Ein Stoiker am Pokertisch

Roland Schwarz für #kkl34 „Klarheit“




Ein Stoiker am Pokertisch

„Blicke in dein Inneres! Im Inneren ist die Quelle des Guten, eine unversiegbare Quelle, wenn du immer nachgräbst.“

(Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, Buch 5, Vers 59)

Wie glaubwürdig ist es, wenn mir ein ehemaliger Profi-Pokerspieler erzählt, er sei Stoiker? Glücksspiel und Stoizismus. Wer kommt als Nächstes? Ein Puritaner der einen Stripclub betreibt? Ein Klimaaktivist mit Privatjet? (Beste Grüße an Leonardo DiCaprio an dieser Stelle.) Nun, es lohnt sich jedenfalls zuzuhören.

Diese Geschichte beginnt in Eindhoven. Denis verbrachte dort die ersten 26 Lebensjahre, also seine Kindheit, die Schul- und Universitätsjahre, sowie seine ersten beiden Erwachsenenjahre mit Full-Time-Job. Er hatte Informatik studiert, arbeitete für einen Software-Entwickler, verdiente gutes Geld und verbrachte die Wochenenden mit Freunden und in der Squashbox. Eigentlich ein gutes Leben, jedoch war es ihm ein wenig zu monoton, also kratzte er eines Tages seine Ersparnisse zusammen, mietete eine Wohnung in der maltesischen Hauptstadt La Valletta, verdingte sich ab und an mit seinen IT-Kenntnissen als Projektmitarbeiter, jedoch vor allem in einem der zahlreichen Casinos als Pokerspieler. Er war schon in Eindhoven diesem Glücksspiel zugetan gewesen und nun wollte er dieses Hobby zum Beruf machen, sprich: genug Geld damit verdienen, um davon leben zu können.

Der junge Mann hatte Talent, reifte tatsächlich in kurzer Zeit zum Profi, gab das gelegentliche Programmieren ganz auf, mietete eine größere Wohnung mit Balkon und Meeresblick, und genoss das freigeistige Inselleben in vollen Zügen. Er saß nach einem gewonnenen Pokerturnier gerne in einer schicken Hafenbar und gönnte sich einen hochpreisigen Whiskey, schaute dem Sonnenaufgang entgegen, lächelte zufrieden und ein wenig selbstgefällig. Ab und zu hatte er Affären mit Touristinnen, jedoch die meiste spielfreie Zeit verbrachte er allein in Cafés, Bars, oder eben auf seinem schicken Balkon. Ein Lebenswandel, der einen vor Neid erblassen lässt. Aufregender als James Bond. Auch Denis sah es anfänglich so. Nur begann er nach der anfänglichen Euphorie ein wenig an Einsamkeit zu leiden, auch Selbstzweifel gemengten sich dazu. Es wurde ihm bewusst, wie unerfüllt sein Leben letztendlich war. Dabei hatte er seine Freunde in Eindhoven mit ihren öden 40-Stunden Jobs immer belächelt, war ja genau deswegen auf Malta gelandet, weil er dieser – wie er es nannte – „bürgerlichen Hölle“ zu entfliehen trachtete, wollte mehr Abenteuer, Reisen, Risiko und – jawohl! – Frauengeschichten. Trotzdem fehlte ihm etwas. Etwas, das jene, die er gerne belächelte, um nicht zu sagen bemitleidete, zur Genüge hatten: Ein Gefühl von Zufriedenheit. So begann er, nachdem ihn während eines Nachmittagsspaziergangs das Buch in einer Buchhandlung geradezu angesprungen hatte, die Selbstbetrachtungen des Marc Aurel zu lesen; der römische Kaiser war der letzte der großen Philosophen der Stoa.

In dem Buch geht es – wie in allen philosophischen Strömungen – um die großen Fragen des Lebens: Wie soll ich leben? Wie gehe ich mit Unglück und Unrecht um? Wie vermeide ich negative Emotionen? Welche Rolle sollen meine Mitmenschen spielen? Zufriedenheit durch tugendhaftes Leben und Handeln, möglichst frei von Laster und Leidenschaften, als aktiver „Teil eines Gemeinwesens“ (O-Ton Marc Aurel), das ist der Weg der Stoiker. Außerdem Gelassenheit gegenüber externen Dingen, also jenen, die man ohnehin nicht ändern kann. Nach und nach taucht Denis tiefer in die Gedankenwelt Marc Aurels ein, versucht dessen Weisheiten zu verinnerlichen. Als junger und ungestümer Pokerspieler war er immer der Meinung gewesen, dass der wahre Lebemann sich ausschließlich von seinen Leidenschaften beherrschen lässt, von seinen womöglich dunklen und unmoralischen Begierden, seinen Trieben. Er wollte immer groß abkassieren beim Pokerspiel und seine Gegenspieler zur Weißglut bringen, er genoss es, wenn er bewundernde Blicke beim Genießen des teuersten Whiskeys auf der Karte erheischte, fand es wahnsinnig aufregend, Touristinnen mit seinen Inselgeschichten zu beeindrucken und betören. Nur hatte ihn dieser Lebenswandel eben nie erfüllt, auch nicht bei Befriedigung ebendieser Begierden, oder höchstens episodisch, nie permanent. Im Gegenteil, das Gefühl der Einsamkeit, ja manchmal der Scham, war nach Abflauen des Glücksmoments einer gewonnenen Pokerrunde oder intimer Nacht mit flüchtiger weiblicher Gesellschaft nur umso größer.

Nun aber beendete er die Nächte nicht mehr mit teurem Whiskey und Selbstgefälligkeit, sondern Kaffee und Marcus Aurelius. Außerdem begann er mit dem Hafenwirt zu plaudern, ihn nach seiner Meinung zu fragen, wenn ihm ein stoischer Gedanke besonders nah ging. Gastronomen sind nicht zu unterschätzende Philosophen, die im Laufe ihrer Karriere beachtliche Lebensweisheiten anhäufen. Das Gespräch mit Touristinnen suchte er nur mehr, wenn es auf intellektueller Ebene inspirierend für beide Seiten war. Allmählich also näherte sich Denis auf der Terrasse seines Hafencafés, seiner persönlichen Stoa – das Wort bedeutet ja nichts anderes als Vorhalle, also jener Ort wo in der Antike Philosophie gelehrt wurde – dem mentalen Idealzustand eines stoischen Menschen an. Er begann, eine gewisse Erfüllung, ein wärmendes Gefühl der Erkenntnis, ja Klarheit in seinen Gedanken zu spüren. Und da Stoizismus eine aktive handlungsorientierte Lebensphilosophie ist, folgten auch die Taten: Er zog sich in langsamen Schritten aus der Casinowelt zurück, nahm nur mehr sporadisch an Turnieren teil, suchte wieder nach Projektaufträgen, wo er mit seinen IT-Expertise tatsächlich etwas bewirken, einem Unternehmen weiterhelfen konnte, außerdem flog er ein Wochenende nach Eindhoven, um sich mit seinen alten Studienkollegen zu treffen und ihnen zu versichern, dass er dankbar für deren Freundschaft sei und dass sie ihn noch nicht aufgegeben hätten. Auch das hatte er bei Marc Aurel gelernt: Das erste Buch der Selbstbetrachtungen beinhaltet ausschließlich Dankesworte an alle Menschen, die ihm im Leben weitergeholfen haben, ihn geprägt, gefördert, und gelehrt haben.

„Und“, brannte mir eine Frage unter den Nägeln, als mir Denis seine Saulus-Paulus-Geschichte erzählte, „hat sich der Stoizismus eigentlich auch auf die Performance als Pokerspieler ausgewirkt?“

„Selbstverständlich!“, grinste er, „ich bin nun viel gelassener und mein Pokerface ist für meine Kontrahenten unleserlich geworden.“ Auf die Folgefrage, warum das so sei, musste er lachen: „Weil mich schlechte Karten und Niederlagen nicht mehr wirklich ärgern. Ich habe gelernt, Sonnenaufgänge zu genießen, egal wie die Nacht am Pokertisch endete. Was ist schon ein bisschen Geld? Solange ich nicht dauernd verliere, kann ich gut damit leben.“

Dennoch wollte ich abschließend wissen, ob er sich vorstellen könne, gänzlich auf Poker und Whiskey zu verzichten: „Natürlich nicht! Genuss in Maßen ist doch keine Sünde! Aber es gibt wichtigere, viel wichtigere Dinge im Leben.“

Er sprach schon wie ein echter Stoiker. Und Marc Aurel, der einst Herrscher über die kleine Mittelmeerinsel, wo sich diese lebenswandelnde Geschichte zugetragen hat, gewesen war, würde sich freuen, wenn er wüsste, dass seine philosophischen Meditationen 2000 Jahre später einem jungen Mann aus den Niederlanden dabei helfen sollten, sein Leben so zu gestalten, dass er durch stoische Lebensweisheiten Klarheit und Zufriedenheit finden würde.   




Roland Schwarz, geboren und aufgewachsen in Oberösterreich, ist Lehrer für Englisch, Geografie und Deutsch als Fremdsprache. Er lehrt momentan an der österreichischen Schule in Prag. Seine große Leidenschaft sind Bücher und es ist ihm ein Anliegen, diese an möglichst viele Menschen weiterzugeben. In seinem Erzählband Mit Moby Dick aufs Containerschiff – Wie Bücher unser Leben verändern (Anton Pustet Verlag) hat er 29 lebensverändernde Buchgeschichten aus aller Welt zusammengetragen.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Ein Stoiker am Pokertisch

  1. Guten Abend,

    Zitat:

    „Blicke in dein Inneres! Im Inneren ist die Quelle des Guten, eine unversiegbare Quelle, wenn du immer nachgräbst.“

    Frage:

    Warum soll in uns nicht beides enthalten sein

    Mit freundlichen Grüßen
    Hans Gamma

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