Das geniale Verfallsdatum

Anita Lang für #kkl32 „Keime des Sinnvollen“




Der Tod ist der Genius der Philosophie.
Arthur Schopenhauer

Das geniale Verfallsdatum

Sie versucht mich anzulächeln. Doch es gelingt ihr nicht. Meine Prinzessin möchte faltenfrei sein und bleiben. Wieviel Füllmasse könnte das gewesen sein? Eine Spritze mit hundert Milliliter etwa, oder die Hälfte. Fünfzig in jeder Gesichtshälfte. Sicher farblos. Das wäre vielleicht ein Schimmer auf den Wangen, sollte die Substanz grün gewesen sein. Die Konsistenz von dem hätte ich auch gerne gesehen. Zahnpasta ist zu dick, Wackelpudding wäre der Haut ähnlich, am wahrscheinlichsten ist sie geleeartig.

„Ich bin vielleicht geschlaucht“, sagt sie und bläst demonstrativ die Luft aus ihren Backen. Dann lässt sie sich im Wohnzimmer aufs Sofa fallen.

„Lass es dir gut gehen, Darling“, sage ich. „Soll ich dir vom Butler einen Kaffee bringen lassen?“ Valentina ist eingeschlafen. Ich hole die Überwurfdecke aus dem Schlafzimmer im ersten Stock. Ich decke sie bis an die Schultern zu. Keine Regung in ihrem Gesicht. Sie atmet mit halb offenem Mund. Ihr kindliches Gesicht, als gäbe es keine Jahreszahlen. Eine gebleichte Haarsträhne umspielt ihre wohlgeformten Ohren. Also ich könnte mir kein Plastik oder wie immer Synthetisches auch genannt wird, einspritzen lassen. Mein schlechtes Gewissen der Natur gegenüber. Die Angst, es könnte nicht folgenlos ausgehen. Die mächtige Natur könnte sich rächen. Mit allem, was der Mensch noch nicht herausgefunden hat. Was wissenschaftlich noch im Verborgenen ruhen mag.

Wo ist noch geschwind die Fernbedienung? Die Vorhänge sind zugezogen. Kombiniere, es ist Abend. Jemand hat mich zugedeckt. Ahja, die Fernbedienung, in dem schmalen Pult unter der Tischplatte. Gleich beginnt meine Lieblingsserie. „Soaps“ sagen alle. Was soll schlimm daran sein? Alles wunderschöne Leute, die einen lustigen Tag verbringen wollen. Auf ihr Äußeres achten, Probleme vermeiden. Lachsalven im Background, nach einigen Minuten everything sounds happy. Lacey muss ins Krankenhaus. Das gebe ich mir nicht. Einige Klicks weiter das Workout mit Barry. Weiter zum nächsten Chanel. „Sweethearts“, da gehen sie zur Party. O my goodness, sind die out. Das geht gar nicht mit dem Kasack, den Tracy gerade anlegt. Das Styling von Mimi, naja. Snapshot von mir auf der Couch. Sogar nach dem Powernapping sehe ich besser aus. Ein winziges Knitterfältchen neben dem Ohr, das löst sich auf. Mimi ist schwanger und fragt sich, ob sie das Kind behalten soll. Ihr Freund quasselt ihr die Ohren voll. Kein Thema für mich. Kann ich mir nicht einmal im Traum vorstellen. Ein aufgeblähter Bauch, rissige Hautstellen. Und dann muss ja das Kind irgendwie ins Freie. Tut super weh, das weiß jeder. Sollen sich das doch die Anderen antun. Es würde alles zunichte machen. Die ganzen Mühen mit Cremes, mit Workouts, mit der Arbeit an meinem Auftreten. Ich erfinde mich quasi ständig neu. Ein neues Makeup, ein cooles Fingernägeldesign. Kleine Schwäne in rosa, ultracool das. Ich darf nur nicht müde werden, muss dranbleiben. Neue Looks entdecken, die angesagtesten Hairstyles ausprobieren. Wie meine Stylistin vorschlug, sollte ich einen Primer verwenden. Bringt das Augenmakeup zur Geltung. Additional mein Haar transformieren, spätestens zu Clydes Birthdayparty. Ein Festessen de luxe, eine Valentina de luxe. Unlängst sah ich Strasssteine um die untere Augenpartie in einer Illustrierten. Tränen, die wie Brillanten glitzern. Ich sage immer Clyde zu ihm. Wegen seiner Jokes zu Bonnie and Clyde. Das amüsiert ihn. Er ist helle, trägt zwei Vornamen und stammt von Grafen ab. 

„Wie geht es dir, Darling“, fragt er, wie selbstverständlich. Keine Antwort, sie winkt ab, sieht wie gebannt auf den Bildschirm. Wie durch eine Taucherbrille, findet er. Outfit, Kosmetik, Gesichter, die sich ähneln wie ein Ei dem anderen. Sie grüßen sich kreischend, halten sich an den Schultern und hüpfen gemeinsam. Seifenopern eben. Valentina blüht auf, wenn ihre Serie läuft. Dann fühlt sie sich doppelt attraktiv und wähnt sich im Schoße ihrer Familie. ‚Meine Fresse, sind die alle nett. Es sei denn, sie kommandieren ihre Bediensteten herum. Was machen die nur mit ihrer Sendezeit? Sie haben doch völlige Handlungsfreiheit. Das muss doch nicht sein, diese honigsüßen Stereotypen. ‘

„Ich bin oben, falls du mich suchen solltest.“ Keine Antwort, sie lacht gerade und wischt sich die Augen. Sie fürchtet sich vor jeglichem Anzeichen des Alters. Noch ist sie jung, sie fürchtet sich vor dem Tod. Penibel plant sie ihr Schönheitsprogramm. „Alterslos schön, ewige Jugend“, der Traum der Menschheit. Ausgeklügelte Kosmetik, geplante Schönheits-OPs. Clyde bezahlt den ganzen Aufwand, wie selbstverständlich.

Kann sein, dass es eine Person umso härter trifft, wenn sie aus einer behüteten Welt kommt. Aus der eigens für Prinzessinnen inszenierten Fernsehserie. Die heile Welt verspricht einen sonnigen Start in den Tag. Zwei vom Küchenpersonal haben das Frühstücksbuffet aufgebaut. Schinken und Käsevarianten, Spiegeleier, Tomaten, diverse Gemüse. Orangenjuice und Müsli.

„Ich geh dann jetzt, wenn sie mich nicht mehr brauchen“, sagt die ältere Dame betont freundlich. 

„Wer das alles essen soll“, reklamiert Clyde, während Valentina mit hochgezogenen Schultern in ihrem Birchermüsli umrührt. Sie sitzen einander gegenüber an ihrem Küchenblock. Mittig von der Decke senkt sich, gleich einer konischen Haube, der dekorative Dunstabzug herab. Der Kaffeebecher, auf dem sich zwei ineinander verschränkte, purpurne Herzen befinden, bringt die Steinplatte zum Klingen.

„Räumen sie das dann ab“, befiehlt Valentina, ohne von ihrem Müsli aufzusehen. Ein Schatten fällt. Ein Gesicht landet in der Speiseplatte. Matsch spritzt zur Seite. Tomaten kullern. Ein zerzaustes Haarbüschel, auf dessen gegenüber liegender Seite jemand atmen sollte. Clyde ist aufgesprungen und hebt die Dame aus dem Speisebrei. Ihre Augen sind geschlossen, ihr Kopf ist zur Seite gekippt.

„Ruf den Butler“, sagt er aufgeregt. „Schnell, worauf wartest du?“ Valentina sitzt da, mit aufgerissenen Augen. Ein paar Sekunden später nickt sie und klingelt. Clyde geht in die Hocke und legt den Körper der Frau auf den Küchenboden. Von unten her sieht er Valentina an.

„Was? Was? Was können wir tun?“

Sie springt auf, schnappt ihren Sitzpolster und legt ihn der Küchenhilfe unter den Kopf.

„Ruf Hilfe! Wo bleibt der Butler?“

„Er hat heute frei. Samstags, soviel ich weiß.“

„Ahja, naja. Schnell, mein Handy. Da. Da.“ Valentina hält ihr Ohr an den Mund der Regungslosen. Sie atmet. Ganz leicht, doch sie atmet.

„Sie atmet“, sagt sie. Clyde meldet eine Person ohnmächtig. Ihre Küchenhilfe, Alter müssten sie nachsehen. Keine Vorerkrankungen bekannt.

„Er will wissen, wie sie heißt!“ „Valentina, wie heißt unsere Hilfe?“

„Das weiß der Butler. Sie ist neu, ich meine, ziemlich neu.“

„Ich will nicht wissen, wann ihr Arbeitsverhältnis begann, sondern…“

„… Ingrid, glaube ich. Sag unsere Adresse. Die Rettung soll kommen.“

„Sind unterwegs.“ Clyde wischt Ingrid mit einer Serviette trocken.

„Wo bleiben die denn“, kreischt Valentina und läuft zur Tür.

„Die fahren, das braucht seine Zeit. Beruhige dich doch, Darling!“

Meine Prinzessin ist auf ihr geliebtes Wohnzimmersofa gesunken. Sie zittert. Wie eine dieser altertümlichen Statuen sitzt sie, die Handflächen auf ihren Oberschenkeln. Vollendet gemeißelt, nichts bröckelt ab. Ihre Soap läuft, doch sie bekommt nichts davon mit. Seit sie Ingrid abtransportiert haben, verhält sie sich so.

„Wahrscheinlich Schlaganfall“, hat der Notarzt diagnostiziert. Ingrid sieht ganz anders aus. Sie hat etwas größere Ohren und eine schmale Nase, die schräg in ihrem Gesicht steht. Ihre Augenfarbe ist braun und kam kurz zum Vorschein, als der Sanitäter ihr Augenlid anhob.

„Valentina, möchtest du einen Drink?“

„Ja, danke Liebster. Und dreh doch bitte den Fernseher ab.“ Ich mache Glühwein. Bis der Butler eintrifft, müssen wir selbst zurechtkommen.

„Glaubst du, sie überlebt?“

„Sicher. Sie ist bestens versorgt. Hat gleich Hilfe bekommen.“

„Wir sind lausige Sanitäter“, sagt sie. „Nicht einmal Wiederbeatmung können wir.“

„Sie hat geatmet, Darling“, sage ich. „Wir haben sofort den Rettungswagen gerufen. Also alles Nötige in die Wege geleitet.“

Nach dem „Was wir tun hätten können“ kam die Begebenheit in Bildern zurück. Der mechanische Abschminkprozess ist dran. Wattepads wischen Maskarabraun, Farbspuren in Beige. Ein Handgriff folgt dem anderen, jahrelang geübt. Sorgfältig ausgeführt. Sie sah aus wie eine Puppe, als sie fiel. Was wohl Ingrid derzeit macht? Ist sie inzwischen wach? Wenn ein Mensch das Bewusstsein verliert, sieht er aus, als wäre er tot. Etwas ist weg. Die Frau liegt da. Das Leben ist woanders. Aber wo? Weit kann es nicht sein, da sie ja erwachen könnte. Dann ist die Seele wieder da. Bereit zu handeln, zu leben.

„Glaubst du an ein Leben nach dem Tod“, frage ich Clyde.

„Wir leben in unseren Kindern weiter“, sagt er und lächelt verlegen. „Wenn sie an uns denken, leben wir in ihnen weiter. Bildlich gesprochen.“ 




Anita Lang kommt aus Wien. War schon in früher Jugend eine „Leselöwin“ und maturierte 1973. Ihr Berufsweg führte als Assistentin in die unterschiedlichsten Bereiche. Zum Journalismus kam sie über das Fernstudium. Seit 2020 widmet sie sich der Schriftstellerei. Als Selfpublisherin veröffentlichte sie fünf Romane, zwei Novellen und einen Kurzgeschichtenband, als eBooks auf der Onlineplattform von neobooks und als Softcover bei epubli und BoD.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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