Wenn selbst die Gedanken nachdenklich werden

Bernd Lange für #kkl32 „Keime des Sinnvollen“




Wenn selbst die Gedanken nachdenklich werden

Auf irgendwelchen nicht klar erkennbaren Schichten zwischen Himmel und Erde befinde ich mich. Irgendwo ungenau dazwischen. Hier mein Körper, da mein Geist.

  Die 74, vielleicht auch nur 73 kg meines Körpers liegen hart am Boden, sozusagen direkt auf der Erde. Die in Gewichtseinheiten nicht messbare Menge meines Geistes schwebt weiter oben, ist ein Stück näher am Himmel. Doch weder das Gewicht noch die Höhe lassen sich festlegen. Mein Körper und mein Geist pendeln in einer ambivalenten, schwebenden Balance. Und finden dadurch kein Gleichgewicht. Der eine hat eine viel zu starke Verbundenheit, der andere zu wenig Freiraum. Durch diesen atmosphärischen Raum, irgendwo im Grenzbereich zwischen Himmel und Erde, entsteht ein gedanklicher Dialog.

„Na, dir muss es doch gut gehen, du mit deiner Standfestigkeit?! Obwohl, du liegst ja, da sollte ich wohl besser von Bodenhaftung sprechen?!“

„Ach, hör auf! Wenn ich dein zuerst genanntes Wort nehme, dann kann ich nur sagen, da ist mir viel zu viel Stillstand drin. Bei deinem zweiten Begriff von wegen Bodenhaftung, da ist es im wahrsten Sinne des Wortes so, dass ich hier unten schon richtig festgeklebt bin. Ganz im Gegensatz zu dir, ja, bei dir, da ist doch richtig Luft dazwischen, da ist noch richtig Leben drin!“

„Das sagst du so leicht! Von wegen, Luft dazwischen?! Luftleer ist das! Glaub mir, das ist ja immer das Flatterhafte an mir, das absolut nicht Greifbare. Ständig schwingt, besser gesagt, schwankt bei mir alles hin und her. Keine Festigkeit, keine klare Linie ist spürbar.“

„Und? Hast du eine Vorstellung, wie du das oder dich in den Griff kriegen willst?“

„Ne du, ich hab keine Ahnung, wie das gehen soll! Weil ich ja ständig über den Dingen schwebe, finde ich einfach nie den richtigen Halt. Kaum habe ich einen festen Angelpunkt im Visier, gehts wieder los. Immer im luftleeren Raum, nichts, woran ich mich festhalten, orientieren kann.“

„Ach, wäre das schön, wenn es mir auch mal so ginge. Ich komm ja gar nicht mehr aus meiner Verankerung raus. Alles ist so eingefahren, da bist du so auf alles fixiert, dass gar keine Chance mehr besteht, irgendwie mal auszubrechen. Mal richtig frei zu sein.“

„Mein Gott, du hast Probleme?! Ich wäre froh, ein Stück weit so ein gewisses Gleichmaß zu haben, mal zu wissen, wo genau ich bin. Um mich auch daran festhalten zu können.“

„Da, jetzt siehst du, bei mir ists genau umgekehrt. Ich möchte da einfach mal raus, raus aus der Routine, aus den festgefahrenen Strukturen, aus diesem ständigen, unbeweglichen Einerlei.“

„Hm?“

„Hm!“

„Und nun?“

„Gute Frage!“

„Was sollen wir jetzt tun?“

„Wenn ichs wüsste?!“

„Was hältst du davon: Vielleicht sollten wir uns einfach ein wenig annähern?“

„Wie das?“

„Na, du kommst ein wenig runter von deinen Höhenwahn, suchst irgendeinen Haltepunkt, irgendwas Fixes, eine feste Größe.“

„Und wie soll das gehen?“

„Na, du schwebst nicht mehr so hoch da oben, in diesen Sphären, von denen du nicht weißt, was sie überhaupt bedeuten, wo die überhaupt hinführen.“

„Meinst du?“

„Ja, guck mich doch an, ich spüre doch auch den Boden unter den Füßen.“

„Na ja, aber du siehst ja, du kommst dabei gar nicht mehr vom Fleck weg.“

„Stimmt, da hast du auch wieder Recht!“

„Also, dann sollte ich doch diese Freiheit behalten?!“

„Ja, dagegen ist ja auch nichts einzuwenden, mir gehts ja mehr darum, dass du dich nicht so weit entfernst, dich nicht immer weiter verlierst in dieser Unendlichkeit. Vielleicht, dass ich einfach wieder ein bisschen mehr Nähe fühle, erkenne, dich ein wenig mehr greifen kann?“

„Greifen? Ich denke, eher begreifen?!“

„Ja, nicht schlecht, einfach wieder zu merken, dass es dich noch gibt. Und dass du mir dabei auch in gewisser Weise helfen kannst.“

„Ich soll dir sozusagen wieder mehr Leichtigkeit, mehr Ungezwungenheit geben, damit du dich von deinen Sachzwängen ein wenig löst?!“

„Genau!“

„Und was tust du dazu?“

„Hm, ich kann ja versuchen, mich wieder aus dieser starren Umklammerung zu befreien, wenigstens wieder etwas lockerer zu werden, um wieder den einen oder anderen Sprung zu wagen.“

„Meinst du, dir gelingt das?“

„Wenn du mir dabei hilfst, in dem du mir deine Hand reichst, können wir uns ja gegenseitig aus unserem jeweiligen Sumpf herausziehen.“

„Kein schlechter Gedanke! Du aus deinem Sumpf, ich aus meinen Spinnwebennetzen.“

„Nicht schlecht, der Vergleich!“

„Ja, das ist wirklich ein guter Gedanke! Wenn du versuchst, dich Stück für Stück mehr und mehr abzuheben von deiner Erde, ohne natürlich gleich abgehoben zu werden, dann versuche ich, dir ein wenig entgegenzukommen und ein Stück weit wieder Boden unter die Füße zu kriegen.“

„So einfach ist das?“

„Vielleicht schon?! Ein Versuch ist es doch wert, oder?“

„Ja, ich denke schon!“

„Na siehst du!“

„O. K., ich erkenne, ab und zu brauchts halt schon das Runterholen auf Normalnull!“

„Das ist richtig, aber genau so wichtig ist das Aufbrausen der Gedanken auf höherem Niveau!“

„Auch wieder wahr!“

„Na denn!“

„In diesem Sinne!“

„In diesem Sinne!“

„Wahrscheinlich sollten wir gar nicht so tief darüber nachdenken?!“

„Und das Ganze auch nicht so hochtrabend behandeln?!“





Bernd Lange 

http://www.schreiberei-b-lange.de

Was ich über mich schreibe:

_ geboren am 11. Juli 1949 in Berlin;

_ gewachsen in Köln;

_ gelebt in Stuttgart, Freiburg und wieder in Stuttgart;

_ geschäftlich bis 2018 als selbständiger Werbe- und PR- 

  Texter, Konzeptioner sowie Redakteur, Fachautor und Blog-

  Arbeiter unterwegs gewesen;

_ Dozent für Kommunikation und Werbliches Schreiben;

_ seit 2022 im “Unruhestand“ an der Uni Tübingen nochmals

  angefangen zu studieren: Literaturwissenschaft/Kreatives

  Schreiben und Klassische Archäologie.

Was andere über mich erzählen:

Vor meiner Schreibmaschine sitzt er, lebt er.

Freut sich über geglückte Worte, verflucht misslungene.

Wenn der Mond mit seinen Schatten Sujets camoufliert, ist er glücklich.

Und wenn dann die Sonne wieder mit ihrer Evidenz prahlt, geht sein Leben weiter.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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