Michael Eschmann für #kkl35 „Erwachen“
Erwachen
Ich bin früh zu Bett gegangen. Es ist Vollmond. Im Schlafzimmer fällt etwas Licht durch die Ritzen der Jalousien. Meine müden Gedanken gelten meiner unaufgeräumten Küche. Und schnell schlafe ich ein.
In der Nacht höre ich von fern die Kirchturmuhr zwölfmal schlagen. Es scheint ein Signal für mich zu sein. Nun stehe ich langsam auf. Mein Blick schweift im Schlafzimmer umher. Meine Frau schläft und daneben sehe ich mich liegen. Ganz ruhig. Langsam komme ich etwas näher, um den Klang unseres Atems zu hören. Alles klingt entspannt und geordnet. Ich fühle mich wohl und gehe nun langsam durch den langen Flur in Richtung Küche.
Meine Wohnung erlebe ich seltsam vertraut. Und doch ist etwas anders. Ich weiß nur nicht, was. „Du träumst nur, sage ich zu mir selbst!“ Ja, ich bin sicher, ich träume. Nur jetzt ist es so deutlich, ich spüre meine Schritte intensiv. Meine Hände berühren die kalten Wände im Flur. Nein, das ist kein Traum. Ich bin sicher, ich bin wach. Ich werde unruhig.
Schnell gehe ich zurück in mein Schlafzimmer, um nachzusehen, ob ich noch schlafe. Aber da! Ja, seht nur, ich liege noch in meinem Bett, ich bin gar nicht in der Küche. Und plötzlich drehe ich mich im Schlaf von links nach rechts. Also doch alles nur ein Traum? Ein seltsamer Traum? Ich schlafe weiter.
Am nächsten Morgen, als ich in die Küche komme, bin ich erstaunt darüber, wie alles so ordentlich aufgeräumt ist. Wollte ich nicht erst heute aufräumen?
Michael Eschmann, geboren 1958 in Mannheim. Er schreibt neben journalistischen Beiträgen über Literatur und Kunst auch Essays, Gedichte, Kurzgeschichten und Theaterstücke. 2015 Veröffentlichung des Dramas: „Dantons Tod in Weiterstadt“. *** Ferner Veröffentlichungen in Online-Magazinen, Blogs und Literaturzeitschriften. *** Letzte Veröffentlichung: „Lesen“ in #kkl32 – Thema: Keime des Sinnvollen.
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