Serdeczności

Anette Gladys Violet für #kkl39 „Hinter der Zeit“





Serdeczności

4. Januar 2019

Schreibst du mir, dass es dir gut geht?

Serdeczności,

Stulin

Im Deutschen gibt es diesen Ausdruck nicht. Er bedeutet mehr oder weniger „Wärme.“


12. Januar 2019

Du brauchst dich nicht entschuldigen. Ich war einfach besorgt und bin froh zu hören, dass alles in Ordnung ist.

Könntest du Deine Großmutter nach der damaligen Farbe der Wände im Treppenhaus und der Form der Deckenlampe über dem ersten Absatz fragen? Die Renovierung rückt näher, und ihre Erinnerungen wären wertvoll.

Ich lasse von niemandem mein Arbeitszimmer aufräumen! Aber mit dem Beginn des Frühlings werde ich versuchen, es zu ordnen – nur ein wenig.


27. Januar 2019

Heute musste ich ins Krankenhaus und hoffe, ich bekomme mein Buch noch fertig. Der Arzt sagt, es könnte knapp werden. Seit langem weiß ich, dass mir mehr nicht viel Zeit bleibt und ärgere mich, dass ich es habe schleifen lassen.


2. Februar 2019

Wenn ich an meinen Tod denke, denke ich nicht an meine Tochter oder meine Freunde. Ich denke an das Buch. Dann daran, dass ich mein Büro aufräumen will, nicht dir zuliebe, sondern um, wenn schon kein Geld, so doch etwas Geordnetes zu hinterlassen. Und ich denke an die Renovierung, die möglichst schonend vonstatten gehen soll, so dass es ein wenig aussieht wie damals, als deine Tante (natürlich ist deine Großmutter lange tot – bitte entschuldige!) hier gelebt hat. Vielleicht sollte ich mich auf Letzteres konzentrieren. Es scheint mir am leichtesten zu realisieren, weil ich den Handwerkern nur zu sagen brauche, was sie tun sollen.


7. Februar 2019

Hat deine Tante geantwortet? Hier ist schon alles mit Folie ausgekleidet. Die Handwerker haben erst einmal mit dem Abschleifen der Treppen begonnen, so dass noch etwas Zeit bleibt, aber viel ist es nicht.


18. Februar 2019

Es ist nur logisch, dass deine Tante sich nicht erinnert. Ein achtjähriges Mädchen hat wohl kaum ein Auge für Wandfarben und Lampenschirme. Ich habe recherchiert und mich dafür in die Bibliothek geschleppt. Es könnte Beige oder ein dunkleres Rot gewesen sein; als Lampe war vielleicht ein Glasschirm montiert, der mit der Decke abschließt.

Mein Arbeitszimmer sieht aus wie eh und je. Ich schiebe es auf meine Gesundheit, was keine Notlüge ist. Noch 31 Tage, dann ist der Frühling da – du wirst schon sehen! Davon abgesehen sage ich mir, dass es ein Irrtum ist, zu denken, ein Datum könnte etwas am Wetter ändern, um nicht enttäuscht zu sein.


25. Februar 2019

Danke für das Foto. Die Klinke macht sich gut auf deinem Berliner Wohnzimmertisch. Ich bin sicher, dass deine Großmutter und auch deine Tante sie oft berührt haben. Deine Mutter wohl kaum, da sie, wie du mir berichtet hast, noch kein Jahr alt war, als sie aus Breslau geflohen sind.

Gerade sitze ich in der Küche mit Blick in den Innenhof und denke daran, wie deine Tante als kleines Mädchen im Küchenfenster saß. Bitte grüße sie von mir. Ich stelle mir vor, sie sitzt hier noch immer und höre sie lachen. Vielleicht tauschen wir einmal Emailadressen? Es würde mich freuen, persönlich mit ihr über diese Zeit zu sprechen.


3. März

Ich verstehe, dass deine Tante nicht direkt mit mir schreiben möchte. 86 ist ein stolzes Alter. Mein Arzt sagt, es ist unwahrscheinlich, dass ich es erreiche. Er drückt es milde aus. Das Buch habe ich abgeschrieben, aber das fertige Treppenhaus möchte ich noch sehen. Meine Tochter will, dass ich ganz ins Hospital umsiedele, aber das kommt nicht in Frage. Am wohlsten fühle ich mich hier, im Lehnstuhl in meinem Arbeitszimmer in all dem Chaos, wie du es nennst. Noch 18 Tage!


16. März

Die Handwerker sind heute fertig geworden. Es ist Beige geworden, das dunkle Rot war zu teuer. Die Lampe sieht, wenn man die Augen zusammenkneift und das eingravierte Muster ignoriert, aus wie von damals. Die Folie liegt noch im Treppenhaus, und ich verlasse die Wohnung nicht, da ich Angst habe, zu stolpern. Meine Tochter schimpft, weil ich nur aus Dosen esse, und ich antworte, was glaubst du, hatten sie im Krieg? Das Messinggeländer ist übrigens erhalten geblieben. Ich stelle mir vor, wie deine Großmutter sich daran festgehalten hat, wenn sie die Treppen hoch- und hinuntergelaufen ist. Auch denke ich manchmal daran, wie sie mit all dem Gepäck zum Bahnhof gelaufen ist, um einen Zug nach Westen zu bekommen. Unvorstellbar, mit einem Kinderwagen, vier Koffern und drei kleinen Mädchen, da der Bahnhof mehrere Kilometer entfernt liegt. Leider habe ich es verpasst, die Deutschen, die nach Kriegsende in Breslau geblieben sind, aufzusuchen und zu interviewen; jetzt sind alle tot. Noch ein ungeschriebenes Buch.


21. März

Ich wünsche dir einen schönen Frühlingsanfang. Als hätte ein Datum doch Einfluss auf das Wetter, zeigt er sich hier von der schönsten Seite.

Serdeczności,

Stulin

PS: Frag nicht nach meinem Arbeitszimmer!


24. März 2019

Heute komme ich nicht aus dem Bett ohne das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Meine Tochter ist in Radków; abgesehen davon hat sie ihr eigenes Leben. Eben habe ich den Krankenwagen gerufen und packe fürs Hospital. Ich schaffe es nicht mehr, aufzuräumen. Danke, will ich an dieser Stelle einmal sagen, dass du mich gefunden und mir erzählt hast, wer hier lebte, bevor die Stadt wieder polnisch wurde.

Eben klingelt es an der Tür.




Anette Gladys Violet, Jahrgang 1976, ist Diplompsychologin und promovierte Sozialwissenschaftlerin. Sie berät von Berlin aus Organisationen bei der Lösung von Konflikten.

An ihrem noch unveröffentlichten Debutroman „Nervöse Kreise“ hat sie unter anderem im Rahmen einer Romanwerkstatt mit Klaus Siblewski (Hochschullehrer, Herausgeber, Lektor) und Dorothée Schmidt (Literaturagentin) sowie mehrmaliger Schreibaufenthalte im Künstlerhaus Lukas gearbeitet. Sie ist Mitglied des Schreibkollektivs Nikki Ohio und wird von der Hamburger Literaturagentin Céline Meiner vertreten.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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