Lilly Ripke für #kkl34 „Klarheit“
Mit offenen Augen ertasten, mit geschlossenen Augen sehen
Ich öffne die Augen, schaue nach vorne, und die Welt erstrahlt im Licht.
Das erleuchtete Bild trifft auf meine Netzhaut. In meinen Augen, ein klares Bild von der Welt. Ein schräger Lichtstrahl fällt auf den Rasen, der mit tau bedeckt ist. Die Luft ist klar an diesem kühlen Herbstmorgen. Wir sagen, die Luft ist klar, wenn man alles sehen kann. Wir sagen, der Himmel klärt auf, wenn sich die Wolken verziehen, und wir freuen uns, wenn im klaren Nachthimmel die Sterne funkeln. Wir sagen, „ist doch klar“, wenn etwas eindeutig erscheint. Wir trinken klares Wasser aus kristallklaren Gläsern, die von Flecken frei poliert wurden, um schön klar zu sein. Genau wie der Himmel aufklärte, klärt auch unsere Gesellschaft auf, in der Aufklärung. Es wird alles klar. Ist doch klar.
Wenn es klar ist, kann man sehen. Wenn es klar ist, gibt es keine Ambivalenzen, keine Zweifel, keine Wolken, die etwas undurchsichtiges verstecken, die überhaupt irgendetwas verstecken. Alles ist klar.
Wir streben nach Klarheit in der Wissenschaft, wir streben nach Klarheit in unserem Leben. Wenn etwas klar ist, ist es leichter zu handeln, denn dann ist die Welt eindeutig. Wenn es klar ist, zieht die Sonne auf und erhellt alles, das Licht erleuchtet den Raum, die Aufklärung erleuchtet die Welt.
In unserem Denksystem, in unserer Sprache, hat Klarheit hat eine Form. Eine klare Linie ist nicht verschlungen, chaotisch, kreuzend. Bei einer klaren Linie, denken wir an eine gerade Linie, wie mit dem Lineal gezeichnet, ein Strich, zack. Sprache verspricht Klarheit. Wörtern, Symbolen, werden klare Bedeutungen zugeschrieben. Klare Linien verbinden Wort und Bedeutung, klare Regeln verbinden Wörter zu Sätzen, und scheinen eine klare Aussage zu machen. Denken verspricht Klarheit.
Im Licht des Verstandes wird unsere Welt größer. Erleuchtet wird der Horizont breiter, schließt immer mehr mit ein. Wir sehen immer mehr. Wir sehen nicht mehr nur unsere nächsten Nachbarn, unser Stück Land, unsere Wahrnehmung der Realität, unsere Denkweise, unsere Lebensweise. Wir sehen jetzt unendlich viele Nachbarn, so viele andere Wahrnehmungen der Realität, so viele andere Denkweisen, so viele andere Lebensweisen. Die Menge an Einheiten der Welt, die wir wahrnehmen können, wächst, genau wie die Möglichkeiten, sich neue Einheiten zu erschließen, wächst. Wir haben Zugriff zu unendlichem Wissen, wir können immer mehr Faktoren in die Gleichung mit einschließen. Die Gleichung, mit der wir durch unser Leben navigieren, wenn wir versuchen zu verstehen, wie wir leben sollten, wollten. Und diese immer größere Gleichung kann uns immer mehr Klarheit verschaffen, wir sehen immer mehr, wir verstehen immer mehr. Habe ich einen Zweifel, eine Frage über die Welt, kann ich mir jetzt Klarheit verschaffen, indem ich mir neue Informationen suche, die den Zweifel aufräumen. Ein neues Stück Information, eine neue Einheit für die Gleichung. Manchmal gibt es eine neue Lücke, gibt es plötzlich eine Unklarheit. Die Gleichung funktioniert plötzlich nicht mehr, ein unvorhergesehener Faktor ist aufgetreten. Also kaufen wir ein neues Buch, lesen einen neuen Artikel, suchen eine neue Information, die diesmal die Lücke schließen kann. Die Welt macht wieder Sinn. Die Lücke wird geschlossen, die Linie ist wieder gerade, ich habe Klarheit geschaffen. Und so wächst stetig unser Gerüst aus Klarheiten, die wir schaffen, und wir verstehen so viel, und wir Wissen so viel. Die Wolken verziehen sich, der Himmel klärt auf. In der Lichtung, die sich auftut, gibt es Ruhe, die Sicht nicht durch Bäume verstellt, der Weg von der Sonne erleuchtet. Das Glas fein poliert. Alles strahlt im Licht des Wissens, des Verstandes, der Aufklärung. Alles strahlt im Licht.
Ich schließe meine Augen. Plötzlich ist alles Dunkel und ich sehe nichts mehr. Kein Licht mehr, um zu sehen.
Ich fange an zu taumeln, nichts mehr woran ich mich festhalten kann, ich sehe den Weg nicht. So blind zu sein, macht Angst. Nicht zu Wissen, macht Angst. In der Dunkelheit ist kein klarer Weg ersichtlich, in welche Richtung ich laufe im Dunkeln irrelevant, sieht doch jede Richtung im Dunkeln gleich aus. Diese Unklarheit macht Angst. Dass im Dunkeln alles lauern kann, macht Angst. Es gibt kaum etwas beängstigenderes als vollkommene Dunkelheit.
Und doch, gibt es wohl kaum schöneres, als die Augen zu schließen und vollkommen in Musik zu versinken. Doch, gibt es kaum intensiveres, als die Augen zu schließen, wenn man mit einem anderen Menschen intim wird, wenn man berührt wird, im Dunkeln, und man die Fingerspitzen des Anderen mit ganzer Intensität spüren kann. Wenn ich die Augen schließe, wenn es außen dunkel wird, leuchtet die Welt in mir auf. Ich sehe nichts mehr, aber meine anderen Sinne leuchten mit aller Kraft auf. Ich muss an verliebt sein denken, wenn man so gar nicht klar ist. Wenn man auf diesem Gefühl schwebt, und alle Gedanken wie weiche Wolken sind, verschwommene Gedanken, flüchtige Bilder. Und der Blick ist überhaupt nicht weit, er ist eng, findet immer wieder nur zu diesem Nebel aus dieser einen Person zurück. Trotzdem fühlt es sich überhaupt nicht eng an, fühlt es sich überhaupt nicht dunkel an. Zusammen im Bett liegen, mein Kopf vollkommen leer, wie Watte, eine warme Höhle von außen und in meinem Kopf. Die besten Nächte, die besten Tage, wenn man nur noch im Moment lebt, ohne Überblick über die Kontinuität des Tages, der Nacht zu haben, schwebt man einfach mit, mit allem, was passiert, ohne wirklich zu verstehen, was passiert. Die Landschaft im früher Morgenlicht ist so klar, aber die Landschaft in der Dämmerung, im Nebel, ist die, wo alles verschwimmt. Wie im Zustand zwischen Schlaf und Traum, verwachsen die Seiten, und eindeutige Formen ergeben die bizarrsten Gestalten, Gesichter. Beängstigend, aber es sind auch die bizarren Gestalten, die Kunst schaffen, die Mystik schaffen. In der Dunkelheit lauert alles, und in der Dunkelheit kann alles passieren. Ich kann nicht ohne diese Dunkelheit leben, sie ist so aufregend, sie zieht mich an, es kribbelt in meinen Fingern, während ich über sie schreibe.
Olga Tokarczuks schreibt über zwei Protagonisten aus dem 18. Jahrhundert, die erörtern, was Aufklärung wohl bedeute: „ Nur in einem Punkt sind sich beide einig: Die Hauptsache ist der Verstand, und einen ganzen Abend lang drehen und wenden sie die Metapher vom Licht des Verstandes, dass alle Menschen gleichermaßen erhelle und Klarheit in die Welt bringe. Gertrude bemerkt, dass bei heller Beleuchtung immer auch ein Schatten entstehe, eine Verdunkelung – je strahlender das Licht, desto tiefer und dunkler der Schatten. […] Ebendies ist das beunruhigende an dem neuen Begriff: Die Aufklärung beginnt, wenn der Mensch den Glauben an das Gute und die Ordnung der Welt verliert – sie ist ein Ausdruck von Misstrauen.“[1].
Durch mehr Wissen, durch mehr verstehen, durch mehr Faktoren in die Gleichung einschließen, mehr Klarheit zu verschaffen, ist ein gefährlicher Weg. Je mehr Wolken sich vom Himmel verziehen, desto mehr Sterne werden sichtbar im Nachthimmel. Jede neue Klarheit, jeder neue Stern, schafft einen neuen Punkt im Koordinatensystem und je mehr Punkte im Koordinatensystem, desto schwieriger die Aussage zu begreifen. Es scheint, dass wenn wir auf diese Weise Klarheit schaffen, dass wir dadurch mehr haben. Mehr Wissen, mehr Klarheit, mehr Worte, mehr verstehen. Mehr Licht, dass die Dunkelheit erleuchtet. Dieses Wissen, es ist klar, sichtbar, greifbar, wie Glas. Aber genau wie Glas, ist dieses Wissen, ist diese Klarheit, so unendlich zerbrechlich. Je weiter die Aufklärung voranschreitet, je mehr wir über die Welt verstehen, umso mehr Fragen gibt es. Je mehr wir verstehen, umso mehr wird uns klar, wie wenig klar eigentlich alles ist.
Vielleicht haben wir Angst vor der Dunkelheit, weil wir nicht sehen können. Dunkelheit scheint leer zu sein. Aber Dunkelheit ist nicht leer. Im Gegenteil, in der Dunkelheit lauert alles. Alles, was nicht vom Licht erleuchtbar, was nicht mit den Händen greifbar ist. Mit den Händen oder mit dem Geist greifbar. Mit dem Geist greifbar ist alles, was in Symbole, klare, abgetrennte Einheiten, Sprache, reduzierbar ist. Aber unsere Welt, unsere Natur ist alles andere als klar. In der Natur gibt es keine klaren Linien, kein Baum gleicht dem anderen, kein Lebewesen ist auf klaren Linien aufgebaut. Lebewesen sind fleischig, pochend, fließend, weich. Mit Sprache, Regeln, und Logik versuchen wir Klarheit zu bringen in diese chaotische Welt, in der es keine Punkte gibt, die man verbinden kann, in der alles alles beeinflusst, fließt, in Richtungen, die nicht vorgegeben sind, die entstehen, im Moment, durch Zufall, und durch Interaktionen, die zu komplex sind für uns, um die Kräfte verstehen zu können, die sie leiten. In chaotischen Systemen ist nichts klar. Ein Schmetterling schlägt mit den Flügeln, und hier haben wir eine Begegnung, die alles verändert. Ob die Ursache der Schmetterling ist, oder ob die Begegnung Zufall ist, wer weiß das schon.
Aber vielleicht können wir lernen, im Dunkeln zu sehen. Vielleicht ist im Dunklen sehen ist nicht begreifen. Vielleicht ist im Dunkel sehen loslassen, fühlen. Ich kann nie ausreichend erörtern, wissen, warum ich einen Menschen liebe. Aber wenn ich Liebe fühle, kann sie unendlich klar sein. Wenn ich tiefstes Vertrauen spüre, weiß ich nicht, dass alles gut werden wird. So wie man nie wirklich wissen kann, dass alles gut werden wird. Aber ich kann es fühlen. Wenn ich mich drauf einlasse. Wenn ich mich wirklich einlasse, kann das Gefühl aus der Dunkelheit alles ausleuchten mit seinem Licht und plötzlich sehe ich das Ziel ganz klar.
Vielleicht kann ich also umso klarer sehen, je mehr ich die Dunkelheit akzeptiere, ihr Raum gebe, sie annehme. Aber das funktioniert nur, wenn ich mich sicher fühle. Wenn die Dunkelheit angsteinflößend ist, nimmt sie zu viel Raum ein, überstrahlt die Helligkeit.
Sicherheit. Andere Menschen machen das Leben weniger klar, verwirrender, unvorhersehbar. Aber mit anderen Menschen zu sein, gibt dem Sein diesen weichen Untergrund, auf dem es leichter ist, sich leiten zu lassen. Wenn ich bei einem Menschen bin, mit dem ich mich sicher fühle und ich meine Augen schließe, fühle ich kein Schwarz mehr, sondern Gelb und Rot, und auch wenn ich keine klaren Konturen sehe, ist es nicht dunkel. Sicherheit. Nur wenn ich mich sicher fühle, kann ich plötzlich im Dunkeln sehen, kann mich leiten lassen, ohne erkennen zu müssen.
Kann man also allein im Dunkeln sehen? Ich weiß es nicht. Sehen im Dunkeln funktioniert anders.
Während ich im Licht diejenige bin, die meinen Blick leitet, ist es in der Dunkelheit mein Gefühl, das mich leitet. Ich kann mein Gefühl nicht auf etwas richten, so wie ich meinen Blick auf etwas richten kann. Sehen ist der einzige Sinn, den wir kontrollieren können.
Zwischen uns und dem Sehen im Dunkeln steht unser Ego. Den im Dunkeln leiten wir nicht, kontrollieren wir nicht, sondern werden geleitet, von Ahnungen, von Gefühlen. Und für den Mensch der Aufklärung scheint es nichts Schlimmeres zu geben, als sich von Ahnungen leiten zu lassen, sich von dem, was aus dem Dunkel kommt, was wir nicht verstehen, was wir nicht erleuchtet haben, leiten zu lassen. Sondern es ist einfach da. Was für eine Kränkung für unser Ego.
Ich glaube also wir können im Dunkel sehen, ja. Aber genau wie das Sehen im Hellen, kann es schnell blind werden.
In der Fotographie erschafft man Klarheit durch Kontraste. Zu viel Licht führt zu Überbelichtung, und das Bild wird unklar. Zu wenig Licht schafft zu viele Schatten, und das Bild wird dunkel. Die größte Klarheit in der Fotographie erlangt man durch das perfekte Verhältnis zwischen Licht und Schatten, die Anwesenheit von beidem gemeinsam.
Was bedeutet das für unseren Geist?
Es regnet. An den Kanten des Geländers formen sich langsam große Tropfen, die Spannung des Wassers, fließend und doch fest. Durchsichtig, aber nicht leer, spiegelt sich doch das Licht und damit die Welt in ihnen. Wie Kreativität sammeln sie die Welt in sich und bringen sie in eine neue Form. Die Landschaft, die sich im Wassertropfen sammelt wie im Auge eines Fisches, ist verdreht. Die ganze Welt in einem Tropfen. Welche die echte Welt ist, hängt nur davon ab, auf welcher Seite der Wasseroberfläche man sich befindet. Ich tauche unter und Luftblasen steigen nach oben. Sie sind leer, wenn das Wasser sie umschließt. An der Oberfläche platzen sie auf und nehmen die ganze Welt in sich auf. Was ist nun das Vollere, der Wassertropfen oder die Luftblase?
Ich tauche unter und die Welt wird dunkel. Aber ich schwebe, das Wasser trägt mich. Ich tauche auf und die Welt erstrahlt im Licht. Ich sehe, aber die Schwerkraft zieht mich zu Boden. Wie ein Delfin wechsle ich die Welten im rhythmischen Schwung. Und endlich schwimme ich.
Carlos Castaneda schreibt in seinem Buch „die Lehren des Don Juan“ über das Sehen: „Er erwiderte, daß man mit den Augen empfinden kann, wenn die Augen nicht direkt in die Dinge sehen.“ [2]
Diese Klarheit, die aus der Anwesenheit von Licht und Schatten erwächst, ist eine andere als die, die der Mensch der Aufklärung kennt. Ich kann sie nicht einfangen. Vielleicht will ich sie nicht einfangen. Sie kommt in allen Formen und Farben, ist fließend, und statisch, hell und dunkel zugleich. Und ich glaube, jeder muss sie für sich selbst entdecken.
Und doch ist sie, wenn sie da ist, so unendlich klar.
[1] Tokarczuk, O. (2019). Die Jakobsbücher. Kampa Verlag AG, Zürich. Seiten 168-172.
[2] Castaneda, C. (1972). Die Lehren des Don Juan, Ein Yaqui- Weg des Wissens. 13. Auflage. Fischer, Frankfurt am Main. Seite 28.
Ich bin Lilly Ripke, 25 Jahre, ich studiere Cognitive Science im Master an der Universität Wien. Ich liebe die Wissenschaft, aber auch die Kunst und ich strebe danach, die beiden zu verbinden. Ich glaube wir brauchen es.
Über #kkl HIER

Schöner Text, der genau diese Verbindung von Wissenschaft und Kunst schafft
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