Ilona Gruber Drivdal für #kkl39 „Hinter der Zeit
Der Baum und die Ringe
Wie Etwas der Seele sehr nahe verwandtes
erhebt sich ein Baum
aus der Mitte des Landes.
Und wo dieser Baum wächst, dort wachsen auch Ringe,
erfüllt sich ein Traum:
wir ergreifen die Dinge.
So wächst dieser Baum, während Ringe sich weiten,
wir messen den Raum,
und wir zählen die Zeiten.
Und wir wachsen hinaus, während Uhrzeigerstunden
wie die Ringe im Baum
unsre Mitte umrunden.
Und es dreht sich um uns ein schon vielmals Genanntes,
die Innschriften, ach, wir erinnern uns kaum,
doch es weckt etwas tief in mir Wiedererkanntes.
Ein Gesicht in den Falten des rauen Gewandes,
geritzt in die Rinde: Zwei Herzen im Baum,
etwas trifft uns, tief aus dem Erinnern des Landes.
Ein Bogen weit über den Himmel gespannt,
sag, wer hat durch die endlosen Weiten und Räume
die fliegenden Pfeile der Zeiten gesandt?
Etwas traf unsre Mitte den Baum und das Land,
und die Schrift ist noch lesbar geblieben,
und sie hat uns im Herzen beim Namen genannt.
Und so wachsen die Ringe, so wachsen die Bäume,
und was im Zeichen des Herzens geschrieben,
bleibt immer als Inschrift durch Zeiten und Räume.
Es weitet die Herzen, die Ringe, die Bäume.
Das Schauspiel der Zeit auf den Sonnenuhren
Wenn Täler sich dunkeln und Berge sich neigen
und Schatten wie Uhren die Zeiten anzeigen,
dann schließt sich ein Vorhang, die Nacht bricht herein:
Verzauberte Szene, erstarrt zu Gestein.
Als ob sie sich senkende Flügel hätten
umschließen die silbernen Hügelketten
das Land, und sie streifen als dunkle Kulissen
den Nachthimmel, schwarz wie in Schatten gerissen.
Sich senkende Schleier umhüllen den Baum,
es verneigt sich die Landschaft bis tief zu dem Saum
seines schattenhaft dunkelnden grünen Gewandes,
verneigt sich dem Baum in der Mitte des Landes.
Wie mit schwarzem Handschuh ergreift es das Land,
wie mit tastenden Fingern, Figuren der Hand,
wie Schattenspiele, und Scherenschnitte
umkreisen im Reigen den Baum in der Mitte.
Die Berge, die streng meine Täler umringen,
die Arme, die eng meine Schultern umschlingen,
die Hände, die hart nach dem Herzen hin greifen,
Gestalten, die durch meine Landschaften streifen.
Die Schatten sind Zeiger, die Zeiten anzeigend
sind Schauspieler, tief sich zur Erde verneigend,
auf der Bühne der Nacht, als die Nebenfiguren
im Drama von Raum und von Zeit auf den Uhren.
Denn das Schauspiel im Tal war nur Schatten, nur Schein.
Auf tut sich ein Vorhang, das Licht bricht herein.
Der Auftritt der Sonne – als Hauptfigur
der erleuchteten Zeit unsrer Sonnenuhr.
Denn die Nacht war die Wand
Ein Vorhang ging zu. Und herein kam die Nacht
zwischen uns und dem Licht. Im verschleierten Land
hab‘ ich Löcher gedacht
und die Bilder der Sterne ins schwarze Gewand.
Denn die Nacht, ein Gewand aus den feinsten Geweben,
ist ein himmelumspannender Schirm vor den Lichtern,
denn der Tag ist von schützenden Tüchern umgeben,
durchbrochen von Mustern mit Sternengesichtern.
Gedankengewölbe, von Dichtern ersonnen,
und Bilder am Himmel, von Weisen gedeutet,
die Sterne, mit silbernen Fäden gesponnen,
die Stille, von silbernen Glocken geläutet.
Ein Vorhang geht auf: Das beleuchtete Land
und die Bühne belebt sich mit schönsten Gesichtern!
Denn die Dunkelheit war nur die trennende Wand –
die Wand zwischen unserer Welt und den Lichtern.
Die Sterne, sie schreiben in unsere Bahnen:
Die Dunkelheit ist aus dem Licht nur gemacht.
Ich kann es nicht sehen, ich kann es nur ahnen:
Ein Angesicht hinter dem Schleier der Nacht!
Denn die Nacht war die Wand
zwischen uns und den Lichtern.
Ilona Gruber Drivdal

1952 in Darmstadt geboren, in Südhessen aufgewachsen. Ausbildung als Schriftsetzerin aus Freude an Wort und Schrift. Seit 1980 lebe ich an einem in Fjord in Norwegen, Arbeit mit dem ökologischen Anbau und der Imkerei, Engagement für die internationale Zusammenarbeit in einer weltweiten Kleinbauern-und Urvölkerbewegung, mit Vorträgen und Workshop-papers. Sprachlehrerin und Übersetzerin. Studium der Anthropologie (mag.), Entwicklungsstudien, Pädagogik, Germanistik, Literatur. Projekte am Kilimanjaro (Veröffentlichungen auf Norwegisch; deutsche Version mit Kurzgeschichten ist fast abgeschlossen).
In meiner Lyrik geht es um das Lesen im Buch der Natur und das Wiedererkennen der äußeren und inneren Landschaften. Mein Denken ist inspiriert von indischer Philosophie und spirituellem Suchen.
Über #kkl HIER

Sehr geehrte Frau Drivdal!
Ihre Gedichte haben mich sehr berührt.
Vielen Dank für die schönen Gedanken, Bilder und Worte.
Viele Grüße
Wolfgang Steinborn
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Danke lieber Wolfgang. Ich habe diese Gedichte vor vielen Jahren geschrieben, als ich nach Norwegen umgezogen bin. Die Einsamkeit in einem abgelegenen Tal hatte mich zuerst schmerzlich getroffen, bis ich dann aus dem Buch der Natur ,Zeichen‘ lesen lernte, Botschaften, dass wir Menschen mit alledem verwandt sind. Das kan nur die Poesie vermitteln. Tausend Dank für deinen Kommentar. Ilona
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