Frederik Durczok für #kkl36 „Anarchie“
Ariane – flüssig – Mond
Ariane Rath stand mit ihren altverwetzten Kleidern an der Haltestelle und klimperte unaufhörlich mit ihrem Schlüsselbund. Das tat sie nun oft.
Früher hatte Ariane Rath gearbeitet. Sie hatte eigentlich immer gearbeitet. Früh morgens gearbeitet, sonntags oft auch gearbeitet, an sich gearbeitet. Nur wenn sie mondflüssig wurde, hatte sie alles einfach liegen lassen und sich gehen lassen.
Mondflüssig, so dachte sie. Mondflüssig, wenn es Vollmond war, und sie allen sonst starr wie Granit eingefrorenen Trieben nachging. Ungebremst überschlug sie sich selbst, raffte Leben, sog ein ins Unermessliche. Mondflüssig.
Wenn die Märzsonne Arbeitenden in Gleitzeit den Aufbruch erleichterte, saß Ariane bereits am Schreibtisch. Zur Linken des Computers lag sauber orthogonal zur Tischkante ein Lineal. Im Grunde bearbeitete sie alles digital. Nur die Heftnotizen beschrieb sie per Hand. Und setzte dort saubere Trennlinien mit dem Lineal.
Granert rief an. Sie hatte die neuen Kalkulationen schon längst geschickt. Es störte sie, dass Granert zuerst anrief und erst dann seine Mails kontrollierte. Er mochte ihr Kollege sein, aber für Ariane Rath war er vor allem ein Störfaktor. Er verlangsamte, hielt auf. Die meisten Prozesse hatte sie trennen können, sodass sie in Ruhe arbeiten konnte und er … Nunja, sodass alle von ihm denken konnten, dass er arbeitete. – Nur eben der Abgleich der Kalkulationen. Darum kamen sie nicht herum.
Wie Granert, anders als bei seinen unterwürfigen Telephonaten, vor den Kollegen den Alpha machte und Ariane wie ein Mädchen belehrte, war ihr völlig egal. Gehabe, Getue und Konversation brachten nichts. Störten aber auch nicht ihre Effizienz.
Um 11:13 Uhr hakte der Server. Aber Ariane war vorbereitet. Sie öffnete nun zurückgelegte Dateien, sodass sie weiterarbeiten konnte. Und zum Lobe ihrer eigenen Effizienz brühte sie einen Grünen Tee mit Lavendelnote auf. Eine Pause? – Vielmehr eine Ehrenrunde von zweieinhalb Minuten.
Dann begann der übliche Verkehr, den sie selbst „Tennis“ nannte. Nach und nach kamen Mails von Kolleginnen und Kollegen herein, von denen niemals so viele halbwegs intensiv arbeiteten wie vor der Mittagspause. Sie parierte die Nachrichten wie Bälle aus der Wurfmaschine: der einen Dank hinnehmen, die zahllosen Entschuldigungen ignorieren, Mager nicht zu zeitig antworten, das mochte sie nicht, ein wenig mit der CC-Funktion manipulieren. – Sie spielte Gran Slam.
Und so verliefen die Arbeitstage von Ariane Rath. Ein Muster der Effizienz. Zwei bis drei Arbeitskräfte nur hätten sie ersetzen können. Undenkbar, dass man sie hochgelobt hätte; niemand wollte auf ihre Leistungen verzichten. War das ungerecht? Ariane störte sich nicht an solchen Dingen. Karriere spielte für sie keine Rolle. All ihr Ehrgeiz galt der Perfektion und der Effizienz.
Dienstags stand der volle Mond bereits nachmittags bei einem unrealistisch klaren Himmel denjenigen im Sichtfeld, die ihn sehen wollten. Die letzten notwendig gewordenen Telephonate, Mailnachrichten und Kalkulationsabgleiche führte Ariane nebenbei durch, während sie diverse Waschungen, Pflege- und Reinigungsrituale vollführte. Nicht, dass sie je ungepflegt an den zahllosen Arbeitstagen gewesen wäre. Aber jetzt sollte kein Brauenhärchen schief stehen, kein Flecken Puder zu viel sichtbar bleiben und keine Duftnote die andere störend überlagern. – Fast reinigte sie einen Schmutz, der noch gar nicht entstanden war. Ein bizarres Ritual.
Dann ermüdete auch die jugendliche Märzsonne. Der Mond war bald auch den Unwissenden weithin sichtbar und Ariane lief nervös in der Wohnung ab und auf. Ihre sonst pastellschwachen Regungen waren zu einem Gefühlsdschungel geworden, durch welchen sie tigerte und freie Sicht suchte. Sie setzte sich im engen Rock auf die geschlossene Toilette, blätterte in einer „Psychologie Heute“ und dachte kurz, so könnte sie einen schönen Abend zu Hause verbringen. Sie drehte nervös eine alte Glühbirne heraus, hatte aber keine zum Wechseln. Setzte Zahnseide an, verletzte sich ein wenig und sprang sofort wieder auf. Es wurde noch dunkler.
Sie lehnte den Kopf aus dem schrägen Dachfenster, wozu sie – wieder ohne Schuhe – auf das Bett steigen musste. Fast fiel sie vor Erschütterung vom Bett, als sie ihn in voller Pracht erblickte. Sie würde sich dem Mond nicht widersetzen können, all ihre Kontrolle schwamm wie ein entseiltes Floß. Überlegenheit und Kühle verflüssigten sich. Es war wieder soweit. Ariane Rath eilte aus ihrer Wohnung.
Stürzt fast am Treppenabsatz. Absätze klacken. Wolke trübt den Mond, kurzes Zögern. Männliche Passanten zur gaffenden Masse. Straßenbahn, Umstieg. Straßenbahn, Umstieg – andere Richtung. Lieber laufen. Hotelbar, zwei zu schnelle Sekt. Kellner am Hintern, will hier nicht bleiben. Straßenbahn, Ausstieg. Anhalter. Bläst bei freier Fahrt. Kleintransporter, Bordsteinkante. Gerade noch gut. Lässt den Fahrer verdutzt an der Ampel. Sie spült gar nicht aus. Sommerrollen beim Imbiss. Anrüchige Anspielung, eine Vietnamesin wird aggressiv. Barfuß, schnell. Schuhe in der Hand. Beim Griechen zur Familienfeier. Ouzo an der Bar. Der Kellner nickt. Ariane hasst den Geruch von Abstellkammer. Taxi. Verpasst zu zahlen. Er hupt nur hysterisch. Party in einer WG. Keine Notiz, alle früh besoffen. Eine Studentin. Eine andere. Bläst, vergisst zu welchem Gesicht. Man zieht weiter. Fällt doch auf. Nein, keine Dozentin. Rettendes Clublicht. Wahrscheinlich Jurist. Blökt wie eine Seekuh. Schläft beim Petting ein. Wacht auf von Erbrochenem. Wieder Ouzo beim Griechen. Sippe jetzt auch hacke. Ein Angeheirateter steigt auf sie ein. Der Flur. Seine Frau, eine Szene, ein Kind weint. Per Anhalter. Süße blonde Bauchhaare. Ampel. Letzte Bahn. Anhalter. Der doch gefährlich. Offene Tür bei der Fahrt. Rollt sich ab. Glück gehabt, Rock aber am Arsch. Jemand gibt 100 €uro. Donner. Wolken ziehen windig. Und als die Tagessonne dem Verflüssiger Einhalt gebietet, flieht Ariane vor ihm. Sie finden doch ihre Wohnung, ihr Bett.
Ihre Kloschlüssel.
Ein fein wenig gähnte Ariane noch am Folgetag, was sie aber nicht von der systematischen Erstellung von diversen Backups abhalten konnte, welche sie sich für den Mittwoch vorgenommen hatte. Dann blieb noch, was sie vorgearbeitet hatte, auf die kommenden Tage zu verteilen. Schickte sie alle Ergebnisse der eigenen Arbeitsprozesse en bloc an Kollegium und Vorgesetzte, gab es zu viel Aufmerksamkeit. Dann wurde Mager persönlich und Granert intrigierte oder nervte wahllos. Keiner mochte auf ihre Arbeit verzichten, aber auch niemand mit der eigenen Einfältigkeit konfrontiert werden. Oder Faulheit. Oder Unterlegenheit.
Einige Ladebalken auf dem Bildschirm liefen an unterschiedlicher Stelle parallel. Der scharf gespitzte Bleistift blieb auf der Heftnotiz mitten im Wort stehen und am Fenster flog ein ungewöhnlicher Vogel vorbei. War das eine Möwe?
In diesem Moment sah Ariane wieder das vergrämte Gesicht der vietnamesischen Imbissverkäuferin vor sich. Etwas schien sich eingebrannt zu haben. Beunruhigt blickte sie auf die Bleistiftspitze, als sei zu befürchten, er bliebe von jetzt an ewig stehen.
Dann schrieb sie weiter.
Wochen vergingen. Alle Backups waren verstaut. – Wobei ja nie alles gesichert sein konnte, schließlich kam immer etwas Neues hinzu. Und der automatischen zentralen Sicherung konnte man nicht trauen. Die Suche nach offenen Aufgaben war zwischenzeitlich schwierig geworden. Damit hatte es sich jetzt aber erledigt: Granert war befördert worden und hinterließ einen regelrechten Saustall. Es würde Monate dauern – es gab also zu tun. Die Neue arbeitete sich noch ein und würde noch eine Weile Ruhe geben.
Und dann war der Monat wieder satt gewachsen. Halbnackt lag Ariane auf dem grobgewebten Flurteppich und sah ihrem bebenden Leib zu. Von diesem Naturphänomen war sie gebannt, bald elektrisiert. Sie wusste, dass dieses Beben wohl nicht aufhören würde, für Stunden. Das erregte sie enorm.
Nach einem Windstoß durch das geöffnete Fenster wurde eine Heftnotiz zu ihr auf den Boden geweht und blieb leicht schräg haften. Doch die Störung der Ordnung rauschte nur dumpf an ihr vorbei, war sie doch ganz bei ihrem Beben. Ihr Beben, welches sie auch durch den angelegten Fetzen Stoff noch beobachtete, wobei sie nicht merkte, wie sie Treppen, Türen und den Bürgersteig vor dem Haus verließ.
Kürzeres Licht. Schnellere Nacht. Fetzen weht. Arianes Atem kurz. Frisches Grün. Flüchtiger Augenwinkel. Beton der Unterführung. Schnittiger Kerl – eben schwarze Haare. Kein Deutsch, kein Englisch, gleich los. Wird anhänglich, Taxifahrer hilft. Sehr kurze Strecke. Mond in der Frontscheibe. Kein Geld. Geschrei versinkt im Güterzuglärm. Pommesbude. Verkäufer schließt extra früh. Überall Frittenfett. Steht in der Luft. Gratis Snack danach. Joggt bis zur Brücke. Ganz kurzer Schauer. Immer noch Frittenfett. Am Einlass vorbei. Wasser im Kies. Bleibt über eine Viertelstunde. Jungs alle cool. Bulgarische Stripperin jagt sie auf den Hinterhof. Um die Ecke Bareröffnung. Mischt sich in die Nachbarschaft. Nur das Frittenfett … Alle Männer vergeben. Frigide. Beides. Fingerfood in die Damast-Serviette. Taxifahrer nörgelt. Erst in einer Craftbier-Bar. Zu nervös. Glied schlaff. Geht einfach weiter. Einfach weiter. Geht einfach. Sonne geht auf.
Mond tritt ab.
Granert war außer Reichweite. Die Neue, Simeoni – wobei sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre „Madita“, du kannst doch Madita sagen betonte – war so sehr mit Socializing beschäftigt, dass sie noch nicht störte. Der Mai machte das Arbeiten früh und lang, auch ohne künstliches Licht möglich. Und Ariane hatte so ziemlich alles unter Kontrolle, was man unter Kontrolle haben konnte.
So dachte sie.
Der Monat verging. Es wurde immer Abend, es wurde immer Tag. – Nächster Mond.
Ariane Rath saß erneut in der Bar, auf deren Neueröffnung sie erschienen war. Es war aber wirklich nicht dasselbe. Außerdem war es zu dieser Jahreszeit immer noch hell draußen. Keiner erkannte sie, auch wenn ungefähr dieselben Spießer da waren. Sie überlegte kurz jemanden auf den lieblichen Geruch von Frittenfett anzusprechen, besann sich aber eines Besseren. Warum war sie heute losgezogen, bevor sie der unkontrollierbare Trieb befiel und sie gar keine andere Möglichkeit hatte? Ehe sie zu lange ins Grübeln verfallen konnte, stand ein seltsam verhuschter Anzugträger nah bei ihr. Erst erkannte sie Granert nicht und erschreckte regelrecht als ihr ein Licht aufging.
„Ich weiß“, sagte dieser lapidar. – Für einen mittellangen Moment blickten sie einander an. Dann war er fort als hätte sich Granert in Luft aufgelöst. Seinen Rücken konnte sie nicht recht ernst nehmen. Das war nur ein Anzug, nicht wirklich Granert.
Schließlich wurde es doch ein wenig dunkler. Und auch der längste Frühsommertag musste sich unweigerlich einem Ende zuneigen.
Zigarettenahnung im Pheromonparfüm. Ersehnt Frittenfett zurück. Dieser junge Kerl im Fenster. Augenwinkel brennt. Tauben überall. Taxi hält nicht. Trotz-Burger. Nuggets. Snickers-Eis. Im Augenwinkel. Unmöglich derselbe. Zwanzig Minuten im Stripclub. Die Bulgarin. – Bietet Private Dance an. Zwei Muskelprotze in Stellung. Kabine völlig versaut. Flieht durch ein Toilettenfenster. Sommerrolle am Straßenrand. Ein Seat hupt. „Arschloch!“ Tritt an die Stoßstange. Verknackst. Überteuerte Limo beim Mexikaner. Luna-buna oder so, Hauptsache flüssig. Der Studi steht. Ejakuliert. Wird gefeuert. Kein Taxi hält. Der Kleine flennt. Letzter Ausgang, kotzt ins Blumenbeet. Der Typ geht ab. Tapas Bar. Direkt Toiletten. Auch mal probieren? Sie fesselt Arianes Blick. Stimme schrill. Probieren? Kickt schneller im Drink. Dämmert weg. Kacheln wie Kissen im Bett. Nächster Moment auf der Schüssel. Rock nicht zu sehen. Nicht allein. Kabine verschlossen. Wieder sie. Schrill. Nein, das nicht. Will das nicht. Kacheln stürzen. Warum tut sie das?
Längst hell.
„Erklären Sie das einmal. Erklären Sie das. – Einmal. Einmal jemandem.“
Er hoffte eigentlich nur, dass seine Bahn kam und er schnell auf sein Sofa konnte. Aber die Frau von der Haltestelle Lessingplatz quatschte unentwegt auf ihn ein. Wenigstens klimperte sie jetzt nicht mit ihrem Schlüssel. Wie sonst.
„Ariane, ja. Ariane Rath. Rath, das bin ich. Nicht Granert, nein. Nicht so jemand.“
Sie zuckte jetzt ein wenig befremdlich.
„Nicht Granert, der einen rufmodert, anschwärzt, verleumdet. – Aber wer glaubt Rath, glaubt einer Frau? Ariane, ja. Nicht Granert. Wer glaubt, dass man von einer Frau … Ich meine nicht von Granert, nein. Vergewaltigt, Ariane, ich.“
Dann fing sie erneut an mit ihrem nervigen Schlüssel zu klimpern. Kurz befiel ihn der Impuls sie zu fragen, ob sie denn Hilfe brauchte. Dann kam die Bahn.
Er würde eine Folge „Dark Mirror“ ansehen. – Bei Vollmond irgendwie passend, oder?
Frederik Durczok (*1986) ist Musiker, Historiker, Pädagoge und Autor. Der gebürtige Mann-heimer ist in der Kurpfalz (neudeutsch Metropolregion Rhein-Neckar) und Rheinhessen aktiv. Lesungen führten ihn darüber hinaus auch nach Soltau, in die Wesermarsch, nach Berlin (Brotfabrik Weißensee) oder auch Steinfurt (Westfalen).
Durczok arbeitet in den Bereichen Lyrik, Kurzprosa, Glosse und Erzählungen. Veröffentlicht wurden bislang Kurzprosa, Gedichte und Erzählungen in mehreren Anthologien. Im Mai 2021 gründete Durczok den Verlag „Innenseiten“.
Im Oktober 2022 war Frederik Durczok schriftstellerisch in der Künstlerwohnung Soltau, Niedersachsen tätig. – Nach Aufnahme auf die „A-Liste“ (17 von gut 100 Einreichungen) begann er im Herbst 2022 auch ein Schreibstudium an der „Schreibhain“ Schule, Berlin. Voraussichtlich 2024 erscheint im Baltrum Verlag ein Band mit vier Erzählungen.
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