Omar und Paul

Florian Mittl für #kkl37 „Präsenz“




Omar und Paul

Während ich auf den Bus warte, zünde ich mir eine Zigarette an und beobachte das rege Kommen und Gehen im Sozialmarkt gegenüber. Eine alte Frau mit Kopftuch kommt heraus und zieht mühsam ihren Einkaufstrolley hinter sich her. Ich überlege, ob ich aufstehen und ihr meine Hilfe anbieten soll. Royal Shopper steht in großen Buchstaben auf der grellroten, fahrbaren Tasche, und die Ironie lässt mich kurz zusammenzucken. Die Stadtzeitungen haben in den letzten Wochen immer wieder von der Überlastung der Sozialmärkte berichtet, da nicht nur die regelmäßigen Kunden aufgrund der Preissteigerung in zusätzliche Not geraten sind, sondern auch vermehrt ukrainische Flüchtlinge das Angebot nutzen.

„Entschuldigen Sie bitte, darf ich eine mitrauchen?“  

Ich blicke auf, sehe einen in einen hellen Sommeranzug gekleideten Mann in meinem Alter, nicke ihm kurz zu und reiche ihm Schachtel und Feuerzeug. Er klopft sich eine Zigarette heraus, zündet sie an, nimmt einen Zug und meint dann mit weit ausholender Geste Richtung Sozialmarkt:

„Schlimm, nicht?“

Ich weiß nicht, was er meint, wappne mich aber dafür, dass er nicht so sehr die Opfer von Kapitalismus und Krieg bedauern, sondern eher die große Anzahl an Ausländern kritisieren wird. 

„In Wien ist Muhammad weit vorne unter den beliebtesten Babynamen. Bei uns holen sie auch schon auf. Die Islamisten. Aber Little Istanbul brauchen wir keins, stimmt‘s?“

Ich bin erstaunt, wie schnell er zum Du gewechselt ist. Er sieht in mir wohl einen Verbündeten. Ich werfe ein, dass in vielen Kulturen Muhammad ganz allgemein ein beliebter Name ist und nicht unbedingt auf den Grad an Religiosität rückschließen lässt. Die Christians oder Marias bei uns sind ja auch nicht automatisch überzeugte Christen.

„Und außerdem lauten die übrigen Namen unter den Top 10 der männlichen Neugeborenen eher Leon, David, Max, Felix oder Paul“, füge ich hinzu. „Die Gefahr einer neuerlichen Türkenbelagerung ist also ziemlich gering.“

Mein Gegenüber ist sichtlich enttäuscht und ich hoffe, dass er es damit bewenden lässt. Die ewigen Diskussionen zu diesem Thema mit ihrer plumpen, einseitigen Argumentation fallen mir zusehends schwerer.

Leider tut er mir den Gefallen nicht. Eine Weile rauchen wir schweigend, dann deutet er auf die Frau mit Kopftuch. Sie ist noch nicht weit gekommen, aber mittlerweile hat ihr ein junger Muslim den Trolley abgenommen und geht ruhig plaudernd neben ihr her.

„Und all die Kopftuchtanten? Aber Hauptsache, wir verbieten die Kreuze im Klassenzimmer.“

Auf eine Kopftuchdebatte möchte ich mich jetzt absolut nicht einlassen und alles in mir drängt darauf, ihn einfach zu ignorieren. Trotzdem frage ich ihn, was er beruflich macht. Unhöflichkeit von meiner Seite hilft den Ausländern auch nicht weiter.

„Momentan gehe ich stempeln. Habe ich mir verdient. Ich habe ja jahrelang eingezahlt ins System. Nicht so wie all die Flüchtlinge.“ Nach einer kurzen Pause fährt er fort: „Aber ich habe eh nichts gegen die. Zumindest nichts Wirkungsvolles.“

Er lacht und klopft sich tatsächlich auf den Schenkel – sichtlich stolz darauf, dass er seinen Spruch anbringen konnte.

„Und Deutsch spricht ja auch kaum einer von denen. Und dann sagen sie, dass es so schwer ist, sich bei uns zu integrieren.“

„Deutschkurse müssen aber meistens auch selbst bezahlt werden“, erwidere ich. „Und das ist nicht so leicht mit 110 Euro Taschengeld im Monat. Nur die NGOs bieten Gratiskurse an.“

Jetzt wirft er mir einen eindeutig angewiderten Blick zu. Ich ärgere mich über mich selbst, da ich aus Erfahrung weiß, dass Fakten in diesen Situationen nichts nutzen. Es geht nicht ums Belehren, sondern um Erfahrungen und Begegnungen. Erst wenn es konkrete Gesichter und Geschichten gibt, kann sich etwas ändern. Erst wenn man sich auf die Präsenz des anderen einlässt, kann sich die eigene Präsenz öffnen.

Mein sich nähernder Bus befreit mich aus meinen Gedanken. Ich stehe auf, krame einen Flyer aus meiner Tasche und drücke ihn dem Anzugträger in die Hand.

„Ich bin heute Abend bei dieser Buchpräsentation. ‚Sisi, Sex und Semmelknödel. Ein Araber erkundet die österreichische Seele‘, heißt das Ganze. Vielleicht hast du ja Zeit; das Buch passt zu unserem Thema. Und Omar ist äußerst unterhaltsam und spricht sogar Deutsch.“

Ich steige ein und stelle erleichtert fest, dass mein unverhoffter Gesprächspartner und ich nicht auf denselben Bus gewartet haben. Als ich zum Abschied kurz winke, fällt mir ein, dass ich vergessen habe, ihn nach seinem Namen zu fragen.

Der Bus ist voll, es ist heiß und ich muss mich mit Stehplatz und Haltegriff begnügen. Ich lehne mich in den von der Decke hängenden Griff, lasse mich im Rhythmus des Buses leicht mitschwingen und blicke mich um.

Ich sehe: Weiße, dunkle und schwarze Haut; Alte und Junge; Personen mit langen Haaren, Glatze und allem dazwischen; mit bloßem Haupt oder Kopftuch, Basecap oder Hut; die eine mit langem, schwerem Baumwollkleid und die andere bauchfrei; zerrissene Jeans genauso wie Tracht; die einen das Mobiltelefon, die Zeitung oder ein Buch in der Hand, die anderen mit Kopfhörern in allen Formen und geschlossenen Augen; manche ins Gespräch vertieft und manche auf den Boden schauend; einige laut lachend, andere mit stummen Sorgenfalten.

Zusammen sind wir ein repräsentativer Ausdruck der Vielfalt in unserer Stadt, denke ich. Und für kurze Zeit eint uns zumindest das gemeinsame Schwitzen.

*

Der Saal ist gut gefüllt. Während ich für den Fall der Fälle am Eingang auf meine Bekanntschaft von der Bushaltestelle warte, sieht mich Omar und begrüßt mich freundlich. Wir wechseln ein paar Worte und er lädt mich ein, wieder einmal zum Essen zu kommen. Er ist ein großartiger Koch und ich nehme gerne an. Ich wünsche mir eine Reispfanne und als Nachspeise Atayef – kleine Pfannkuchen, gefüllt mit Nüssen oder Creme.

       „Das lässt sich machen“, meint Omar fröhlich und macht sich auf den Weg Richtung Bühne. Ich wünsche ihm gutes Gelingen für seinen Auftritt und halte weiter Ausschau nach dem Mann von der Haltestelle. Kurz vor Beginn taucht er tatsächlich auf, immer noch im Anzug.

„Schön, dass du da bist“, sage ich strahlend und reiche ihm die Hand. „Ich heiße übrigens Michael.“

„Paul“, brummt er und wirkt äußerst unentspannt. Wir gehen zu den beiden Plätzen, die ich für uns reserviert habe. Bald nachdem wir uns gesetzt haben, geht es los.

„Mein Name ist Omar Khir Alanam und ich komme aus…

dem Bauch einer Frau.“

Der Saal lacht.

„Aber ich bin in Syrien, in Damaskus geboren. Und ich muss Sie warnen: Es ist gefährlich, einen Araber einzuladen, denn man weiß nie, was man bekommt. Vielleicht werde ich vorlesen, vielleicht werde ich erzählen, vielleicht werde ich singen. “

Er macht dann von allem etwas und der Abend verläuft sehr gut. Omar wirft einen überraschenden, humorvollen und liebevollen Blick auf Österreich und vermittelt gleichzeitig viel über arabische Kultur. Gängige Themen wie Gastfreundschaft, Familie, Sprache, Essen, Tradition und Klischees werden genauso angesprochen wie Spezialfälle auf beiden Seiten, zum Beispiel die österreichische Saunakultur oder das Ritual des arabischen Neins.

Immer wieder werfe ich Paul einen Blick zu. Er ist sehr konzentriert. An einer Stelle lacht er schallend und klatscht in die Hände: Omar erwähnt, dass er bald nach seiner Ankunft und mit noch nicht ausreichenden Deutschkenntnissen gemeinsam mit Freunden aus dem Asylheim zwei Fahrräder kaufen wollte. Dafür hatten sie extra ein wichtiges Wort gelernt: verhandeln.

„Das war eine komische Situation: Der Verkäufer war im Schock, weil wir verhandeln wollten, wir waren im Schock, weil er nicht verhandeln wollte. Schließlich hat er uns zwei Räder für 85 anstatt 150 Euro gegeben. Und da dachte ich: Der Mann hat sich aber schnell integriert.“

Nach dem offiziellen Ende des Abends bleiben Paul und ich bei einem der Stehtische. Es gibt köstliche österreichische und syrische Happen und schwarzen Tee. Dieser ist von einem österreichischen Kellner „echt arabisch“ eingeschenkt worden – in hohem Bogen, ohne einen Tropfen zu verschütten. Beeindruckend.

Paul und ich tauschen Handynummern aus und er meint, dass Ausländer wie Omar schon okay sind. Ich verkneife mir zu sagen, dass dieser seit Kurzem Österreicher ist und frage Paul stattdessen, ob er sich vorstellen könne, sich gemeinsam mit mir von Omar bekochen zu lassen. Wie ich Omar kenne, werden bei unserem gemeinsamen Abend – ganz arabisch – auch andere Gäste dabei sein. Auch andere Ausländer. Und vielleicht wird Paul die dann ja auch okay finden.

„In Teufels Küche willst du mich bringen?“, fragt Paul amüsiert und beißt in eine gefüllte Aubergine, so dass ihm der Saft über das Kinn läuft. „Meinetwegen. Aber es darf nicht zu scharf sein. Sag ihm das.“





Florian Mittl

Geb. 1981, Lehramtsstudium Religion und Romanistik, Doktorat in Theologie. Einige Jahre als Religions- und Französischlehrer tätig, längere Zeit im Ausland (Paris und Baltimore) verbracht, derzeit Leiter von Kirche im Kino in Graz. Bisherige Publikationen weitgehend im wissenschaftlichen Bereich.






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Omar und Paul

Hinterlasse eine Antwort zu maddin61 Antwort abbrechen