Alles klar?

Michael Eschmann für #kkl34 „Klarheit“




Alles klar?

In Franz Kafkas Prosa sind Protagonisten oft in unklaren Situationen. Sie wissen zwar, wo sie sind, jedoch wissen sie nicht, warum sie gerade hier sind. Eine Fremdheit, ein Unverständnis und eine Ratlosigkeit gesteigert bis zur Hilflosigkeit spricht aus den Figuren. Überträgt man diese literarische Situation auf eine reale Daseinssituation des Menschen, heißt das, wir versuchen zu verstehen, warum wir existieren. Seit Jahrhunderten eine Grundfrage der Philosophie, die aber auch von Religion und Biologie in Erklärungsanspruch genommen wird. In meinem nachfolgenden kleinen Beitrag geht es aber nur um die Philosophie, die das Ziel verfolgt, Wahrheit finden zu wollen und zu können, was in einem weiteren Sinne auch Klarheit bedeuten würde. Denn geklärt wird – wie bei Kafka – zunächst eine unklare existenzielle (Ausgang-) Situation.

Um zu verstehen, was um uns herum geschieht, müssen wir mittels unseres Verstands erkennen können. Finden wir diese Erkenntnis, sind wir zwar einen großen Schritt weiter, müssen jedoch dann ausschließen, dass wir uns nicht getäuscht haben bzw. getäuscht wurden. Mittels Fakten und unseren Sinnen plus dem sogenannten „gesunden Menschenverstand“ ordnen wir die Welt in unserem Kopf täglich neu. Diese Neugestaltung beginnt mit dem morgendlichen Aufstehen und endet mit den „Tagesthemen“ im abendlichen Fernsehprogramm. Dazwischen werden wir mit weiteren Daten aus anderen Quellen wie Familie, Kinder, Nachbarschaft und Internet überflutet. Alles zusammen ergibt dies so etwas wie unser inneres und ganz und gar eigenes „Bild der Welt“.  Es befindet sich in einem permanenten Fluss und ständigem Wechsel, besitzt keine Statik, gleicht vielmehr einem denkenden Ozean, der sich wellenartig, wunderbar beschrieben von Stanislav Lem in „Solaris“, in einem Auf und Ab bewegt. Dieses Meer an Gedanken steuert unser Dasein: Vergangenheit und Gegenwart, aber auch Bewusstes und Unbewusstes in unserem Gehirn.

Um existieren zu können, müssen wir uns orientieren können. Wir müssen verstehen, warum wir täglich immer wieder etwas tun, wie z. B. erneut aufzustehen. Für viele Menschen geschieht dies mittels eines ethischen Denksystems. Faulheit ist schlecht, Fleiß und Pflicht sind gut. Ein calvinistischer Gedanke, der bis heute ganze Teile Deutschlands prägt. Für andere hingegen ist es eine Lust am Leben, täglich eine Arbeit, ein Hobby, eine Kunst oder eine Träumerei zu vollbringen. Für eine dritte Gruppe ist es eine reine biologische Notwendigkeit. Wir müssen uns bewegen, um Futter zu finden. Jäger und Sammler sind wir – gestern, heute und morgen.

Um Klarheit – zunächst in subjektiver Form – finden zu können, muss ich Gedanken filtern. Eine Aufteilung in nützlich und weniger nützliche findet bei jedem von uns täglich statt. Bewusst und unbewusst. Sekundenschnell entscheiden wir, was gut oder schlecht für uns ist, was uns gefällt oder missfällt, ob etwas uns Vor- oder Nachteile erbringt. Eine Strategie der Entscheidungen, eine Richtlinie des Lebens findet permanent statt. Je nach individuellen charakterlichen Eigenschaften fallen diese Reaktionen langsam, impulsiv, durchdacht oder auch chaotisch aus.

Um diese Informationsflut noch steuern zu können und letztendlich auch zu wollen, benötigen wir eine Art von „Masterplan“. Er hilft uns, nicht nur den Überblick zu behalten, sondern auch die (Lebens-) Ressourcen klug und sinnvoll einzusetzen. Wir werden vieles in uns und noch viel mehr so manches um uns herum niemals ergründen und verstehen können. Dies gilt es zu akzeptieren. Insofern besteht Klarheit darüber, dass es für mich als Mensch immer unklare Situationen geben wird. Geheimnisse gehören zum Leben dazu. Ebenso die Zweifel. Sie begleiten uns durch das Leben und dürfen uns nicht in Richtung Verzweiflung treiben. Genau dies lehrte Kafka auch: Der Lebenssinn des Menschen ist nicht klar erkennbar. Und wenn es eine Klarheit gibt, dann die, dass wir sie niemals finden werden. Oder gar noch schlimmer: Wir könnten sie finden, jedoch nicht erkennen. Alles klar?





Michael Eschmann, geboren 1958 in Mannheim. Er schreibt neben journalistischen Beiträgen über Literatur und Kunst auch Essays, Gedichte, Kurzgeschichten und Theaterstücke. 2015 Veröffentlichung des Dramas: „Dantons Tod in Weiterstadt“. *** Ferner Veröffentlichungen in Online-Magazinen, Blogs und Literaturzeitschriften. *** Letzte Veröffentlichung: „Lesen“ in #kkl32 – Thema: Keime des Sinnvollen.






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Alles klar?

Hinterlasse eine Antwort zu Gamma Hans Antwort abbrechen