sein blankes Überleben kämpft. Er fühlte sich verfolgt und erdrückt von denjenigen, die etwas von ihm wollten. Als Ausweg blieb dann nur die Flucht, weg von diesem Ort, der einmal sein Himmel werden sollte, weg von der Frau, die er auf ewig lieben wollte. Erek schaute nie zurück. Er war froh, allem entkommen zu sein, seine Freunde vergessen zu können. An seine Frau erinnerte er sich gelegentlich. Kinder hatten in sein fluchtbestimmtes Leben nie gepasst. Vielleicht hatte er Angst davor, dass Kinder etwas von ihm wollen könnten. Nicht, dass er keine Kinder gewollt hätte. Jedes Mal, wenn er sich neu einrichtete und eine Lebensgefährtin gefunden hatte, die er auf ewig lieben wollte, kam sein natürlicher Wunsch nach Kindern. Durch seine Kinder würde er zur Ruhe kommen. Er stellte sich vor, wie er seine Kinder lieben würde. Endlich würde er seine Hilfe geben können, ohne sich ausgenutzt zu fühlen. Allen anderen, die etwas von ihm wollten, könnte er freundlich nein sagen, denn seine Kinder gingen vor. Ja, Kinder würden sein Stück Himmel bewahren können, er würde nicht mehr flüchten müssen. Doch es kam jedes Mal anders. Es gab immer Gründe, äußerliche Zwänge, Kinder nicht, noch nicht gleich, in die Welt zu setzen. Dann wollte es nicht mehr gelingen. Erek vergrub sich in Arbeit oder beschäftigte sich sonst irgendwie, damit man ihn in Ruhe ließ. Schließlich musste er wieder flüchten. Vor der Frau, die er ewig lieben wollte, vor der Karriere, vor den Hilfesuchenden. Am Ende stellte er sich vor, wie gut es war, keine Kinder in die Welt gesetzt zu haben.
Dieses Mal war alles anders. Die Koffer waren gepackt, doch Erek wollte nicht mehr flüchten. Am Küchentisch saß seine Frau, die er heute verlassen wollte, sie schluchzte still vor sich hin. Sie konnte einem schon leidtun, die Arme, doch Erek spürte kein Leid. Gewichen waren jede Unruhe und jedes Gefühl. Alles war, wie es war, ewig und unveränderlich. Nie hatte seine Flucht etwas gebracht, es kam alles wieder, wie es kommen musste, ewig und unveränderlich. Erek begriff, dass er sich überallhin mitgenommen hatte. Er wusste, dass er keine Kinder mehr haben würde, aber es war jetzt gleichgültig, spielte einfach keine Rolle mehr. Erek verließ das Haus. Ein Nachbar fegte Schnee, denn es hatte über Nacht geschneit. Erek ging vorüber und spürte nicht den Frost, der in diesem Morgen lag.
Erek ging in den nahen gelegenen Stadtpark und setzte sich auf eine Bank. Auf dieser Bank lag ein erfrorener Penner, die Zeitung hatte ihn vor dem Frost dieser Nacht nicht schützen können. Ein weiß scheinender Mann saß neben der Leiche.
„Alles ist so friedlich“, sagte der Mann, und Erek verstand.
„Das Leben war eine Qual“, fuhr der Mann fort, „doch nun ist es überstanden. Es hätte alles viel früher geschehen können, aber welche Rolle spielt schon die Zeit. Welche Qualen hat diese Hülle erleiden müssen, es war einst ein stolzer Körper mit einem stolzen Geist. Beides ist am Stolz zerbrochen, welch seltsame Kreaturen doch die Menschen sind. In guten Tagen wollen sie ewig leben, und sie vergessen dabei ihre Vergänglichkeit. In späten Tagen schleppen sie ihre Vergänglichkeit als Last. Dennoch wollen sie, selbst unter dieser Bürde, ewig leben. Jener Körper hat die Last seiner Vergänglichkeit vergessen, so wie die Zeit ihn vergessen hat. Alle sind sie gleich, sie fliehen ihrer Vergänglichkeit.“
Erek konnte nicht widersprechen, denn er hatte es nicht besser gemacht. Er wusste es jetzt aber besser, er kannte nun den Weg, um sich von allen Bürden zu befreien. Den richtigen Weg zu wissen, heißt aber noch nicht ihn zu gehen. Seine Flucht war zu Ende, ohne dass er jenen Weg je gegangen wäre. Er ist nun dort, wo es kein Gedenken gibt, am Anfang der Zeit.
Erich Romberg wurde 1950 in Nordrhein-Westfalen geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Er ist Diplom Physiker und hat in seinem Berufsleben an der Ruhruniversität Bochum zunächst als Plasmaphysiker in der Kernfusionsforschung gearbeitet. Später führte er ein Ingenieurbüro für Umwelttechnik in Bochum und war Fachgutachter für Immissions- und Klimaschutz. Er leitete Windkanalversuche zur Ausbreitung von Schadstoffen an Straßen und simulierte lokalklimatische Auswirkungen von Gewerbebebauung in Frischluftschneisen in einem selbstentwickelten Klimakanal.
Zum Beginn des letzten Jahrzehnts des 20 Jahrhunderts verlegte er seinen Wohnsitz in den irischen Westen nach Kiltimagh. Wegen der unmittelbaren Nähe zum internationalen Flughafen in Knock konnte er weiterhin Forschungs- und Gutachterprojekte für Deutschland abwickeln. Er kehrte 2003 nach Deutschland zurück und beendete 2005 endgültig seine Gutachterlaufbahn.
In Irland fand er Muße und Gelegenheit zum Schreiben von Erzählungen, Kurzgeschichten und Lyrik.
Heute lebt der Autor in Sachsen-Anhalt auf dem Lande mit seiner Frau und seinem minderjährigen Sohn.
Der Autor hat, bis auf ein paar kleineren Lyriktexten in Anthologien, bisher noch keine Veröffentlichungen, sucht aber seit Kurzem einen Verlag für sein fertiggestelltes Buch mit dem Arbeitstitel: Geschichten, ERZÄHLT AN IRISCHEN TORFFEUERN
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