Windstill

Julia Gaiswinkler für #kkl34 „Klarheit“




Windstill

Als sie zum ersten Mal in den Süden, nach Spanien, gefahren waren, war sie der südfranzösischen Landschaft verfallen. Der Duft des Meeres, die Geschäftigkeit der Côte d’Azure, es war herrlich. Am liebsten wäre sie nie wieder von dort weggefahren, hätte ihr Zelt gerne ewig am Strand von Saint Raffael aufgestellt und den ausfahrenden Seglern und vorbeirauschenden Möwen zugesehen, die in einer solchen Gleichmäßigkeit ihr Ankommen ausübten, dass sie meinte, es müsse sich um eine lang einstudierte Choreografie handeln. Die Tage an diesem Strand schwanden wie die Gletscher, erst langsam und unmerklich, dann zu schnell und unaufhaltsam. Schon damals, bei Nacht im Zelt, jenem mit Gittereinsatz an der Decke, die Sterne beobachtend – sieh nur, der große Wagen ist uns gefolgt – lag etwas Undeutbares in der Luft. Die Gewissheit, dass diese Reise ihre Leben verändern würde, spürten sie mit jedem Atemzug. Zumindest waren sie sich dessen später einig. Damals gab es bloß die Sterne, die viel zu warme Luft und das Meer, das einen klaren Kopf versprach. Der Atem war heiß an ihren Gesichtern als sie voreinander, die Köpfe an der Stirn verbunden, nackt im nabelhohen Wasser standen, Brust an Brust, Geborgenheit und Heimat suchend. Ihre Hände suchten einander und so standen sie, bis die Kälte des Wassers die Lippen und sie einander zum Beben brachten. Sie legten neue Scheite auf das Lagerfeuer, die Funken stoben gen Himmel und ihre Augen trafen sich im orangenen Licht. In ihnen schlummerte etwas, es schien hungrig und nur das Salz ihrer Haut vermochte Abhilfe zu schaffen. Sie wussten, dass sie hier nicht ewig würden bleiben können, war doch Spanien das eigentlich deklarierte Ziel der Reise und der Grund für ihren betrübten Aufbruch. Mit Sand zwischen Zähnen, Haar und Fingernägeln wurde der Weg fortgesetzt, über die ungewöhnliche Wärme, die eine andere war als sie sie kannten, geredet und in Erinnerung und Vorstellung geschwelgt. Wie würde die Ankunft wohl werden?

Die Weiterreise im klappernden Bus, ein Geschenk des Großvaters, war durchzogen von vorsichtigen Blicken zur Seite, sich zufällig berührenden Fingerspitzen, Händen die Haarsträhnen aus verschwitzten Gesichtern schoben. Sie tänzelten umeinander, hielten Abstand, gleichzeitig das Warten auf die Ankunft nicht aus. Dort wo sie hinwollten, wo sie fortan hingehörte. In den stickigen Raststätten-Toiletten spritzte sie sich das bräunliche Wasser aus den Hähnen ins Gesicht. Es war nicht nur die Wärme, die sie ins Schwitzen brachte. Der Gedanke an die Zukunft, bereitete ihr Angst. Und so wurde der Weg sorgenvoller fortgesetzt, die gemeinsame Auszeit vom Leben schien immer unfreiwilliger zu werden.

Sie wollten an den Rand der Welt, soweit die Reifen sie tragen würden. Was sie nicht wussten, würde ihnen während der Reise klar. Etwa, dass sie einen Teil ihres Herzens dort lassen würde. Der andere Teil würde immer noch ihr selbst gehören, hatte sie sich doch von Anfang an geschworen, sich nie zu verlieren, gar zu vergessen. Aber wie kann vergessen werden, wenn nicht gewiss ist, was war? In ihren Erinnerungen begann ihr die Wahrheit zu entrinnen. Mit jedem verzweifelten Versuch sie zu behalten, verblasste sie stärker. Die Realität vom Traum kaum mehr zu unterscheiden. Erinnerungen an das vergangene Leben und ihren drängendsten Wunsch. Der Wunsch nach eigenem Ende, schnell und permanent. Im Rauschen des Windes und der vorbeifahrenden Autos, wurde das Bild vor ihren Augen zu grauer Statik. Die Hand am Oberschenkel wog schwer, war mehr Last als Anker. Der sichere Hafen am Beifahrersitz wurde zum Gefängnis, die warmen Worte zu Lärm. So wichen die Tage den Nächten, ihre Existenz völlig ausgehebelt. Als der Raum dann zu eng wurde, ihre Fragen zu viel Platz einnahmen, folgte bittersüßer Abstand. Zunächst nur im Bus, aufgeteilt auf zweierlei Blickrichtungen. Allmählich dann doch mittendrin. Als das Ziel erreicht war, folgten Blicke zum Horizont und einander in die Augen, erhoffend da käme noch etwas. Stattdessen zog die Leere in ihrem Leben ein. Am Beifahrersitz und im Kopf.

Der Wagen des Großvaters parkte fortan am Rand der Welt. Dort wo die Klippen nicht Ende, sondern Anfang bedeuteten und die Wellen, die gegen den Stein schlugen, den Rhythmus vorgaben. Ihr Herzschlag glich sich dem des Ozeans an. Oft stand sie am Rand dieser Klippen und blickte in den schäumenden Abgrund. Sie dachte an die Ruhe die augenblicklich folgen würde, würde sie sich ihm hingeben. Mit jedem neuen Tag bewegte sie sich, die Arme weit geöffnet, einen Schritt weiter nach vorn. Bis ihre Zehen dann über den Rand ragten und nur der Gegenwind sie zögerlich festhielt. Als sie ihre Augen am Tag darauf öffnete, war es windstill. Es schien, als sei sie sich selbst überlassen, die Entscheidung nur ein Gedankenkreisen entfernt. Sie stand auf den Klippen und brüllte gen Horizont, blickte nach vorn und oben, schrie was das Zeug hielt. Dann wurde sie still, trat einen Schritt nach vorn, und noch einen, ganz so, als hätte sie einen Entschluss gefasst, drehte sich um und spürte die Endlichkeit im Rücken. Ihre Knie gaben nach und ließen sie in den Staub sinken, wo sie langsam zu neuer Form erhärtete.

Sie wusste nicht, wie lange sie dort gekniet und das Haupt gesenkt hatte, das Gesicht in den Händen verborgen, das Antlitz verschwommen. Als sie sich hinter ihren Händen hervorwagte, sah sie die aufgezogenen Wolken. Sie verdeckten den Himmel und den Horizont. Da setzte sie sich in den Wagen, blickte auf die aufgeschreckten Vögel, die unruhige See, und bemerkte die Ruhe in sich. Sie bemerkte ihren klaren Kopf, den Herzschlag, der wieder ihr eigener war. Fortan schrieb ihre Geschichte sich in Spanien fort. Sie schlief bei und mit den Einheimischen, aß was man ihr kochte, sang am Lagerfeuer. Nachts öffnete sie ihre Augen für die Sterne, jeden einzelnen hatte sie benannt, den großen Wagen immer Blick. Es schien vollkommen, als hätte sie das Leben begriffen, so als hätte Spanien sie ganz werden lassen. Dabei fehlte etwas. Das Bild war verzerrt und unscharf, ihr Herz unvollständig. Sie hatte einen Teil auf der Reise verloren, wusste wo, wusste wann.

Also suchte sie die übrigen Teile ihres Herzens die sie hier verstreut hatte. Sie sammelte sie behutsam ein, um ihre gläsernen Saiten nicht zu bersten und versuchte die Sollbruchstellen zu kitten. Dabei fanden sich Fitzel von Vergangenem, verfangen in Alltäglichem, wie Federn im Haar. Ein Tanz – und während sie sich so der Musik hingab, fehlte ihr das Publikum und die stumme Betrachterin des Werkes. Da stand sie still, sog die Luft, gesättigt von Salz und Hoffnung, ein. Stand einfach da. Auf ewig hätte sie so stehen können. Dann bewegte sie sich ruckartig fort, wusste was zu tun war, wusste wo sie hinmusste. Ein Schritt nach dem anderen. Zündschlüssel, Motorengeräusch, Benzingeruch. Beschleunigen, erst zart und vorsichtig, dann gewagter. 50, 80, 160. Die Landschaft flog an ihr vorbei, wie die Zeit es ständig tat. Sie öffnete das Fenster, wollte noch einmal diese Luft spüren. Diese besondere Luft, die es nur hier gab. Die, die nach Aufbruch und Ankommen, Freiheit und Heimat zugleich schmeckte. Die, die sie nicht bloß nach Sauerstoff schnappen, sondern atmen ließ. Je länger sie fuhr, desto schneller rollten ihr Tränen über die Wangen, tropften ihr in den Schoß, bis sie schließlich zum Anhalten gezwungen war. Verschwommen sah sie die vorbeifahrenden Fahrzeuge, jedes einzelne erzählte ihr seine Geschichte.

Da war er, der mit seiner Familie in den Urlaub fuhr. Zu viert waren sie gefahren, allein kehrte er heim. Darauf folgte die Alte, nur der Wagen in noch schlechterem Zustand als sie selbst. Sie fuhr mit einer Dose im Handschuhfach, erst noch gefüllt, dann leer. Platz für neuen Inhalt. Den weißen Sandstrand hinterließ sie grau, der Wind hatte ihren Plan vereitelt. Hintendran die Eheleute. Frisch aus den Flitterwochen, direkt am Strand, Privathaus der Schwiegermutter. Der erste große Streit darin. Sie fuhren schweigend, hielten sich an den Händen, einer fester als der andere.

Mit der Zeit wurde sie ruhiger. Die Tränen quollen ihr nicht mehr unkontrolliert aus den Augen. Ihr Herzschlag verlangsamte sich, der Atem wurde tiefer. Als sie ihr Gesicht im Spiegel betrachtete, leuchteten ihre Augen ihr entgegen, als sagten sie, wir schaffen das. Da drehte sie den Zündschlüssel erneut herum, sog den Benzingeruch tief durch die Nase ein und fuhr weiter. Dorthin, wo der Rest ihres Herzens war. Dorthin, wo allein zu sein nicht bedeutete einsam zu sein.

Als sie bei ihr ankam war es dunkel. Die Lichter in der Wohnung gedimmt, wie ein leiser Hoffnungsschimmer. Das Klopfen an der Tür zart und zögerlich, sich fürchtend vor verwehrtem Einlass. Als sie sich dann gegenüberstanden fielen Worte, die zu Entschuldigungen wurden und Tränen, die sie unterstrichen. Wie Fremde näherten sie sich einander an. Sie erzählte von Spanien, den Klippen, dem Meer darunter. Dann vom Wind und den Wolken, der Klarheit die darauffolgte. Da beginnt sie sie festzuhalten, fester als je zuvor. Versprechungen werden ins Ohr geflüstert. Irgendwann will sie es dann sehen. Den Rand der Welt mitsamt den Wolken und der Klarheit. Die Veränderung, den Ort, der ihr Herz wieder heil machte, an dem sie dennoch ein Stückchen liegen ließ. Zur Sicherheit. Also sitzen sie schon bald im Zug, kurz danach oberhalb der Gischt. Der Wind wie Aufatmen.

Während sie so sitzen, sehen sie den Läufern zu. Beim Lauf gegen die Zeit, die Alten schneller als die Jungen, ergriffen von Furcht. Furcht vor Zerfall und schnellerem Ende. Abwenden lässt es sich aber nicht. Denn Stillstand folgt, wo Fortgang fehlt. Sie aber schmiegt sich tiefer in die Kuhle zwischen Hals und Schulter, füllt sie mit Kopf und Tränen, wohlwissend, dass auch sie bald wieder laufen könnten. Aber jetzt ist da bloß das verborgene Sternenzelt über ihren Köpfen, ein Meer zu ihren Füßen und Heimat im Herzen.




Julia Gaiswinkler wurde 2001 geboren und wuchs in Altaussee auf. Sie lebt in Altaussee und Wien und studiert an der Universität Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaften sowie Germanistik. 2021 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Mélange“. Weiters ist sie Preisträgerin des 7. Ingeborg Bachmann Junior Preises sowie des Option Awards 2020.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Windstill

  1. Schöne Geschichte! Über die Protagonistin würde man gerne einen längeren Text lesen, der uns noch mehr von ihr erzählt.

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